Leichtathletik
Kariem Hussein: «Ich finde es cool, anders zu heissen»

Nur fünf Jahre nach seinem ersten Rennen wird der 26-Jährige Europameister über 400 Meter Hürden. Und das, obwohl er nebenbei Medizin studiert. Der Sohn eines Ägypters spricht über Fussball und das Leben als Muslim in der Schweiz.

Von Simon steiner und François Schmid-Bechtel
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Kariem Hussein im Zürcher Letzigrund – dem Ort seines bisher grössten Triumphs.

Kariem Hussein im Zürcher Letzigrund – dem Ort seines bisher grössten Triumphs.

Sandra Ardizzone

Herr Hussein, wie fühlt man sich als Unterhund?

Kariem Hussein: Sie meinen im Spital?

Ja. Praktikanten gelten doch dort als Unterhunde...

Das mag sein, aber eigentlich ist es noch schön. Man hat keine Verantwortung und kann alles fragen. Man darf zwar noch nicht viel machen, aber kann eigentlich nur lernen. Es ist nicht so, dass man den andern Kaffee holen müsste ...

Dennoch stimmt das Verhältnis zwischen Arbeitsaufwand und Lohn kaum.

Das sehe ich nicht so. Ein Praktikumsjahr ist zum Lernen da, deshalb spielt der Lohn für mich im Moment keine Rolle.

Warum haben Sie das Medizinstudium gewählt?

Ich wollte schon immer Arzt werden. Es ist der einzige Job, bei dem ich mir vorstellen kann, ihn ein Leben lang zu machen. Ich weiss auch nicht, warum mir das Sinn gibt. Ich habe das bei meinem Vater gesehen, der eine eigene Praxis als Osteopath führt, und es hat mich immer fasziniert.

Ihre Mutter ist Schweizerin, Ihr Vater stammt aus Ägypten. Warum ist er in die Schweiz gekommen?

Jetzt bin ich grad nicht sicher, ob das wegen der Arbeit als Physiotherapeut war oder weil er Volleyballer war. Oder weil ein Kollege in die Schweiz ging? Soll ich fragen? (zückt das Smartphone und schreibt eine Nachricht)

Was ist an Ihnen ägyptisch?

Was ist ägyptisch?

Dr. med. Hürdenspezialist

Der Sohn eines ägyptischen Osteopathen und einer Schweizerin ist am 4. Januar 1989 in Münsterlingen TG zur Welt gekommen. Karim Husseins Vater Ehab, langjähriges Mitglied der ägyptischen Volleyball-Nationalmannschaft, ist Ende der 70er-Jahre in die Schweiz gekommen. Bis zur Matura spielte Kariem Hussein Fussball. Als er mit dem Medizinstudium begann, wandte er sich wegen der individuellen Trainingsmöglichkeiten der Leichtathletik zu. Schnell zeigte sich, dass der 1,91 Meter grosse Athlet herausragende Voraussetzungen für den 400-Meter-Hürdenlauf mitbringt. Nur fünf Jahre nach seinem ersten Rennen gewann der Single an der Heim-EM 2014 die Goldmedaille. Hussein gilt als grösste Leichtathletik-Hoffnung der Schweiz. (fsc)

Sagen Sie es uns!

(Denkt nach.) Vielleicht kann man sagen: Das Träumen ist das Ägyptische, die Umsetzung dann das Schweizerische. Das Realistische, Akribische, Organisatorische ist wahrscheinlich eher schweizerisch. Träumen ist wohl generell etwas südländischer – zum Beispiel davon, Weltmeister zu werden. Dass man die Familie mehr zelebriert als in der Schweiz, ist wohl auch ein südländisches Phänomen. (Überlegt) Was ist an mir noch ägyptisch? Vielleicht das Temperament. Davon habe ich schon ein wenig abbekommen ...

Befassen Sie sich mit Ägypten?

Ich bekomme schon einiges mit, wenn auch heute vielleicht etwas weniger als früher. Die politische Entwicklung verfolge ich schon, aber ich befasse mich sicher mehr mit der Schweiz als mit Ägypten.

Reisen Sie regelmässig hin?

Jetzt nicht mehr so oft, weil mir die Zeit fehlt. Bis vor drei Jahren war ich praktisch jedes Jahr einmal in Ägypten. Die Familie meines Vaters ist noch dort.

Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie lieber – zum Beispiel – Urs Meier geheissen hätten?

(Lacht belustigt) Nein, nie. Auf gar keinen Fall. Ich finde es cool, anders zu heissen. Und da gab es Saddam Hussein auch schon. Wenn ich nun jeden Tag eine Anspielung hören würde, würde mich das vielleicht ärgern. Aber das ist überhaupt nicht so. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich es schwerer hatte wegen meines Namens.

