Tennis

Köpferollen um Novak Djokovic: Vier Mitglieder verlassen den Spielerrat

Novak Djokovic ist der Präsident des Spielerrats.

Novak Djokovic ist der Präsident des Spielerrats.

Nachdem sich der Spielerrat nicht auf einen Vertreter im ATP Board hat einigen können, verlassen vier der zwölf Mitglieder das von Novak Djokovic präsidierte Gremium.

Seit gut zwei Jahren ist Novak Djokovic Vorsitzender des zwölfköpfigen Spielerrats und steht als solcher permanent im Kreuzfeuer der Kritik. In Wimbledon erreichte die Debatte eine neue Eskalationsstufe. Kurz vor dem Turnier gaben mit dem Holländer Robin Haase, dem Briten Jamie Murray, dem Ukrainer Sergei Stachowski und dem Venezolaner Dani Vallverdu, der zu Stan Wawrinkas Trainerteam gehört, gleich vier der zehn Mitglieder ihre Demission aus dem Gremium bekannt. «Es war ein unproduktives Jahr. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich die Spieler so vertreten kann, wie ich das sollte. Den Themen, die ich zur Diskussion gebracht habe, wurde kaum Beachtung geschenkt», begründete Haase.

Sieben Stunden hatte der Rat am Freitag getagt, bis nach Mitternacht. Gleichwohl konnte man sich nicht auf einen Spielervertreter für Nord- und Südamerika im ATP Board of Directors einigen. Zur Disposition standen der Amerikaner Weller Evans und der Ecuadorianer Nicolas Lapentti. Als Spanisch sprechender Exponent wäre Ex-Profi Lapentti für mehr Diversität im Führungsgremium gestanden. Er genoss wohl auch die Unterstützung von Haase, Murray und Vallverdu. Mit ihrem Rücktritt machten sie indes den Weg frei für den Amerikaner Evans, der das Amt bis Ende Jahr interimistisch bekleidet und damit auch über die Nachfolge von Chris Kermode als ATP-Präsident entscheiden wird.

Entzündet hatte sich die Debatte an der Frage, ob der Ende Jahr auslaufende Vertrag Kermodes verlängert werden soll. Djokovic hatte über Monate hinweg auf die Absetzung des Briten hingewirkt, obwohl sich die Preisgelder unter dessen Führung seit 2013 verdoppelt haben. Djokovic schmiedete Allianzen, führte Gespräche, verschickte E-Mails und sorgte mit seinen Verbündeten im Spielerrat für die Absetzung des Spielervertreters Roger Rasheed. Anfang März wurde bekannt, dass Kermodes Vertrag nicht verlängert wird. Den Ausschlag gaben die drei Spielervertreter David Edges, Alex Inglot und Justin Gimelstob.

Lange galt es als ausgemacht, dass Ex-Profil Gimelstob, die Nachfolge antritt. Er gilt wie David Edges, der erst Ende 2018 Roger Rasheed ersetzt hatte, als Verbündeter des Serben. Doch Ende April wurde Gimelstob von einem Gericht in Los Angeles wegen Körperverletzung zu drei Jahren Haft auf Bewährung, 60 Tagen gemeinnütziger Arbeit und einer Therapie zur Aggressionsbewältigung verurteilt, nachdem er einen Nachbarn auf offener Strasse angegriffen und über 50 Mal auf dessen Kopf eingeschlagen hatte. Gimelstob trat danach als Spielervertreter zurück und kommt für das Präsidium nicht mehr in Frage.

Persönliche Interessen und Machtspiele

Auch bei dieser Nachfolgeregelung fand man keinen Konsens. Dass nun gleich vier der zwölf Mitglieder den Rat verlassen, zeigt, wie zerstritten das Gremium ist. Und es wirft auch ein schlechtes Licht auf dessen Präsidenten, Novak Djokovic. «Es ist traurig, zu sehen, in welche Richtung sich alles entwickelt», schreibt Stachowski. Es gehe nur noch um persönliche Vorteilnahme und Machtspiele. «Ich glaube nicht, dass das, was ich im Spielerrat tue, etwas bringt.» Dazu muss man wissen: Die Beschlüsse im Spielerrat haben konsultativen Charakter und für die Spielervertreter keinen bindenden Charakter. Djokovic hatte bis zuletzt an Justin Gimelstob festgehalten und zuvor David Edges für Roger Rasheed in Stellung gebracht. Auch Weller Evans ist sein Kandidat. Auch er steht Djokovic und Gimelstob nahe, war Gast an dessen Hochzeit.

