Gschobe #65

Julen wer? Schuld ist nur Ronaldo

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 46 und 49, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell David, Lehrer, Speicher AR Tobias, Consultant, Zürich Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG François, Journalist, Windisch.

Flavio: Hab ich’s nicht immer gesagt? Nur die Dummen singen den Abgesang auf den italienischen Fussball. Der italienische Fussball ist aber erst tot, wenn das Land untergegangen ist.
David: Ich dachte immer, der italienische Fussball braucht Italien nicht. Aber wenn es so ist, wie du sagst, können wir getrost anfangen zu singen.
Flavio: So ein Blödsinn. Es bröckelt vielleicht hier und da. Aber mit ein paar behelfsmässigen Retuschen haben wir es noch immer geschafft, alles in altem Glanz erstrahlen zu lassen.
François: Cristiano Ronaldo sinngemäss als Retusche zu bezeichnen, wird der Sache nicht gerecht. Egal, wie oft man das Team in den Mittelpunkt stellt. Es ist allein Ronaldo zu verdanken, dass sich Juventus Turin aus dieser scheinbar ausweglosen Situation nach dem 0:2 bei Atlético Madrid befreien und sich für die ChampionsLeague-Viertelfinals qualifizieren konnte. Es ist faszinierend, wie sich Ronaldo in den wichtigen Momenten in eine Bestie verwandelt.
Pius: Als Barça-Fan habe ich schwierige Jahre
mit Ronaldo hinter mir. Aber seit er bei Juve ist, beginne ich ihn zu mögen.
Flavio: Keine Frage: Ronaldo ist der Spieler, der uns die vergangenen Jahre auf dem Weg zum Champions-League-Titel gefehlt hat.
Pius: Ja, und Ronaldo ist der Spieler, der Real Madrid nun fehlt. Ich lach mich kaputt über die königlichen Bettler von Bernabéu.
Tobias: Der wahre Bettler in dieser Geschichte ist Julen Lopetegui.
Flavio: Julen wer?
Tobias: Auch wenn ihr in Italien auf Distanz zum alten Europa geht und eher die Nähe zu Staaten im Osten sucht, ist es doch erstaunlich, diese Frage von dir zu hören. Julen Lopetegui. Zu Beginn der letzten WM noch Nationaltrainer in Spanien.
Flavio: Alles klar. Der wurde doch während der WM abgesetzt.
David: Genau. Lopetegui ist der Mann, der trotz meteorologischem Dauerhoch wohl den beschissensten Sommer hatte.
Tobias: Er wurde zu einer bedauernswerten Marionette. Erst kommuniziert Real Madrid während der WM ohne sein Wissen, dass er die Nachfolge von Zinédine Zidane antreten wird. Daraufhin muss er als Nationaltrainer sofort gehen. Gewiss sagt er sich in diesem Moment: Es gibt Schlimmeres für einen Fussballtrainer, als wegen eines Engagements bei Real Madrid entlassen zu werden. Aber kaum hat er im Juli seinen neuen Job angetreten, gibt Ronaldo seinen Wechsel nach Turin bekannt. Ein Ersatz wird nicht verpflichtet. Das Fiasko nimmt seinen Lauf und Lopetegui ist schon Ende Oktober nicht mehr Real-Trainer.
David: Echt bitter. Erst recht, weil jetzt Zidane zurückkehrt und der Präsident nun offenbar gewillt ist, dem Trainer für die kommende Saison alle Transferwünsche zu erfüllen.
François: Das ist der Unterschied zwischen einem charismatischen Trainer und einem etwas weniger charismatischen Trainer.
Pius: Und das ist der Grund, weshalb GC den Trainer gewechselt hat?
François: Das verstehe ich jetzt nicht.
Pius: Thorsten Fink hat für Super-League-Verhältnisse einen Namen und eine gewisse Glaubwürdigkeit. Würde man mit ihm absteigen, könnte das Desaster auf die Klubführung zurückfallen. Seit dem Trainerwechsel ist aber klar: Steigt GC ab, hat der unbekannte Tomislav Stipic versagt.

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Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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