Reportage Australian Open

König und Bettler der Nacht: Wie Schweizer Fans vor Ort darum kämpfen, Federer und Wawrinka live zu sehen

Cedric Schaad, Stefanie Bader, Riccardo und Fabiola Niklaus.

Cedric Schaad, Stefanie Bader, Riccardo und Fabiola Niklaus.

Australien, Down Under, das Land der unendlichen Weiten, der Traumstrände und Weltstädte – 16 500 Kilometer von der Heimat entfernt, am anderen Ende der Welt. Für Tausende Schweizer ein Ort der Sehnsucht. Auch für die beiden Aargauerinnen Tiziana Belci (21) aus Ennetbaden und Anja Spillmann (19) aus Villnachern.

Wie so viele feilen sie in Melbourne, mit 3,9 Millionen Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Landes, an ihrem Englisch. Doch manchmal fehlt auch ihnen, weit weg von Familie und Freunden, ein Stückchen Heimat.

Was liegt da näher als ein Besuch des Melbourne Parks im Osten der Stadt, gleich an den Ufern des Yarra River? Denn bei den Australian Open, dem ersten Major-Turnier des Jahres, stehen seit zwei Jahrzehnten und dem ersten Sieg von Martina Hingis vor 21 Jahren regelmässig Schweizer im Mittelpunkt.

Fünf Mal hat Roger Federer das Turnier gewonnen, unter anderem im Vorjahr. Einmal triumphierte Stan Wawrinka. Am Donnerstag, an dem Tag, an dem selbst um Mitternacht noch Temperaturen von 32 Grad gemessen werden, stehen sie abends zeitgleich im Einsatz: Roger Federer und Stan Wawrinka.

Roger Federer glänzt unter den Scheinwerfern in der Rod Laver Arena. Key

Roger Federer glänzt unter den Scheinwerfern in der Rod Laver Arena. Key

Mit Wawrinka mitfiebern

Als Federer, der um ein Abendspiel gebeten hatte, um 21.36 Uhr die Rod Laver Arena betritt, fiebern Tiziana und Anja auf der Margaret Court Arena mit Wawrinka mit, der gegen den Amerikaner Tennys Sandgren (ATP 97) mit 0:2 Sätzen hinten liegt.

Nach der halbjährigen Wettkampfpause mit Arthroskopie und Operation am linken Knie ist der 32-Jährig ein Schatten seiner selbst. Nach nicht einmal anderthalb Stunden verliert Wawrinka mit 2:6, 1:6, 4:6 und verpasst erstmals seit zehn Jahren die dritte Runde der Australian Open und fällt erstmals seit Mai 2013 wieder aus den Top Ten der Weltrangliste. 

Stan Wawrinka verlässt die Margaret Court Arena als Verlierer.

Stan Wawrinka verlässt die Margaret Court Arena als Verlierer.

«Wenn du drei Grand-Slam-Turniere gewonnen hast, willst du nicht so auf die Mütze bekommen. Es war hart da draussen», sagt Stan Wawrinka. Aber er müsse positiv bleiben und das grosse Bild im Blick behalten.

Eine Erinnerung fürs Leben

Erst drei Tage vor Turnierstart hatte er sich zu einer Rückkehr entschlossen. Im Wissen, dass er weder körperlich noch mental dafür bereit ist. Auch darum sagt er: «Schon hier zu sein, war ein grosser Schritt für mich. In den letzten zehn Tagen habe ich sehr viel Vertrauen gewonnen.» Er werde in den nächsten Monaten hart arbeiten. Das nächste Turnier bestreitet er ab dem 12. Februar in Rotterdam.

Für Tiziana und Anja war der Abend trotzdem ein Erlebnis. «Die Stimmung war atemberaubend und fesselnd. Es war kein Vergleich zu einem Spiel im Fernsehen. Es war eine tolle Erfahrung, die uns immer in Erinnerung bleiben wird», sagte Tiziana. Enttäuscht sei sie nicht, «denn Wawrinka hat sein Bestes gegeben». Die Australian Open seien eines der Highlights ihres Sprachaufenthalts in Melbourne. Den Rest der Nacht verbringen sie vor der Grossleinwand vor der Rod Laver Arena.

