NHL-Rückkehrer

Jonas Hiller: «Zufrieden bin ich erst, wenn Biel Schweizer Meister wird»

Will in Biel prägen: Neuzugang Jonas Hiller.Keystone

Will in Biel prägen: Neuzugang Jonas Hiller.Keystone

Eishockey-Torhüter Jonas Hiller spricht im grossen Interview über Rücktrittsgedanken, die NHL und die hohen Erwartungen in Biel.

Jonas Hiller ist endlich wieder das, was er auf dem nordamerikanischen Transfermarkt nicht mehr wirklich war: ein gefragter Mann. Das Interesse an ihm, einem der grössten Schweizer Eishockey-Goalies aller Zeiten, ist wenige Tage vor dem Saisonstart erdrückend. Der 34-Jährige aber schätzt diese Aufmerksamkeit vielleicht mehr denn je. Denn sein letztes Jahr in Übersee war vor allem eines: frustrierend. In seiner zweiten Saison in Calgary verlor er vieles: das Vertrauen des Trainers, seine Abgeklärtheit zwischen den Pfosten, die Freude am Eishockey. Darum ist er nun nach neun Jahren und 437-NHL-Spielen zurück in der National Leage A. Einen Dreijahresvertrag hat der Ex-Davoser beim EHC Biel unterzeichnet. Wir treffen Hiller beim Mittagessen. Vor ihm steht ein grosser Teller Älplermagronen, doch das Essen wird kalt, denn Hiller hat einiges zu erzählen.

Jonas Hiller, wie oft denken Sie noch an die NHL?

Jonas Hiller: Meistens dann, wenn ich die E-Mails der NHL-Spielergewerkschaft erhalte, da bin ich nämlich noch immer im Verteiler drin (lacht). Aber natürlich blende ich die NHL jetzt nicht einfach aus, ich verfolge weiterhin, wer wohin wechselt.

Wie schwierig war es, als Sie in Calgary spürten, dass der Trainer und die Organisation Sie nicht mehr wollen?

Das war schon tough. In der ersten Saison ging es ja noch, da hatten wir auch als Team Erfolg. Aber schon da gab es Tage, in denen es mühsam war. Trotz guten Auftritten landete ich im nächsten Spiel wieder auf der Bank. Bereits da hatte ich das Gefühl, dass nicht immer mit gleich langen Ellen gemessen wurde. Ich musste viel besser spielen als mein Konkurrent, um überhaupt wieder einmal eine Chance zu kriegen. Das war frustrierend. So wenig Freude am Hockey hatte ich in meiner ganzen Karriere noch nie.

Suchen Sie mit Ihrer Rückkehr auch Versöhnung mit dem Eishockey?

Ja, ich will das Vergangene abhaken. In Biel setzt man auf mich, hier machen sie alles, um mir die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, damit ich erfolgreich sein kann. In Calgary hatte ich manchmal das Gefühl, die Verantwortlichen waren sogar froh, wenn ich nicht gut spielte. Dann mussten sie sich nämlich nicht rechtfertigen, warum ich in den darauffolgenden Spielen wieder auf der Bank sass. Wenn du spürst, dass der Trainer nicht mehr auf dich setzt, dann ist es extrem schwer, den Glauben an sich nicht zu verlieren. Ich hoffte im Frühling, dass ich am Tag der Trade-Deadline wegtransferiert werden könnte. Als sich aber nichts ergab, realisierte ich, dass es auch im Sommer schwierig werden würde, weil im Moment zu wenig NHL-Teams einen Torhüter suchen und es zu viele vertraglose Goalies hat. Ich habe mir auch gesagt, dass ich mit 34 Jahren nicht mehr alles mitmachen werde, nur um sagen zu können, dass ich noch ein Jahr länger in der NHL war.

Was denken Sie heute über Ex-ZSC-Trainer Bob Hartley, Ihren ehemaligen Coach in Calgary?

Er weiss viel vom Hockey, er probiert jeden besser zu machen, keine Frage. Aber er ist auch sehr anstrengend. Hartley hat seine Lieblinge, die nichts falsch machen können und dann hat er jene, die sozusagen alles falsch machen. Wenn man jeden Tag in der Videoanalyse blossgestellt wird, dann ist das mühsam. Hartley hat das Gefühl, dass Spieler dadurch besser werden. Wenn man Erfolg hat, geht das vielleicht, in Zeiten des Misserfolgs, ist das aber extrem schwer zu ertragen.

