Fussball
Köbi Kuhn über Nati-Trainer Petkovic: «Mehr möchte ich nicht sagen. Es wäre nicht fair»

80 Tage vor der Europameisterschaft in Frankreich spricht Ex-Nationaltrainer Köbi Kuhn (72) über die Erwartungen an die Schweizer Nationalmannschaft. Er ist überzeugt, dass ihr unter Vladimir Petkovic an der EM keine leichte Aufgabe bevorsteht. Und er sagt, dass sie Unter Ottmar Hitzfeld bessere Chancen auf ein Weiterkommen gehabt hätte.

René Weber
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Köbi Kuhn hat sich seinen Platz für die Spiele der Schweizer Nati an der EM in Frankreich bereits reserviert.

Köbi Kuhn hat sich seinen Platz für die Spiele der Schweizer Nati an der EM in Frankreich bereits reserviert.

Urs Lindt/freshfocus

Köbi Kuhn, was trauen Sie der Schweiz an der Euro 2016 in Frankreich zu?

Köbi Kuhn: Einen Durchmarsch darf man nicht erwarten. Es ist keine einfache Gruppe. Frankreich müsste gesetzt sein. Albanien und Rumänien sind gefährlich. Natürlich hoffe ich, dass wir die Gruppenphase überstehen. Ein Selbstläufer wird das aber nicht. Es braucht mindestens zwei gute Spiele.

Man spricht vom besten Nationalteam aller Zeiten. Da müsste man klar mehr erwarten dürfen.

Das Team hat Potenzial. Trotzdem ist es nicht einfach. Es kann weitergehen. Das wäre fantastisch. Ich hoffe es und habe mich für die Spiele bereits angemeldet.

Sie haben kürzlich an einem Event im Waldhotel Davos bedauert, dass es im Nationalteam keine Appenzeller und Luzerner mehr hat. Das sind klare Worte. Begeisterung für das Nationalteam tönt anders.

Die Begeisterung muss sich diese Mannschaft verdienen. Sie kann das. Wir alle hoffen, dass die Schweiz den hohen Standard, den sie sich in den letzten Jahren erarbeitet hat, weiterführen kann. Es wäre schön, wenn sich dieses Team an der EM durchsetzen könnte.

Vladimir Petkovic hat nach der WM in Brasilien Ihren Nachfolger Ottmar Hitzfeld abgelöst. Kann man die beiden vergleichen?

Das ist nicht einfach. Mit Ottmar Hitzfeld verbindet mich eine Freundschaft (überlegt). Mehr möchte ich dazu also nicht sagen. Es wäre nicht fair.

Ottmar Hitzfeld und Köbi Kuhn verbindet eine lange Freundschaft. Und Kuhn ist überzeugt, dass die Nati mit Hitzfeld die grösseren Chancen hätte.

Ottmar Hitzfeld und Köbi Kuhn verbindet eine lange Freundschaft. Und Kuhn ist überzeugt, dass die Nati mit Hitzfeld die grösseren Chancen hätte.

KEYSTONE/WALTER BIERI

Kein Wort zu Petkovic?

Ich kenne ihn nicht. Darum kann ich zu ihm nichts sagen.

Sie verfolgen aber seine Arbeit als Nationaltrainer.

Wenn er die Kurve kriegt – was ich hoffe –, dann wird er gefeiert werden. Ich denke, dass die Chancen der Schweiz mit Hitzfeld grösser wären. Das ist aber reine Spekulation. Eigentlich ist es egal, wer das Team führt. Es ist wichtig, dass es einen Schritt weiterkommt.

Die Vertragsverlängerung mit Petkovic hat sich über Wochen hingezogen.

War es der Verband, der gezögert hat, oder hat Petkovic bis zum Schluss gepokert? Ich habe keine näheren Kenntnisse. Man hat dann doch noch, weil man keinen anderen gefunden hat ... Dieser Eindruck ist entstanden. So haben es viele Fussballfans aufgefasst (überlegt). Ich weiss nicht, wer die Schuld trägt. Ich lese, was geschrieben wird.

Vielleicht war es das Geld. Vielleicht auch ein Machtspiel.

Das kann gut sein. Wahrscheinlich schon, ja.

Ich wage zu behaupten, dass Petkovic Sie in der Beliebtheitsskala als Nationaltrainer nie ein- und überholen wird.

Man kann sich im Fussball nicht nur lieb haben.

