Spielerei

Kommt es im Fussball jetzt wieder zur Sommermeisterschaft?

Bis Ende April keine Fussballspiele in der ganzen Schweiz.

Bis Ende April keine Fussballspiele in der ganzen Schweiz.

Die Europameisterschaft 2020 wird wohl abgesagt. Die neue Situation lässt eine Idee aus dem Jahr 1995 wach werden.

Das Verdikt ist eindeutig: 14 von 16 Trainern sind dafür. Für eine Saison, die vom Frühling bis zum Herbst dauert. Christian Gross von GC sagt: «Die Abende im Sommer sind prädestiniert für den Fussball. Warum sollen wir nicht neue Wege gehen?» Bernard Challandes von YB sagt: «Mit der Änderung des Spielkalenders müssten die Klubs nur einmal im Jahr eine Vorbereitung durchführen.»

Die Zitate von Gross und Challandes sind 25 Jahre alt. Sie sind der Schweizer Fachzeitung «Sport» entnommen, die von 1920 bis 1999 erschien und wie die «Gazzetta dello Sport» in Italien hierzulande die Bibel des Sports war. Und vor allem sehr seriös.

«Mehr Spiele, wenn es schön und warm ist: Wieso keine Saison von Frühling bis Herbst?». Mit dieser Schlagzeile plädierte der «Sport» in seiner Ausgabe vom 7. März 1995 dafür, dass die Schweizer Fussballmeisterschaft künftig während des Kalenderjahres und nicht vom Herbst bis zum Frühjahr ausgespielt werde.

Die Frage, weshalb um Himmels willen wir just in der grössten Krise des Fussballs diese alte Story ausgraben, ist berechtigt, entbehrt jedoch nicht einer gewissen Logik. Denn die Erinnerung an sie ist durch die aktuelle Situation mit dem Corona-Virus erst wach geworden. Heute Dienstag wird die Uefa nämlich bekanntgeben, dass die EM 2020 vom Sommer in den Dezember oder ins Jahr 2021 verschoben wird. Was dann?

Wann wieder gespielt wird, steht in den Sternen

Wie weiter? Wann weiter? Gerade letzteres ist aufgrund der aktuellen Entwicklung der Pandemie unmöglich, zu sagen. Ohne EM im Sommer wächst im Klubfussball jedoch die Hoffnung, es sei möglich, die nationalen Ligen und die internationalen Wettbewerbe zu beenden. Je nach Zeitpunkt der Wiederaufnahme dürfte es aber gleichwohl eng werden. Möglicherweise würde es bis spät in den Herbst hinein dauern. Was zwangsläufig zur Idee führt, eine neue Meisterschaft dann, je nach Land, im Januar oder Februar zu starten und im November oder Dezember zu beenden. Der Spielplan müsste demjenigen der EM angepasst werden.

Natürlich ist das Ganze nur eine gedankliche Spielerei und noch kein Plädoyer für die Jahresmeisterschaft. Im letzten Vierteljahrhundert haben sich die Bedingungen im Schweizer Fussball stark verändert. Die Stadien ermöglichen es heute, auch im Winter zu spielen. Allerdings: Trotz der Klimaerwärmung wird es während einiger Monate immer mal wieder saukalt.

Die Grümpelturniere als Hindernis

So hat eine Aussage von Erich Vogel noch immer eine gewisse Gültigkeit: «Wir halten unser Produkt zur besten Jahreszeit zurück.» Vogel war 1995 GC-Manager und Mitglied jener Arbeitsgruppe der Nationalliga, die eigens gebildet worden war, um die Idee «Jahreskalender» weiterzuverfolgen. Sie war als Schweizer Alleingang gedacht und hatte zur Bedingung, dass auch der Amateur- und Nachwuchsfussball mitgezogen hätte. Doch deren Verantwortliche fürchteten um ihre über den Sommer verstreuten lukrativen Grümpelturniere und gingen in die Opposition. Vogel wetterte: «Nur die ehrenamtlichen Funktionäre sind dagegen. Fussball-Funktionäre gehören leider zu der konservativsten Kaste.»

Autor

Markus Brütsch

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