Djokovic bemängelte indes einmal mehr die mangelnde Vertraulichkeit der Debatten im Spielerrat und vermutete einen Maulwurf. «Es gibt offenbar jemanden, der Informationen nach aussen trägt. Ich weiss nicht, wer es ist und wir finden es wohl nie heraus», sagte Djokovic. Noch während sie am Freitag über die Besetzung der Vakanz beraten hätten, sei die Information zirkuliert, wonach ein Patt bestehe. «Das verletzt das Gebot der Vertraulichkeit», moniert der 32-Jährige. «Ich habe nichts zu verbergen, aber wenn es so läuft wie zuletzt, können wir gleich Kameras aufstellen.» Djokovic räumte ein, auch er habe mit dem Gedanken gespielt, sein Amt niederzulegen. «Mein Team würde sich das wünschen. Aber etwas in mir drin sagt, dass ich weitermachen soll. Dass es wichtig ist, dass ein Top-Spieler wie ich dabei bleibt.»

Roger Federer ernüchtert und ratlos

Zermürbt von den politischen Diskussionen: Roger Federer

Zermürbt von den politischen Diskussionen: Roger Federer

Keine Überraschung ist Haases Demission für Roger Federer. «Er war schon länger frustriert. Das ist für mich nichts Neues, sondern nur die Konsequenz daraus», sagte der Baselbieter zu dieser Zeitung. Federer zeigte sich zermürbt und ernüchtert von den dauernden Diskussionen. «Wir wollen, dass sich der Sport in die richtige Richtung entwickelt. Es ist nicht gut, wenn im Rat oder im Board immer gestritten wird und die Leute keine Kompromisse finden und es dauernd Unstimmigkeiten gibt», sagte er. «Wir schaffen es einfach nicht, dass Ruhe einkehrt. Ich weiss auch nicht, was die Lösung ist. Es ist keine gute Situation momentan.»

Von Haase liess sich Federer in den letzten Monaten über die aktuellen Debatten ins Bild setzen. «Im Moment», sagte der Schweizer in Madrid, «gibt es keinen Grund für Diskussionen mit Novak.» Es gehe vielmehr darum, zu schauen, wie er die Zukunft im Tennis sehe. «Es gibt doch viele offene Fragen.» Dringend sei das indes nicht. Ein Austausch hat bis heute nicht stattgefunden. Auch Rafael Nadal hatte zum Jahresbeginn in Australien bemängelt, Djokovic habe ihn in der Frage nach der Zukunft von ATP-Präsident Chris Kermode nicht konsultiert. Seit Jahresbeginn herrscht unter den Spielern Zwietracht und ein Klima der Missgunst. Der Dialog zwischen den Wortführern – Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer – ist zudem massiv gestört.

Rafael Nadal kritisierte Novak Djokovics Kommunikation mehrfach

Rafael Nadal kritisierte Novak Djokovics Kommunikation mehrfach

Djokovic, der Anwalt der Kleinen

Am heftigsten kritisierte Stan Wawrinka Novak Djokovic. Anfang Mai skizzierte er in einem öffentlichen Brief in der britischen «Times» einen «besorgniserregenden Zerfall der moralischen Werte» im Welttennis. Djokovic suchte danach das Gespräch zu Wawrinka und räumte Fehler in der Kommunikation ein, sagte aber auch, wer mitgestalten wolle, sei eingeladen, sich einzubringen. «Ich verstehe, dass nicht jeder dazu bereit ist.» Er erinnerte auch immer wieder daran, dass das Engagement im Spielerrat nicht vergütet wird. «Was wir tun, geschieht aus purem Willen, etwas Positives zu bewirken.»

Djokovic sieht sich als Anwalt der Kleinen und vertritt die Meinung, die Grand-Slam-Turniere gäben einen zu geringen Anteil ihrer Einnahmen an die Spieler weiter. Anfang 2018 hatte er deshalb im Beisein eines Anwalts die Pläne für die Gründung einer Gewerkschaft skizziert und soll sogar den Boykott der Australian Open zur Diskussion gestellt haben. Djokovic sagt: «Momentan können nur die besten hundert von unserem Sport leben. Das versuchen wir zu ändern. Wir möchten, dass mehr Spieler die Kosten decken und ein anständiges Leben führen können.» Darin sind sich alle Beteiligten einig. Doch wie dies zu bewerkstelligen ist – darüber herrscht Uneinigkeit. Der Tennis-Zirkus ist nicht nur zerstritten, sondern auch führungslos. Wer Anfang Jahr auf den abgesetzten ATP-Präsidenten Chris Kermode folgt, ist noch offen.

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