Eishockey

Kevin Schläpfer ist der Trainer, dem alles verziehen wird

Noch hält sich Kevin Schläpfer als Entertainer im Amt.

Noch hält sich Kevin Schläpfer als Entertainer im Amt.

Jeder andere Trainer wäre nicht mehr im Amt. Aber Kevin Schläpfer (46) ist beim EHC Biel mehr als ein Trainer – er ist ein Popstar. Dies, obwohl Biel mit dem 5:4 n. P. gegen Fribourg-Gottéron erst zum neunten Mal in dieser Saison gewinnen konnte.

Eine Prise Hansi Hinterseer, eine Prise Stefan Raab und dazu ein wenig Eishockey: Biels Trainer Kevin Schläpfer hat eine neue Rolle gefunden. Seine beste Rolle. Und die einzige, die ihm das Amt sichert. Nur als Hockeytrainer könnte er sich in Biel nicht behaupten. Bei «Halbzeit» steht sein EHC Biel auf dem 12. und letzten Platz. Im neuen Stadion. Mit der teuersten Mannschaft der Klubgeschichte. Grösser, böser und besser wollte Biel sein. Dieses Ziel ist klar verfehlt. Vor einem Jahr stand Biel zum gleichen Zeitpunkt auf Rang neun.

Eine Playoff-Qualifikation ist immer noch möglich, aber inzwischen eher unwahrscheinlich. Also geht es um gute Unterhaltung. Die hat Biel am Sonntag beim 5:4 n. P. gegen Fribourg geboten. Aus einem 1:3 wird im Schlussdrittel ein 4:3, in den letzten Minuten kassieren die Bieler den Ausgleich und am Ende gewinnen sie das Penalty-Schiessen. «In der ersten Pause habe ich meinen Spielern gesagt: Da draussen ist ein ausverkauftes Stadion und wir liegen 1:3 zurück. Das geht nicht. Wir müssen unseren Zuschauern etwas bieten.» Entschlossen kehrten die Jungs aufs Eis zurück und schafften die Wende.

Der Mann, dem die Frauenherzen zufliegen

Der Held dieser Wende ist in der Aussenwahrnehmung kein Spieler. Sondern der Trainer. Biel hat unter dem spielenden Personal keinen Star, der in die ganze Hockey-Schweiz ausstrahlt. Biels Gesicht ist Kevin Schläpfer. Was sich nach dem Spiel am Sonntag wieder einmal zeigt. Unten im Gang wartet eine Gruppe Frauen. Es sind die Mitarbeiterinnen eines Sponsors. Sie wollen keinen Spieler sehen. Sondern den Trainer.

Kevin Schläpfer kommt und grüsst und scherzt, und es geht zu und her wie bei einem Auftritt von Justin Timberlake. Der Chronist denkt: kein Trainer, ein Popstar. Und so ist es. Kevin Schläpfer ist der Sänger, seine Spieler die Band. «Seht ihr, ich bin Letzter und trotzdem warten auf mich Frauen», scherzt er. Aber eigentlich scherzt er nicht. Er ist davon überzeugt, dass es so ist. Dabei hätte es auch einen Helden auf Schlittschuhen gegeben. Kult-Captain Mathieu Tschantré hat sich mit schwerem Durchfall durch die Partie gequält. Er hätte eigentlich nicht spielen sollen – aber er spielte. Um ein Zeichen zu setzen.

Schläpfer auf schmalem Grat

Nur noch die SCL Tigers haben als Schlusslicht ähnlich viel Medienpräsenz wie Biel. Und das verdanken die Bieler Kevin Schläpfers Rolle als Entertainer. So war er ja eigentlich schon immer. Aber noch nie so extrem wie jetzt. Der Erfolg über Fribourg-Gottéron ist erst der 5. Sieg in den letzten 21 Spielen. Am Ende des Tages ist Kevin Schläpfer Eishockeytrainer. Wenn er zu viel auf Popstar macht, riskiert er seine Karriere. Wenn er bloss den Ligaerhalt schafft, dann verzeihen ihm die Bieler diese Saison noch alles. Aber nächste Saison nicht mehr.

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