Kommentar
Der tiefe Fall des Novak Djokovic: Sein Handeln ist empathielos, egoistisch und elitär

Novak Djokovic wird in Australien zum zweiten Mal das Visum entzogen, doch seinen Kampf setzt er fort. Er handelte in dieser Woche empathielos, egoistisch und elitär. Ein Kommentar.

Simon Häring
Simon Häring
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Anhänger gingen in Melbourne für Novak Djokovic auf die Strasse.

Anhänger gingen in Melbourne für Novak Djokovic auf die Strasse.

James Ross / EPA

Das sei sein grösster Sieg, wichtiger als jeder seiner 20 Grand-Slam-Titel, sagte seine Mutter Dijana, nachdem ein Gericht am Montag entschieden hatte, Novak Djokovic sei das Visum zu unrecht entzogen worden. Am Freitag wurde dem Tennisspieler erneut das Visum entzogen. Doch sein Kampf geht weiter. Der erfolgreichste Tennisspieler der Geschichte hat wohl nicht nur die Chance auf den 21. Grand-Slam-Titel verspielt, sondern auch das Gesicht verloren. Er handelt empathielos, egoistisch und elitär.

Empathielos, weil er sich als gesunder Sportler einer Impfung verweigert, die bisher als einziger Ausweg aus einer Pandemie gilt, die in Australien viel Leid verursacht hat. Nirgendwo auf der Welt wurde die Verbreitung des Coronavirus mit härteren Massnahmen bekämpft als im Grossraum Melbourne.

Während 263 Tagen war die Stadt im Lockdown, länger als jede andere. Familien waren getrennt, Grenzen geschlossen. Menschen konnten nicht von ihren sterbenden Angehörigen Abschied nehmen, verpassten Hochzeiten und Geburtstage. Derzeit fegt die schlimmste Pandemiewelle über die Stadt, zwei Hotels werden in Notspitäler umfunktioniert.

Keine Stadt der Welt war länger in einem Lockdown als Melbourne.

Keine Stadt der Welt war länger in einem Lockdown als Melbourne.

Daniel Pockett / Imago Images

Egoistisch, weil Djokovic nie die Absicht hatte, sich impfen zu lassen und sich damit solidarisch zu zeigen. Das ist sein gutes Recht, doch er muss die Konsequenzen dafür tragen, und diese waren seit Monaten klar: Wer sich nicht impfen lässt, kann nicht in Australien spielen. Punkt. Die Covid-19-Infektion, die ihm Mitte Dezember nachgewiesen worden sein soll, half ihm, ein Schlupfloch auszunutzen. Und er fand Leute, die ihm dabei halfen. Leute, die ihm eine Vorzugsbehandlung ermöglichten. Er war der einzige Spieler, der ungeimpft in Melbourne angetreten wäre.

In Belgrad wurde für Novak Djokovic demonstriert.

In Belgrad wurde für Novak Djokovic demonstriert.

Andrej Cukic / EPA

Spartakus, Jesus, Führer der freien Welt

Egoistisch auch, weil er sich nach seiner Infektion nicht in Isolation begab, sondern einem Journalisten der französischen Sportzeitung «L'Equipe» ein Interview gewährte, ohne diesen über seinen positiven Befund in Kenntnis zu setzen. «Eine Fehleinschätzung», sagte er. Eine Entschuldigung? Kam ihm nicht über die Lippen. Dabei verstiess Djokovic damit auch gegen das Infektionsschutzgesetz in Serbien. Und in seiner Reisedeklaration unterschlug er, dass er vor der Ankunft in Australien von Serbien nach Spanien gereist war. Ein «administrativer Fehler». Seine Agentin entschuldige sich dafür.

Es ist schon erstaunlich, dass ihm jegliches Unrechtsbewusstsein zu fehlen scheint. Möglicherweise hat das auch damit zu tun, dass ihn Vater Srdjan jüngst zum «Führer der freien Welt, der armen und unterdrückten Länder und Völker» erklärt hatte. Zu einem «Spartakus der neuen Welt, der Ungerechtigkeit, Kolonialismus und Heuchelei» nicht dulde. Als wäre das nicht schon absurd genug, sagte er auch noch: «Jesus wurde gekreuzigt, ihm wurde alles angetan, und er ertrug es und lebt immer noch unter uns. Jetzt versuchen sie Novak auf die gleiche Weise zu kreuzigen.»

Srdjan Djokovic peitscht in Belgrad die Massen auf.

Srdjan Djokovic peitscht in Belgrad die Massen auf.

Darko Vojinovic / AP

Spitzenanwälte für 50'000 Franken am Tag

Interessant. Deplatziert. Und auch noch völlig falsch. Denn besagter Jesus starb am Kreuz, weil er die Sünden der Menschheit auf sich nahm. Bei Djokovic ist es genau umgekehrt: Er glaubte, in Australien als einziger Ungeimpfter Tennis spielen zu dürfen, indem er seine Schuld auf andere verteilte. Die Behörden, die Agentin, vor allem aber immer wieder zitierte Eliten.

Begleitet wird Djokovics Kampf um sein Visum vom populistischen und nationalistischen Trommelfeuer in der Heimat, wo eine Prozession abgehalten und dafür gebetet wurde, dass der «Märtyrer» aus der Haft entlassen werde, in der er gefoltert werde, wie Mutter Dijana behauptete.

Das goss nur unnötig Öl ins Feuer. Djokovic gefiel sich schon zuvor in der Rolle des Märtyrers. Im November sagte er: «Die Eliten werden immer die Eliten unterstützen. Deshalb ist dieser Typ aus Serbien hier, der sich einmischt.» Dabei befindet er sich nur deshalb in dieser Situation, weil er selber zur Elite gehört. Für andere Ungeimpfte fand sich kein Schlupfloch. Und ohne Spitzenanwälte, die täglich 50'000 Franken einheimsen, wäre er schon längst abgeschoben worden. Fragen Sie einmal Renata Voracova.

Nein, Novak Djokovic ist in dieser Geschichte kein Freiheitskämpfer. Er ist ein Impfskeptiker, spricht wie ein Verschwörungstheoretiker, und er verharmlost seit Monaten ein Virus, das 5,52 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Er hat damit ein Land provoziert, das 19 Monate im Lockdown war, und derzeit in seiner schlimmsten Pandemiewelle steckt. Er handelte nicht nur in dieser Woche empathielos, egoistisch und elitär.

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