Ski alpin
Justin Murisier - der Skifahrer, der einfach vergessen ging

Er war als Schweizer Antwort auf Marcel Hirscher vorgesehen. Doch was läuft im Leben schon nach Plan? Wenig bis gar nichts. Niemand weiss das besser als Justin Murisier.

Martin Probst
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Justin Murisier fuhr beim Saisonauftakt in Sölden im Riesenslalom auf Rang sieben. Es war sein bisher bestes Weltcupresultat.

Justin Murisier fuhr beim Saisonauftakt in Sölden im Riesenslalom auf Rang sieben. Es war sein bisher bestes Weltcupresultat.

Keystone

Wo er heute ist, war er vor sechs Jahren schon einmal. Am 12. Dezember 2010 fuhr der damals 18-jährige Justin Murisier in seinem fünften Weltcuprennen auf Rang acht. Es war ein Slalom in Val d’Isère. Und es ist bis heute sein zweitbestes Ergebnis im Weltcup. Weil danach viel dazwischenkam.

Inzwischen 24 Jahre alt, ist Murisier zurück. Zwei Tage vor dem heutigen Riesenslalom in Val d’Isère sitzt der Walliser in der Hotellobby und blickt noch einmal zurück auf turbulente Jahre. «Damals dachte ich, jetzt bin ich im Weltcup angekommen. Für mich war am Ende der Saison klar, nächstes Jahr, oder spätestens in zwei Jahren stehe ich auf dem Podest», erzählt er. Es kam anders.

Auf dem Podest stand er noch nie. Rang sieben im Riesenslalom in Sölden, zum Auftakt in diese Saison, ist bisher Murisiers Bestresultat im Weltcup. In sechs Jahren steigerte er sich um einen Rang.

Justin Murisier während der Fahrt in Sölden.

Justin Murisier während der Fahrt in Sölden.

Keystone

Das hat Gründe. In der Vorbereitung auf den Winter 2011/12 riss sich Murisier beim Fussballspielen das Kreuzband. Ein Jahr später passierte es erneut. Dieses Mal im Slalomtraining. Zwei Saisons verpasste er komplett. Zuvor war der Walliser von vielen Experten als Schweizer Supertalent taxiert worden. Viele verglichen ihn sogar mit Marcel Hirscher, der damals Markenkollege des Schweizers war.

Murisiers damaliger Trainer Reto Schläppi sagte 2010: «Justins Fahrweise gleicht jener von Marcel Hirscher, und er profitiert davon, dass sie sich bei Atomic in der Entwicklung ganz auf Hirscher ausrichten. Weil Justin gleich fährt.»

Sofort Superstar

Zwei Jahre später hatte man Murisier bei Atomic vergessen. Hirscher war längst ein Star, hatte zweimal in Folge den Gesamtweltcup gewonnen. «Als ich zurückkehrte, hatte ich keine Unterstützung von Atomic», erinnert sich Murisier. «Sie hatten ohne mich weitergemacht. Sie brauchten mich nicht mehr.»

Erschwerend kam hinzu, dass während seiner Verletzungspause ein komplett neuer Riesenslalomski eingeführt wurde. Murisier hatte nun nicht nur zwei Jahre Rückstand durch Verletzungen, er musste auch einen einjährigen Vorsprung der Konkurrenz im Materialbereich aufholen.

Es kam, wie es kommen musste. In der Comeback-Saison 2013/14 holte Murisier mit Ausnahme eines neunten Rangs in der Kombination in Kitzbühel keine Weltcuppunkte. Hirscher war Lichtjahre entfernt. «Es wäre einfach, zu sagen, dass ich heute mit Hirscher mithalten könnte, wenn ich unverletzt geblieben wäre. Zu einfach», sagt Murisier. Es ist eine ehrliche Einschätzung und eine Kritik an die Erwartungen in der Schweiz. «Nehmen wir Loïc Meillard. Von ihm wird jetzt erwartet, dass er ein Superstar wird. Er muss jetzt quasi sofort durchstarten.»

Tatsächlich wird der 20-jährige Meillard von vielen Experten so hoch eingeschätzt, wie es Murisier 2010 wurde. «Dabei geht vergessen, wie schnell man sich verletzen kann und weit zurückgeworfen wird», sagt Murisier. «Doch das zählt in der Schweiz nicht.»

Was er sagen will, ist: Kaum eine Karriere entwickelt sich so, wie jene von Hirscher. Doch in der Schweiz wird ein solcher Verlauf herbeigesehnt, weil die zweite Garde fehlt, also zumindest Podestfahrer. «Aus jedem Talent wird sofort ein zukünftiger Star gemacht, der alles besser machen wird», sagt Murisier. Murisier wie Meillard, sie spürten und spüren die Last der Erwartung, die auf die lange anhaltende Baisse im Schweizer Team der Techniker gründet.

Doch das Leben verläuft selten nach Plan. Keiner weiss das besser als Murisier. Nach einem Jahr auf Atomic entschied er sich zum Wechsel zu Völkl. Seither geht es aufwärts. 2014/15 gewann er gelegentlich Weltcuppunkte, in der vergangenen Saison etablierte er sich im Riesenslalom in den Top 15 – trotz einer Meniskusoperation zu Beginn des Winters.

Plötzlich allein

«Viele haben mir nicht zugetraut, dass ich nach den zwei Kreuzbandrissen überhaupt zurückkehre», sagt Murisier und ist erstaunt, wie schnell in der Schweiz aus einem gefeierten Talent ein Vergessener wird. «Viele, die vorher da waren und an meinem Aufstieg einen Anteil beansprucht haben, waren plötzlich weg und ich war allein», sagt Murisier.

Halt fand er bei der Familie und einigen wenigen Trainern, die an ihn glaubten. «Ich selbst habe nie gezweifelt, dass ich es schaffen werde», sagt er. Motiviert hat ihn in der langen Zeit der Rückkehr der Rückstand auf seine Teamkollegen. «Ich wollte wieder gleich schnell sein wie Carlo Janka oder Gino Caviezel», sagt er.

Murisier hat es geschafft. In den beiden Riesenslaloms der aktuellen Saison war er jeweils bester Schweizer – und er träumt bereits von mehr. Vom Podest. Wie schon vor sechs Jahren. «In Sölden war ich nahe dran. Vielleicht habe ich sogar eine Chanceverpasst. Aber es war eine gute Erfahrung. Es hat mir gezeigt, dass ich noch immer die Fähigkeiten habe, irgendwann auf das Podest zu fahren.»

Doch Eile hat Murisier nicht. Er weiss, dass an dem Tag, wo es passieren wird, sich alle, die ihn vergessen haben, wieder für ihn interessieren werden. Nur er sich nicht mehr für sie.