Köbi Kuhn scheint kein besonderer Fan von Vladimir Petkovic zu sein.

Köbi Kuhn scheint kein besonderer Fan von Vladimir Petkovic zu sein.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Die Fans und auch Ihr Team hatten Sie aber lieb.

Was mir viel geholfen hat, war, dass ich viele meiner Spieler schon in der U21 hatte. Es waren nicht alles einfache und brave Schüler. Es waren aber Spieler, die Fussball spielen konnten und etwas erreichen wollten. Sie haben selber ein wenig mitgedacht und sich eingebracht. Sie wussten, wie ich ticke. Ich habe mich in der Öffentlichkeit nie vor dem Spiel für die nächste Niederlage entschuldigt. Das haben die Spieler verstanden und geschätzt. Wir haben dieselben Ziele verfolgt. Es gab nie Probleme.

Wirklich nie?

(schmunzelt) Vielleicht einmal, als die Spieler vor der Qualifikation in den Ausgang gingen. Danach haben sie auf dem Platz aber eine Reaktion gezeigt. Damit war das für mich vom Tisch.

Und die viel gelobte Familie Kuhn war wieder vereint.

Ich meinte das symbolisch.

Als Oberhaupt der Fussballfamilie haben Sie nicht viele Fehler gemacht. Die Ausnahme bildete an der WM 2006 die Auswechslung von Alex Frei in der Endphase des Achtelfinals gegen die Ukraine.

Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich ein Fehler war. Alex Frei lief auf dem Zahnfleisch. Er musste die rechte Seite zumachen. So viel ist er zuvor noch nie gelaufen. Aber ... (überlegt). Ich habe mich damit oft beschäftigt. Klar, Alex Frei war im Strafraum ein sicherer Wert. Er hätte im Penaltyschiessen wohl getroffen. Aber es hätte für uns durchaus eine andere Lösung als das Ausscheiden im Penaltyschiessen geben können. Wir waren zuvor klar das bessere Team. Es war die bitterste Niederlage in meiner Karriere. Leider gewinnt nicht immer das bessere Team. Die Viertelfinals wären eine schöne Geschichte gewesen.

2008 übergaben Sie Ihr Amt an Ottmar Hitzfeld. Haben Sie Ihren Rücktritt nie bereut?

Diese Frage stellte sich nicht. Meinen Entscheid fällte ich wegen der Gesundheit meiner Frau. Sie brauchte mich (überlegt). Ich hätte es gerne noch etwas länger gemacht. Es war fantastisch, wie das Team immer hinter mir gestanden ist – nicht nur in der Öffentlichkeit. Es war wirklich eine gute Zeit. Ich kannte meine Lausbuben und sie kannten mich. Es hatte Typen im Team, die auch Typen waren.

Köbi Kuhn über Hakan Yakin (im Bild): «Vielleicht war er ein ‹Tscholi›, aber ein guter, ein lieber.»

Köbi Kuhn über Hakan Yakin (im Bild): «Vielleicht war er ein ‹Tscholi›, aber ein guter, ein lieber.»

Keystone

Auf Benjamin Huggel, Jörg Stiel und Ludovic Magnin mag das zutreffen. War Hakan Yakin auch ein solcher Typ?

Ja, war er. Vielleicht war er ein «Tscholi», aber ein guter, ein lieber.

Um Sie ist es in den letzten Jahren ebenfalls ruhiger geworden. Ihre Engagements und Auftritte sind weniger geworden.

Es ist mein Glück, selber entscheiden zu können, was ich machen will und was nicht. Ich geniesse das Leben mit meiner neuen Freundin Jadwiga. Sie ist das Beste, was mir passieren konnte. Wir kennen uns schon lange. Sie lebt seit zehn Jahren in meiner Nähe.

Man sagt, dass Sie zusammen mit Jadwiga in Ihr Zürcher Jugendquartier Wiedikon ziehen werden.

Ich konnte eine Liegenschaft erwerben und bin derzeit daran, den Dachstock auszubauen. Alles andere ist im Moment offen, weil Jadwiga drei Hunde und zwei Katzen hat. Diese sind mir mittlerweile auch ans Herz gewachsen. Ich gehe mit ihnen auch regelmässig raus – nur mit den Hunden selbstverständlich. Darum müssen wir schauen, ob und wann wir in die Stadt ziehen wollen. Solange wir mobil sind und Tiere halten, lässt es sich auch in Birmensdorf leben.