Wie sehr schmerzt es, die NHL durch die Hintertür verlassen zu haben?

Es ist es schon schade, dass meine letzte Saison auch die schwächste in diesen neun Jahren war. Die Wehmut, nicht mehr in Calgary zu sein, ist aber weniger gross, weil die Situation einfach furchtbar war. Klar wäre es cool gewesen, wenn ich meine NHL-Karriere auf dem Höhepunkt hätte beenden können, aber wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass ich in den nächsten neun Jahren in der NHL spielen kann, dann hätte ich das sofort unterschrieben. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich unbedingt noch mal in die NHL muss, um mich zu vollenden.

Aber eine Rückkehr in die NHL schliessen Sie nicht aus?

Nein, das ist auch der Grund, warum ich in Biel nach der ersten und zweiten Saison noch eine Ausstiegsklausel habe. Aber es muss vieles stimmen, damit ich nochmals nach Nordamerika gehen würde.

War der Rücktritt je ein Thema?

Es gab schon Tage, an denen ich sagte, am liebsten würde ich aufhören, aber das war natürlich situationsbedingt. Eigentlich wusste ich ja, dass mir das Eishockey noch immer Spass macht. Ich weiss aber nicht, ob ich noch zwei oder fünf Jahre spielen werde. Mit Langzeitplanungen habe ich längst aufgehört.

Gerade in schwierigen Phasen muss es für Sie wichtig sein, dass das Eishockey nicht Ihr einziger Lebensinhalt ist. In der Freizeit beschäftigen Sie sich mit Autos und Kitesurfen.

Das stimmt, ich habe viele Interessen, die auch vom Eishockey-Alltag ablenken. Als Goalie hatte ich immer das Gefühl, dass man zur Passivität verdammt ist. Ich reagiere immer nur auf Schüsse, selbst die Initiative ergreifen kann ich nicht. Deshalb suchte ich Dinge, um meine eigene Fantasie umsetzen zu können. Seien das Autos, an denen ich herumschraube, meine Ausrüstungen, an denen ich herumbastle oder das Kitesurfen, das mir sehr viel Freude bereitet und ich die Möglichkeit sah, auch geschäftlich einzusteigen (Hiller besitzt die Aktienmehrheit an einem regionalen Kitesurf-Unternehmen, Anm. d. Red.). Mit dem Eishockey hatte ich bereits das Glück, mein Hobby zum Beruf zu machen, wenn es nun wieder klappen würde, mein neues Hobby Kitesurfen zum Beruf zu machen, wäre das umso schöner. Aber nach meiner Aktivkarriere will ich erst mal Dinge nachholen, auf die ich in den letzten Jahren verzichten musste. Zum Beispiel reisen.

Der Wechsel in die NLA sollte Ihnen bereits jetzt ein wenig mehr Lebensqualität geben.

Das hoffe ich zumindest. Bisher hatte ich aber so viele Termine und Interviews, dass ich noch nicht das Gefühl hatte, mehr Zeit zu haben, aber das wird abnehmen (lacht). Als Familienvater ist die NLA halt schon ausgezeichnet, man spielt in einer Topliga, verdient gutes Geld, hat Zeit für die Familie, schläft jeden Abend im eigenen Bett und hat keine Roadtrips, während denen man wochenlang von Hotel zu Hotel reist. Das sind schon Privilegien, die man als Familienvater mehr schätzen lernt.

Wobei Ihre Frau ja erschrocken ist, als Sie ihr offenbarten, in die Schweiz zurückkehren zu wollen.

Ein wenig, ja. Vor einem Jahr war es halt noch klar der Plan, in Nordamerika zu bleiben. Für meine Frau war es aber auch nicht einfach, immer zu dislozieren und sich wieder etwas Neues aufzubauen. Letztlich sind wir zum Entschluss gekommen, dass eine Rückkehr auch eine Chance für die Familie sein kann.

Sie kommen als einer der grössten Schweizer Eishockeyspieler der Geschichte nach Biel, Sie haben selbst schon gesagt, dass Sie eigentlich nur verlieren können.

