Serie-A-Story

Kann der das? Die Experten waren sich nicht alle sicher, ob es Trainerneuling Andrea Pirlo bei Juventus packen würde

Kann seine Emotionen gut verbergen: Andrea Pirlo, Trainer von Juventus Turin.

Kann seine Emotionen gut verbergen: Andrea Pirlo, Trainer von Juventus Turin.

Nach einer harzigen Startphase hat der 41-jährige frühere Ausnahmespieler mit den Turinern aber in die Spur gefunden und lässt die Skeptiker mehr und mehr verstummen.

Kann der das?

Ein ungläubiges Raunen geht durch die Fussballwelt, als Juventus Turin am 8. August vergangenen Jahres Andrea Pirlo zum neuen Cheftrainer bestellt. «Er kann auch in diesem Job ein Auserwählter sein, wie er das als Spieler war», sagt Sportchef Fabio Paratici. «Ich merkte, dass der Trainerberuf etwas für mich sein könnte, als ich nachts nicht einschlafen konnte und im Kopf begann, Spieler herumzuschieben», erklärt Pirlo.

Kann der das? fragten sich ausserhalb der Juve-Fangemeinde aber viele. Im Wissen, dass Pirlo, der 2017 beim FC New York City seine Laufbahn beendet und danach als TV-Experte gearbeitet hatte, zwar ein Ausnahmespieler gewesen war, als Trainer aber null Erfahrung mitbrachte und nicht einmal die höchste Lizenz besass.

Einer vom Schlag eines Guardiola und Zidane?

Kann der das?

Vermutlich betrachteten die meisten seiner Fans dese Frage als Anmassung. Einen wie Pirlo, den 116-fachen Nationalspieler und Weltmeister, den zweifachen Champions-League-Sieger und sechsfachen italienischen Meister in Frage zu stellen, kam einer Gotteslästerung gleich. Und überhaupt: An den Beispielen von Zinédine Zidane und Pep Guardiola liess sich ja ablesen, dass aus grossen Regisseuren zwangsläufig grosse Trainer werden.

Als die Juve nun aber am letzten Mittwoch zur Partie gegen die AC Milan reiste, dürfte sich der eine oder andere Skeptiker erneut die Frage gestellt haben: Kann der das? Unter Pirlo war der Serienmeister nur mässig aus den Startlöchern gekommen und stand vor dem Gastspiel beim Leader der Serie A unter Druck. Bei einer Niederlage wäre der Rückstand auf 13 Punkte angewachsen. Die «Gazzetta dello Sport» hatte sich bereits erdreistet, den Mister anzuzählen, und auch andere Kritiker warfen ihm vor, es sei keine Handschrift zu erkennen.

Pirlo reagierte cool und betonte, ein Umbruch brauche nun mal Zeit. «Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, wie schnell die Medien einen vom Helden zur Null machen», sagte er. Pjanic, Can, Matuidi, Da Costa und Higuain waren gegangen, Arthur, Morata, Chiesa, McKennie und Kulusevski gekommen. Doch Umbruch hin oder her: wer mit Juventus gegen Benevento und Crotone nur 1:1 spielt, braucht sich über ein starkes Rauschen im Blätterwald nicht zu wundern. Es regiere das Prinzip individuelle Klasse und Zufall, wurde gegiftelt; Pirlo solle doch selber wieder spielen. Und als die Turiner kurz vor Weihnachten beim 0:3 zu Hause gegen die Fiorentina im 12. Spiel die erste Saisonniederlage bezogen, war sie wieder da, die Frage: Kann der das?

Zumal der Vergleich mit den Trainer-Ikonen Guardiola und Zidane insofern hinkt, als beide ihre Sporen in den Nachwuchsabteilungen von Real Madrid und des FC Barcelona abverdient hatten, während Pirlo gleich auf höchster Ebene ins kalte Wasser geworfen wurde. Wie ungeplant dies jedoch geschah, zeigt die Tatsache, dass er lediglich eine Woche zuvor noch als U23-Trainer präsentiert worden war und die Verantwortlichen davon gesprochen hatten, man wolle Andrea behutsam zum Spitzentrainer aufbauen. Dann aber entliessen sie Maurizio Sarri doch und hievten den 41-jährigen Pirlo auf den Thron.

Das Ausrufezeichen beim Sieg in Mailand

Am Mittwoch gab es Indizien, dass Pirlo die Kurve kriegt. Die Alte Dame fügte den Rossoneri nach 27 Ligaspielen mit 3:1 die erste Niederlage bei. «Unsere Leistung war gut, wir kontrollierten das Spiel», sagte Pirlo hinterher. Wie schon als Spieler hatte er seine Emotionen gut unter Verschluss gehalten und sich beim Schiedsrichter lediglich kurz über das irreguläre Milan-Tor beschwert.

Pirlo zu durchschauen, scheint unmöglich. Man könnte sich den vierfachen Familienvater gut an einem Pokertisch vorstellen, wie er ohne eine Miene zu verziehen seine Gegner ausnimmt. Schon als Profi war der Stratege mit ausdruckslosen Gesichtszügen über den Platz gewandelt. Nun scheint er auch als Trainer nicht aus der Haut zu schlüpfen: Freut er sich gerade? Oder herrscht Ärger? Kann ein Trainer so funktionieren?

Johan Vogel und Stephan Lichtsteiner bejahen. Beide haben mit Pirlo zusammengespielt, der eine bei Milan, der andere bei Juve und abseits der Öffentlichkeit oft das andere, fröhliche, Gesicht ihres Kollegen erlebt. «Er war für jeden Spass zu haben», hat Lichtsteiner der «Gazzetta dello Sport» erzählt. Vogel sagt: «Hätte er kein Charisma, würde er bei Juve keine zwei Wochen überleben. Er mag zwar keine Stimmungskanone sein, ist eher introvertiert, aber trotzdem sehr humorvoll.» Der Schweizer U19-Nationaltrainer ergänzt: «Pirlo ist schlau und hat eine gute Menschenkenntnis.» Lichtsteiner hat keine Zweifel an dessen Trainerqualitäten.«Er erinnert mich in seiner Art an Zidane und ist das Gegenteil von Simeone und Conte», sagt Lichtsteiner. «Aber er hat Autorität und kann schon laut werden. Er wird Juves zehnten Scudetto in Serie gewinnen.»

Aus dem phlegmatisch wirkenden Spieler wird auch als Trainer nie ein Zappelphilipp à la Simeone und Conte werden. Doch das ist auch nicht wichtig. Unter Pirlo hat Juve in der Champions League auswärts gegen den FC Barcelona 3:0 gewonnen, ist Gruppensieger geworden und dreht nun auch in der Serie A auf.

Nach exakt fünf Monaten als Juve-Trainer liegt die Vermutung nahe: Ja, Pirlo kann das!

Autor

Markus Brütsch

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