Tiziana Belci und Anja Spillmann drücken Wawrinka die Daumen.

Tiziana Belci und Anja Spillmann drücken Wawrinka die Daumen.

Dort läuft Roger Federer (36) bereits wieder früh zu Höchstform auf. Gegen den Deutschen Jan-Lennard Struff (ATP 55) gewinnt er im zweiten Game einen Punkt mit einem Schlag um den Netzpfosten. Im dritten Game gelingt dem Baselbieter das erste Break. Zwar gerät er im dritten Durchgang für kurze Zeit in Rücklage, setzt sich am Ende aber mühelos mit 6:4, 6:4, 7:6 (7:3) durch. Zur Freude zahlreicher Schweizer.

Brütende Hitze

Unter ihnen auch Cedric Schaad (25), seine Freundin Stefanie Bader (25), Riccardo (28) und Fabiola Niklaus (29) aus dem Kanton Baselland. Sie hatten sich die Karten für die «Night Session» am Dienstag gesichert und darauf gehofft, dass Federer auch zwei Tage später am Abend spielen würde. Er tat es.

Auch, weil er selber darum gebeten hatte, wie er danach zugab und nachschob: «Aber das haben 60 andere wohl auch getan.» Die brütende Hitze von bis zu 39 Grad war das Thema des Tages. So sagte der Franzose Gaël Monfils, der als einer der besten Athleten im Tennis-Zirkus gilt: «Heute glaubte ich während 40 Minuten, sterben zu müssen.» Rafael Nadal verlegte sein Training gar in die Halle.

Vergebens gewartet

Zwar kokettierte Federer damit, dass es für ihn auch kein Problem gewesen wäre, am Nachmittag zu spielen. Doch der Hitze ging auch er lieber aus dem Weg. So verlegte er sein Einspielen, das auf Platz 17 und damit in der prallen Sonne angesetzt gewesen war, kurzerhand in die vom Schatten geschützte Margaret Court Arena. Tausende Fans warteten vergeblich, unter ihnen auch Cedric, Stefanie, Riccardo und Fabiola. «Du siehst ihn ja noch heute Abend», sagte Cedrics Freundin Stefanie. Und Federer enttäuschte sie nicht.

Enttäuschung auf Platz 17. Federer taucht nicht beim Training auf.

Enttäuschung auf Platz 17. Federer taucht nicht beim Training auf.

Einmal mehr entpuppte er sich unter den Scheinwerfern der Rod Laver Arena als König der Nacht. «Die Stimmung war grossartig! Roger ist ein Schweizer Unikat. Das Stadion hat gebrodelt, und das nicht nur wegen der Hitze. Federer lässt nicht nur unsere Herzen, sondern auch jene der Australier höherschlagen», sagte Cedric Schaad. Er sei guter Dinge, dass Roger Federer in anderthalb Wochen einen weiteren Grand-Slam-Pokal in die Schweiz bringe.

Wenig Lust auf Favoritenrolle

Federer indessen wies die Rolle des Favoriten kurz nach Mitternacht noch immer von sich: «Es ist aber auch egal, wie ich darüber denke. Ich bin einfach glücklich, dass ich hier und im Turnier noch dabei bin.» Bisher hätten aber auch Rafael Nadal, Novak Djokovic und Juan Martin Del Potro einen sehr guten Eindruck hinterlassen.

Roger Federer wehrt sich kokett gegen die Favoritenrolle.

Roger Federer wehrt sich kokett gegen die Favoritenrolle.

Roger Federers Gegner in der dritten Runde vom Samstag ist der Franzose Richard Gasquet (31, ATP 31), gegen den er 16 von 18 Partien gewonnen und zwei Mal jeweils auf Sand verloren hat. Dann, so hoffen sie, sitzen vielleicht auch Tiziana Belci und Anja Spillmann im Publikum. Und dürfen sich in Australien über einen weiteren Schweizer Sieg freuen.

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