Die Erwartungen sind gross, dessen bin ich mir bewusst. Wenn es einmal nicht so laufen sollte, werden eh alle sagen, ja der Hiller meinte sowieso, er könne in Biel mal schnell die Grenzen verschieben. Aber Druck hatte ich vorhin auch schon, das bin ich mir gewohnt. Nun sind vielleicht die Erwartungen von aussen ein wenig höher, aber ich mache mir keine Sorgen. Ich weiss, dass die Augen auf mich gerichtet sein werden.

Wie wichtig ist es Ihnen, endlich wieder im Mittelpunkt zu stehen und gebraucht zu werden?

Das Gefühl, wieder gebraucht zu werden, ist das, was cool ist. Ich bin aber nicht derjenige, der meint, er müsse im Mittelpunkt stehen. Am Ende macht es mir mehr Freude, wenn wir als Team Erfolg haben kann. Wenn ich gut spiele und wir trotzdem verlieren, bin ich der Erste, der frustriert ist.

Gerne wird betont, dass der Unterschied zwischen der NHL und der NLA immer kleiner wird. Denken Sie, dass die Erwartungen an Sie dadurch zu hoch angesetzt werden?

Ich weiss es nicht. Die Schweizer Liga ist extrem gut, der Unterschied ist nicht riesig. Zumindest spielerisch, in Bezug auf die Intensität ist die Diskrepanz schon noch grösser. Aber ich bin realistisch: Am Schluss kriege ich nicht 50 Tore weniger als die anderen, vielleicht sind es fünf oder zehn. Verhindere ich diese aber im richtigen Moment, kann das bedeuten, dass wir am Ende der Qualifikation zehn Punkte mehr auf dem Konto haben.

Wieso ist der EHC Biel die ideale Destination für Sie?

Es sind mehrere Faktoren. Am Wohlensee haben wir uns ein Haus gebaut, dort planen wir als Familie unsere Zukunft. Deshalb wollte ich einen Verein in der Nähe. Das Vertragsangebot mit den eingebauten Klauseln ist fair. Sportlich ist es spannend, weil man als Goalie den Unterschied ausmachen kann, ob Biel in die Playoffs kommt oder nicht. Ob es realistisch ist, in den nächsten drei Jahren zum Meisteranwärter zu werden? Es wäre schön. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das wohl noch nicht der Fall, aber wir wollen in den nächsten drei Jahren eine Entwicklung durchmachen, um dem Meistertitel näher zu kommen.

Ihr Anspruch ist es, zu prägen, das hätten Sie in Bern oder Zürich weniger gekonnt.

Ich denke schon, ja. Als Goalie hat man zwar immer eine prägende Rolle, aber in Biel kann ich was bewegen. Ich bin nicht nur hier, um meinen Lohn abzuholen. Der Ehrgeiz ist noch immer vorhanden.

Reto Berra war der letzte Goalie in Biel, der Grenzen verschob. Werden Sie nun Berra 2.0?

Am Schluss will ich natürlich Hiller 1.0 sein und mich abheben. Aber klar, Reto hat gezeigt, dass man als Torhüter in einem Team mit den nicht allergrössten Ambitionen den Unterschied machen kann. Daran werde ich sicher auch gemessen. Gleichzeitig hatte es in der NHL viele Goalies auf Berra-Level, die mir jeden Tag meinen Job streitig machen wollten. Aber ich konnte mich beweisen, dass ich besser bin. Ich hoffe, dass ich in Biel Spuren hinterlassen kann und sie dereinst einen anderen Goalie in Biel fragen werden, ob er jetzt Hiller 2.0 werde.

Wie müsste die Saison für Biel verlaufen, damit Sie zufrieden sind?

Wir wissen, dass es nicht einfach wird, aber die Playoff-Qualifikation muss das Ziel sein. Gleichzeitig bin ich auch nicht einer, der sagt, wenn ich in den Playoffs stehe, dann bin ich zufrieden. Zufrieden bin ich erst, wenn wir Meister werden.

Sehen wir Sie noch einmal in der Nationalmannschaft?

Das ist sicher ein Ziel. Ich will nach wie vor zeigen, dass ich einer der besten Goalies der Schweiz bin. In der NHL war das Nationalteam manchmal weit weg, das ist jetzt anders. Wenn die Möglichkeit besteht, fürs Nationalteam zu spielen, wäre das cool. Auch Olympia ist ein spannendes Ziel. Aber ich weiss, dass nicht meine Vita, sondern die Leistung für die Nomination entscheidend ist. Deshalb muss ich jetzt erst mal was leisten.

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