Als Fussballer hat Kariem Hussein einst jeden Penalty im Tor versenkt. Inzwischen ist der 26-jährige Thurgauer Leichtathlet – doch seine Aufgabe am Donnerstag war gar nicht so anders. Mit dem Unterschied, dass dem früheren Nachwuchskicker diesmal das ganze Publikum des ausverkauften Letzigrund-Stadions zuschaute. Und Hussein traf – und sorgte mit seinem Sieg über 400 m Hürden für den ersten Schweizer Triumph im Hauptprogramm bei Weltklasse Zürich seit jenem von 800-m-Läufer André Bucher im Jahr 2001.

Das Kalkül des Veranstalters ging damit voll auf. Eigens für Hussein hatte er die lange Hürdenstrecke ins Programm aufgenommen – nachden in dieser Disziplin der Final der Diamond League heuer in Brüssel ausgetragen wird. Mit der Einladung von lauter Konkurrenten, die eine tiefere Bestzeit aufweisen als der Europameister, stellten die Weltklasse-Organisatoren das Aushängeschild der Schweizer Leichtathletik zwar vor eine schwierige, aber lösbare Aufgabe – vergleichbar eben mit jener eines Elfmeterschützen.

Dass Husseins Siegerzeit von 49,16 an diesem kühlen Spätsommerabend nicht überragend war, spielte da letztlich keine Rolle. Das Publikum, das den Medizinstudenten lautstark zum Sieg getrieben hatte, feierte ihn nach seinem Erfolg, als sei er gerade nochmals Europameister geworden. «Im Startblock hatte ich Gänsehaut. Es war unglaublich, wieder hier zu laufen», sagte Hussein. «Ich wollte unbedingt gewinnen, aber es war nicht so einfach. Es war eine lange Saison, ich fühle mich müde.»

Zbärens Sololauf

Hürdensprinterin Noemi Zbären hatte ihren grossen Auftritt im Vorprogramm – in einem Feld, in dem sie als klare Favoritin antrat. Dieser Rolle wurde die U23-Europameisterin und WM-Sechste vollauf gerecht: Die 21-jährige Emmentalerin lief nicht nur überlegen zum Sieg, sondern tat dies angesichts der kühlen Temperaturen auch in einer ausgezeichneten Zeit. Mit 12,89 blieb Zbären bereits zum 14. Mal in dieser Saison unter der 13-Sekunden-Marke – ein Umstand, der die ausserordentliche Konstanz der Biochemie-Studentin unterstreicht.

«Ich wollte dem Heimpublikum etwas zeigen», sagte Zbären. «Und ich wurde von den Leuten wunderbar unterstützt und bin sehr zufrieden mit meinem Rennen.» Der Bernerin gelang damit die Rehabilitation für ihren Weltklasse-Start vor einem Jahr. Dort war sie nach einem Sturz im Vorfeld handicapiert angetreten – ohne dies an die grosse Glocke zu hängen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sie mit zwei gebrochenen Rippen gelaufen war.

Erstaunlich ist Zbärens Leistung auch deshalb, weil der eigentliche Saisonhöhepunkt der Vielstarterin bereits einige Zeit zurückliegt: Am 11. Juli hatte sie an der U-23-EM in Tallinn trotz Husten in der Weltklasse-Zeit von 12,71 die Goldmedaille gewonnen – und ihre Form danach für die WM in Peking nochmals aufgebaut. Und noch ist ihre lange Saison nicht vorbei: Wie Hussein darf sich Zbären nächste Woche beim Diamond-League-Meeting in Brüssel zum Abschluss nochmals mit den Weltbesten messen.

Kambundji und Büchel kraftlos

Diese Chance bekamen Mujinga Kambundji und Selina Büchel gestern bereits in Zürich. Die beiden Schweizer Rekordhalterinnen schafften es jedoch nicht, sich von der starken Konkurrenz zu neuerlichen Höchstleistungen antreiben zu lassen. Kambundji blieb im 100-m-Rennen, das Weltmeisterin Shelly-Ann Fraser-Pryce souverän für sich entscheiden konnte, in 11,51 klar unter den Erwartungen. Die Bernerin kam auf den ersten Metern leicht ins Stolpern und kam danach im Gegenwind nicht auf ihren gewohnten Speed. «Ich bin nach der WM müder, als ich gedacht hätte», sagte sie. Auch bei 800-m-Läuferin Büchel reichten die Energiereserven nicht mehr ganz bis ins Ziel. Die Ostschweizerin hielt sich im Weltklasse-Feld lange in den vorderen Positionen , ehe ihr auf den letzten 150 Metern die Kraft ausging.