Was denkt ein Moslem wie Sie, der in der Schweiz lebt und aufgewachsen ist, über Abstimmungen wie die Minarett-Initiative? Die ganze Schweiz feiert Sie, wenn Sie Europameister werden. Da jubeln Ihnen auch Leute zu, die am liebsten Ihre Religion verbieten möchten.

Dann ist es doch umso schöner, wenn sie diese Dinge trennen können. Wenn eine Minarett-Initiative angenommen wird, dann ist das zu akzeptieren. Dann sind diese Ängste offensichtlich bei vielen Leuten verbreitet, auch wenn sie vielleicht nicht berechtigt sind. In diesem Fall ist es auch die Aufgabe der Moslems in der Schweiz, ihnen das aufzuzeigen. Da muss auch von dieser Seite etwas kommen, da muss man umso mehr versuchen, aufzuklären. Schlussendlich führt das ja immer zu einem Dialog, und das ist gar nicht so schlecht.

Bevor Sie mit 20 zur Leichtathletik wechselten, haben Sie lange Fussball gespielt. Was wäre aus Ihnen als Fussballer geworden?

Ich glaube, wenn man ein wenig Talent mitbringt, kann man durch Training viel herausholen. Wenn man dann noch etwas Glück hat und im richtigen Moment am richtigen Ort ist, liegt zumindest nationales Topniveau drin. Das hätte ich mir zugetraut.

Stimmt es, dass Sie nie einen Penalty verschossen haben?

Ja, das stimmt. Aber ich habe auch nie vor 60 000 Zuschauern gespielt ...

Beneiden Sie die Fussballer um ihre Verdienstmöglichkeiten?

Es hat sicher seinen Reiz, wenn man sich alles leisten kann. Ich beneide sie aber nicht um ihren Lebensstil oder Tagesablauf – auch wenn ich nicht genau weiss, wie es ist, Profifussballer zu sein. Es ist sicher schön, wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann. Ob es mich erfüllen würde, einfach nur Profifussballer zu sein, weiss ich trotzdem nicht.

Haben Sie sich nie überlegt, die Ausbildung auf die Zeit nach der Sportkarriere zu verschieben?

Es ist gar nicht möglich. Das Medizinstudium kannst du nicht einfach aussetzen. Darum stellt sich die Frage gar nicht, ob ich das will oder nicht. Ich bin eigentlich froh darum, weil es mir die Entscheidung abnimmt. 2017 bin ich voraussichtlich fertig mit dem Studium.

Dann sind Sie 28 ...

... und habe als Sportler wohl meinen Zenit noch nicht erreicht. Aber bis jetzt kenne ich nichts anderes als die Kombination von Studium und Leichtathletik, da ich beides gleichzeitig begonnen habe. Natürlich ist das in Prüfungsphasen nicht immer optimal. Oder wenn ich im Praktikum den ganzen Tag stehe, merke ich das im Training manchmal schon. Aber der mentale Ausgleich ist gut und hilft auch dabei, nicht zu überpacen. Und das Wissen, dass ich nach dem Sport etwas habe, was ich weitermachen kann, pusht mich auch. Es macht ja auch Spass, es ist nicht immer nur eine Doppelbelastung im negativen Sinn.

Mit welchen Ambitionen sind Sie als 20-Jähriger in die Leichtathletik eingestiegen?

Ich hatte von Anfang an das Ziel, einmal international mitzumischen.

Wirklich?

Natürlich, sonst hätte ich nicht angefangen. Klar konnte ich nicht damit rechnen, gleich beim ersten Versuch Europameister zu werden. Ich habe immer gesagt, ich würde nicht weitermachen, wenn ich nicht zumindest national Erfolg hätte. Ich dachte eigentlich, dass ich es nur mal ein halbes Jahr machen würde, um zu schauen, wie es ist. Ich muss sagen, am Anfang hat die Leichtathletik keinen Spass gemacht ...

Was hat gefehlt?

Der Ball. Der Ball und das Team. Das ist etwas völlig anderes. Beim Fussball hast du nur schon Spass, wenn du ins Training gehst, deine Kollegen siehst und etwas mit dem Ball herumspielst. In der Leichtathletik rennst du – blöd gesagt – einfach nur. Aber du holst dir den Spass, indem du alles aus deinem Körper herausholst, indem du dich verbessern willst und dir Ziele setzt. Das ist ein anderer Spass, aber es ist auch ein cooler Spass.

Hatten Sie die Leichtathletik vorher schon mitverfolgt?

Kaum. Ich habe vor allem die Sprints bei den Olympischen Spielen geschaut. Und ich kannte Jeremy Wariner, den 400-m-Läufer, der einen ähnlichen Körperbau hat wie ich. Und ich dachte: Das kann doch nicht so schwierig sein. Diese Vorstellung musste ich revidieren nach dem ersten 400er (lacht) ... Aber ich habe meine Disziplin gefunden und kann mich damit identifizieren.

Das Image der Leichtathletik hat zeitweise unter Dopingfällen gelitten. Hat Sie das nie abgeschreckt?

