Als vor dem Viertelfinal die argentinische Nationalhymne ertönte, standen die Spieler weinend und schluchzend im Londoner Twickenham-Stadion. Den hünenhaften Männern, mit Oberschenkeln dick wie Baumstämme, liefen die Tränen nur so über die Wangen. Kaum zu glauben, dass sie gleich in einer der härtesten Sportarten der Welt auf die traditionell starken Iren treffen.

Als das Spiel begann, waren die Tränen aber getrocknet und die Pumas, wie die Argentinier genannt werden, zeigten im Spiel die gleiche Leidenschaft wie während der Nationalhymne. Nach aufopferungsvollem Kampf besiegten sie die favorisierten Iren gleich mit 43:20. «Wir spielten mit dem Herz in der Hand», sagte Trainer Daniel Hourcade nach dem Schlusspfiff.

Keine Angst vor Niederlagen

Nach dem doch eher überraschenden Sieg stehen die Argentinier am Sonntag also im Halbfinal. Sie wollen es der Fussballnationalmannschaft Argentiniens gleichtun, denn die Albiceleste hatte letzten Sommer ihrerseits den WM-Final erreicht. Das Grundgefüge der beiden Teams ist aber kaum zu vergleichen, und zwar nicht nur der unterschiedlichen Sportarten wegen. Während bei den Fussballern alles auf Superstar Messi ausgerichtet ist, figuriert kein absoluter Ausnahmekönner in den Reihen des Rugby-Kaders.

Mit Nicolas Sanchez haben sie zwar den zweitbesten Skorer des Turniers, ihre Spiele gewinnen die Pumas aber durch Kampf, Aufopferung und Wille. Der tränenreiche Auftritt vor dem Viertelfinal unterstreicht diese Attribute. Jeremy Guscott, ehemaliger Rugby-Profi, analysierte es für das britische Nachrichtenportal BBC folgendermassen: «Die argentinischen Spieler haben an diesem Turnier die beste Zeit ihres Lebens und sie unterstützen einander. Es sieht nach einer richtig positiven Mentalität aus, sie haben keine Angst zu verlieren, und das ist eine mächtige Waffe.»

Der Geheimtipp

Es sind die typischen Stärken eines Underdogs, die diese Mannschaft ausmachen. Obwohl die Bezeichnung Underdog nur teilweise auf die Argentinier zutrifft. Seit der Einführung der Weltmeisterschaften haben die Pumas kein Turnier verpasst, und holten 2007 in Frankreich gar Bronze. Dennoch bezeichnet sie vor grossen Turnieren niemand als Favoriten, auch wenn viele Experten die Südamerikaner stets als Geheimtipp handeln.

Verglichen mit den grossen Nationen, sind die Gauchos aber in der Tat kein Rugby-Land. Während in Argentinien gerade einmal 57'000 aktive Spieler registriert sind, kommt beispielsweise Südafrika auf deren 342'000. Das Rugby habe sich in den letzten Jahrzehnten stetig weiterentwickelt, sagt Guscott, der in den 90er-Jahren für England spielte. «Als ich damals gegen Argentinien gespielt habe, waren das Amateure im wahrsten Sinne des Wortes. Fast alle spielten noch in Argentinien, aber heute verdienen die meisten bei europäischen Top-Klubs ihr Geld.» Gut möglich also, dass die Pumas am Sonntag im Halbfinal gegen Australien die nächste Überraschung schaffen.