Fussball
Komornicki trifft mit Zürich United auf «seinen» FC Aarau

Er ist der erfolgreichste Aarau-Trainer des 21. Jahrhunderts. Doch die Geschichte von Ryszard Komornicki (56) deckt schonungslos die dunkelsten Seiten des Fussballgeschäfts auf.

François Schmid-Bechtel
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Warum hat Ryszard Komornicki nie das bekommen, was er verdient? «Vielleicht, weil ich zu wenig diplomatisch bin. Vielleicht, weil ich Trainer und nicht Lobbyist bin», sagt er.

Warum hat Ryszard Komornicki nie das bekommen, was er verdient? «Vielleicht, weil ich zu wenig diplomatisch bin. Vielleicht, weil ich Trainer und nicht Lobbyist bin», sagt er.

Chris Iseli

Erstmals ist Ryszard Komornicki bei einem Klub tätig, der sich den Meistertitel zum Ziel gesetzt hat. 2010 war es, als die Führungscrew des 3. Liga-Klubs Zürich United verkündete: «2018 wollen wir Schweizer Meister werden.» Obwohl im Sommer in die 1. Liga aufgestiegen, ist das Ziel «Meistertitel» allein schon mathematisch nicht mehr innerhalb der gesetzten Frist zu erreichen.

Promotion League ist das höchste der Gefühle

«Ich weiss nicht, ob ich noch lebe, wenn Zürich United Meister wird», flachst Komornicki. «Ach, wissen Sie: Die Leute, die damals diesen PR-Ballon steigen liessen, sind nicht mehr im Klub. Wir sind zwar ambitioniert und haben Qualität in der Mannschaft. Aber das höchste der Gefühle für Zürich United ist die Promotion League.»

Ein Hochgefühl ist es für Komornicki indes nicht, Zürich United zu trainieren. Nicht, dass ihm der Job keinen Spass macht. Nein, ihn bedrückt einzig, im Schweizer Profifussball nicht mehr gefragt zu sein. Es ist, als wäre die fehlende Wertschätzung Komornickis ewige Begleiterin. Dabei war er es, der für die letzten Höhenflüge beim FC Aarau gesorgt hat.

Als «Altlast» in die Saison 2007/08 gestartet, erreichte Komornicki mit dem Aussenseiter Aarau zweimal hintereinander Platz fünf in der Super League. Normalerweise katapultieren ähnliche Coups einen Trainer zu einem grossen Klub. Doch was bei Komornicki schon in Aarau hinter den Kulissen begonnen hat, setzte sich bei seinen weiteren Stationen fort – die Demontage eines Hochbegabten.

Hächler demontierte Komornicki

Komornickis Vertrag mit Aarau beinhaltete eine dreimonatige Kündigungsfrist, was im Fussball ungewöhnlich ist. Komornicki durfte an einer Vorsaison-Pressekonferenz nicht auftreten. Komornicki hatte nach der ersten guten Saison als Cheftrainer punkto Kaderzusammenstellung keine Kompetenzen mehr.

Die Demontage des Polen ist mit dem Geltungsdrang des damaligen Sportchefs Fritz Hächler verknüpft. Denn der vermögende Landwirt aus Staufen war auf den Geschmack gekommen, sich im Erfolg als sportliches Aushängeschild des Vereins zu inszenieren. Nur: Als «Koko» erst keine Spieler mehr verpflichten durfte und nach dem Sommer 2009 als Trainer nicht mehr geduldet war, folgte der tiefe Fall des FC Aarau.

Grosse Karriere und grosse Verdienste

Komornicki wurde behandelt, als sei er ein beliebiger Erntehelfer. Vergessen, welch grosse Verdienste er für den FC Aarau erworben hat und welch grosse Nummer er als Spieler in Polen und Aarau war. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, sollte er einst seinen Vater beerben. Doch Komornicki liess sich in der 200 Kilometer entfernten Kleinstadt Stronie zum Kristallschleifer ausbilden.

Dort schloss er sich mit 15 einem Fussballklub an. Mit 23 wurde er vom grossen Gornik Zabrze verpflichtet, wo er den internationalen Durchbruch schaffte. Komornicki wurde viermal polnischer Meister, spielte 20-mal für die Nationalmannschaft. Aber er hat sich nie damit gebrüstet, gegen Maradona gespielt und an der WM 1986 teilgenommen zu haben.

Aber der Ruhm war wertlos, als er nach seinem Trainer-Engagement in Aarau nach Polen zu Gornik zurückgekehrt war. Man versprach ihm dort das Blaue vom Himmel. Doch die Realität sah anders aus: Überbezahlte Spieler, die unter dem Schutz des Präsidenten standen, fehlende Lohnzahlungen für den Trainer und unterbezahlte Spieler, die nicht unter dem Schutz des Präsidenten standen.

Komornicki demissionierte nach einem halben Jahr, heuerte beim FC Wil an. Er führte die Ostschweizer raus aus der Gefahrenzone, erhielt aber den Lohn nur mit grosser Verzögerung.

Rückkehr in den Aargau zum FC Wohlen

Nach einem Abstecher nach Ägypten kehrte er im Februar 2012 in die Schweiz zum FC Wohlen zurück. Er übernahm die Freiämter auf einem Abstiegsplatz, stabilisierte das Team und schaffte den Verbleib in der Zehnerliga. Komornicki sagt: «Trotz des Erfolgs gab es Leute im Vorstand, die meine Arbeit desavouiert haben. Sie haben gewisse Spieler gegen mich ausgespielt und wollten mir die Aufstellung diktieren.» Für Komornicki ein unhaltbarer Zustand, aus dem er nur einen Ausweg sah: die Trennung.

Beim FC Luzern, seiner nächsten Station, sah er sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Dort war es Investor Bernhard Alpstaeg, der grosse Lust verspürte, seinen Trainer in der Öffentlichkeit regelmässig blosszustellen. Dort waren aber auch Spieler wie Dimitar Rangelov, die mit ihren Disziplinlosigkeiten für permanente Unruhe sorgten. Kurz: «Koko» hatte in Luzern gar nie eine Chance. Dazu passt, dass er am Tag, bevor Alex Frei seine Arbeit als Sportchef aufgenommen hat, entlassen wurde.

Zu wenig diplomatisch

Nun also Zürich United. Das ist, als müsste ein Kristallschleifer in der Kohlegrube malochen. Cezary Kucharski, früherer Teamkollege von Komornicki und heute Berater von Bayerns Starstürmer Robert Lewandowski, sagt: «Komornicki hat nie das bekommen, was er verdient.» Warum ist das so? Komornicki sagt: «Vielleicht, weil ich zu wenig diplomatisch bin. Vielleicht auch, weil ich Trainer und nicht Lobbyist bin.»