Fussball
Jürgen Klinsmann ist der mächtigste amerikanische Fussballer

Jürgen Klinsmann ist Trainer der US-Nationalmannschaft. Mit seinem Team tritt er am Dienstag in Zürich gegen die Schweiz zu einem Testspiel an. Er sei gekommen, um von einem starken Team zu lernen, sagt Klinsi.

Markus Brütsch
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Jürgen Klinsmann freut sich auf den Vergleich mit der Schweiz.

Jürgen Klinsmann freut sich auf den Vergleich mit der Schweiz.

KEYSTONE

50 Jahre alt ist Jürgen Klinsmann inzwischen. Aber noch immer schlank und rank wie zu seinen Zeiten als Weltklassestürmer. Nun sitzt er am frühen Samstagnachmittag in einem Konferenzraum des Hotels Renaissance und zeigt sich überrascht, wie viele Journalisten mit Fragen auf ihn warten.

Es ist wohl mehr die Person Klinsmann, welche die Medienleute angelockt hat, denn seine Tätigkeit als amerikanischer Nationalcoach. Der Deutsche weilt in diesen Tagen mit seinem Team in Zürich. Von hier aus sind sie letzte Woche nach Dänemark aufgebrochen und haben dort ein Freundschaftsspiel mit 2:3 verloren.

Ein einfacher Schweizer Sieg

Jetzt bereiten sie sich auf das Testspiel gegen die Schweiz am Dienstag in Zürich vor. Klinsmann hat den Gegner am Freitag beim 3:0 über Estland beobachtet. «Das war ein einfacher Sieg. Die Esten hatten zu viel Respekt», sagt Klinsmann. «Ich hatte den Fahrer vor dem Spiel angewiesen, in der 80. Minute beim Stand von 3:0 in der Garage bereit zu sein für die Rückfahrt ...», schmunzelt Klinsmann.

Er freue sich auf den Vergleich mit der Schweiz, denn am meisten lerne man von starken Gegnern. Gestern Abend lernten seine Spieler im Zürcher Niederdorf immerhin schon mal, was ein gutes Schweizer Fondue ist.

Klinsmann ist ohne Zweifel der mächtige Mann des amerikanischen Fussballs. Er ist seit Ende 2013 sowohl technischer Direktor wie (seit 2011) Nationaltrainer. Wie bringt er diesen Doppeljob unter einen Hut? «Es ist viel, aber vor Turnieren konzentriere ich mich auf die Trainerarbeit.»

Wer ihm zuhört, wenn er über die Entwicklung des Soccer spricht, erfährt, wie gut aufgestellt die Amerikaner mittlerweile sind. Mit Berti Vogts (technischer Berater), Andreas Herzog (U23-Coach) und Matthias Hamann (Chefscout Europa) hat er Vertrauensleute um sich geschart und darüber hinaus ein Netzwerk aufgebaut, welches ihm die Arbeit massiv erleichtert.

Fussball in den USA ist nicht zu stoppen

Und gewiss auch sind es die Fortschritte, die ihn beflügeln. «Der Fussball in den USA ist nicht zu stoppen», sagt Klinsmann, «wir erleben eine ganz spannende Zeit. Mit jeder WM sind wir ein Stück gewachsen und haben unseren eigenen Weg gefunden.» Die Major League Soccer, die vor ein paar Wochen in ihre 20. Saison gestartet ist, boomt und hat mit einem Zuschauerschnitt von 19 000 das Eishockey überholt.

«Die WM in Brasilien hat unserem Fussball einen Riesenschub gegeben. So etwas hatten wir bis anhin noch nie erlebt», schwärmt Klinsmann. «Wir wurden in Brasilien von der zweitgrössten Fankolonie begleitet, und zu Hause hielt das Public Viewing Einzug.» Auch die Achtelfinalniederlage gegen Belgien tat der Begeisterung keinen Abbruch. «Wir wollen uns Schritt für Schritt der Weltspitze nähern», sagt Klinsmann.

Sein nächstes grosses Ziel ist der Goldcup, die Kontinentalmeisterschaft für Nord-, Mittelamerika und die Karibik. Die USA wollen dieses Turnier im eigenen Land gewinnen und sich für den Confedcup 2017 in Russland qualifizieren. «Wir wollen uns ständig verbessern, schauen auf Deutschland, Spanien und Brasilien, möchten wie diese Teams möglichst viel Ballbesitz haben und die Bälle nicht einfach lang nach vorne schlagen», sagt Klinsmann. «Dieser Prozess verläuft positiv, braucht aber Zeit.»

Seit 17 Jahren in den USA

Er hat die Diskussionen der letzten Tage um die Multikultur des Schweizer Nationalteams mitbekommen. «Das ist ein gesellschaftliches Thema. Die Zusammenführung der Kulturen ist nicht einfach. Das ist bei uns nicht anders», sagt Klinsmann. «Aber wir haben es nicht schlecht hinbekommen, dass der Teamgeist funktioniert.»

Nachdem Klinsmann als 19-Jähriger mit den Stuttgarter Kickers erstmals in die USA gekommen war, verliebte er sich sofort in dieses Land. «Wir flogen mit den Kickers heim – nach einer Woche war ich wieder in den USA.» Seit 17 Jahren lebt Klinsmann nun mit seiner Familie in Südkalifornien. Sohn Jonathan hat 2014 für die U18-Auswahl der USA debütiert. Auf eine positionsspezifische Beratung durch den Vater muss er verzichten. Er ist Goalie.