Ich habe das früher gar nicht so wahrgenommen. Ich habe Doping eher mit dem Radsport in Verbindung gebracht, aber trotzdem immer die Tour de France geschaut, weil ich es cool fand. In der Leichtathletik wurde ich damit erst konfrontiert, als die Leute mich zu fragen begannen, wie das eigentlich in der Leichtathletik sei. Abgeschreckt hat mich das nicht. Darf es auch nicht.

Warum nicht? Weil Sie es selber in der Hand haben?

Ja, und weil ich glaube, dass man auch ohne Doping erfolgreich sein kann. Das muss doch möglich sein. Das glaube ich, ohne blauäugig durchs Leben zu laufen.

Sind Sie grundsätzlich jemand, der immer das Gute sieht oder an das Gute im Menschen glaubt?

Schon. Ich bin zwar nicht ständig positiv eingestellt, aber in der Tendenz schon. Das Studium ist ein gutes Beispiel: Alle fragen immer, ob die Doppelbelastung von Studium und Sport nicht zu viel sei. Es ist doch einfach geil, beides zu haben! Logisch gibt es auch die Tage, an denen ich am Morgen aufstehe und denke: Jetzt habe ich keinen Bock zum Lernen. Oder: Jetzt stehe ich den ganzen Tag, und am Abend hätte ich eigentlich ein wichtiges Training. Aber dann muss ich mir wieder sagen: Ich mache beides. Es ist geil. Wer macht es denn? Die wenigsten. Manchmal musst du einfach positiv denken.

Machen Sie das auch, um sich selber etwas zu beweisen? Geht es manchmal auch darum, Grenzen auszuloten?

Wahrscheinlich schon. Aber ich sage mir am Morgen nicht: Komm beweis dir jetzt, dass du es richtig machst. Ich sage mir eher vor dem Training, wenn ich mal nicht so gut drauf bin. Komm, beweis dir, dass du es kannst.

Haben Sie Mühe mit Menschen, die nicht so ticken?

Da bin ich tolerant, absolut. Ich habe auch meine faulen Tage. Ich erwarte die absolute Leistungsbereitschaft nur, wenn man ein gemeinsames Ziel hat.

Gibt es Dinge, die neben Sport und Studium auf der Strecke bleiben?

Man sieht die Leute in seinem Umfeld etwas seltener. Und um sich zu treffen, müssen die andern flexibler sein als ich. Aber sonst glaube ich nicht. Ich sehe am Wochenende meine Kollegen. Ich kann auch in den Ausgang gehen. Nicht gerade jeden Tag, aber das muss ich auch nicht.

Liegt da auch mal ein Bier drin?

Sicher. Sie sollten mal an ein Athletenfest kommen ...

Im August steht Ihre erste WM-Teilnahme an? Und die nächste Medaille?

Das wäre schön. Es wäre aber schon mal gut, in den WM-Final zu kommen. Dann können wir über Medaillen reden. Selbst wenn ich die Nummer 1 der Welt wäre, würde ich mir wohl zum Ziel setzen, in den Final zu kommen. Das ist in meiner Disziplin das Schwierigste, das war auch an der EM so. Wenn man einmal im Final steht, kann alles passieren.

Haben Sie eine Strategie, um mit dem gestiegenen Erwartungsdruck umzugehen?

Ich habe auch Erwartungen an mich selber. Was von aussen kommt, kann ich nicht beeinflussen. Ich werde dann sehen, wie es ist. Oder wie es ist, wenn es mal nicht so läuft. Aber ich denke eigentlich nicht darüber nach. Es nützt auch nichts, ich kann es eh nicht beeinflussen. Natürlich ist mir bewusst, dass von mir jetzt mehr erwartet wird. Und dass ich im Stadion als Europameister Kariem Hussein angekündigt werde. Aber ich habe lieber mal etwas erreicht und muss jetzt mit dem Druck umgehen als umgekehrt. Ich versuche es locker zu nehmen.

Sie verkörpern den Schwiegermuttertraum. Angehender Arzt, erfolgreicher Sportler, gut aussehend. Haben Sie eigentlich auch Schwächen?

Natürlich, aber die verrate ich Ihnen jetzt nicht ... Im Ernst: Wenn ich so rüberkomme, freut mich das. Aber es geht mir auch nicht immer alles leicht von der Hand. Ich versuche es einfach. Und ich habe ein gutes Umfeld um mich herum. Aber es gibt auch schwierige Momente. In Prüfungsphasen im Studium komme ich auch an meine Grenzen.

Skiweltmeister Patrick Küng hat gesagt, er hätte vielleicht mal eine fiktive Freundin vortäuschen sollen, um Verehrerinnen abzuschrecken. Haben Sie sich das auch schon überlegt?

Dann bekommt Küng wohl mehr Heiratsanträge als ich ... (lacht belustigt) Ich erfinde keine Freundin. Wenn ich eine habe, dann habe ich eine, und sonst eben nicht.

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