Mountainbike
Jolanda Neff spricht über ihren Doppelstart an den Olympischen Spielen

Mit dem Mountainbike ist Jolanda Neff die Nummer 1 der Welt. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro will die 23-Jährige Schweizerin aber auch im Strassenrennen antreten.

Simon Steiner und Michael Foster
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«Biken war schon immer mein liebstes Hobby», sagt Jolanda Neff, inzwischen Mountainbike-Profi.

«Biken war schon immer mein liebstes Hobby», sagt Jolanda Neff, inzwischen Mountainbike-Profi.

Chris Iseli

Jolanda Neff, sind Sie eine gute Verliererin?
Jolanda Neff: Gewinnen kann ich besser (lacht). Und es macht auch mehr Spass. In meiner Karriere habe ich glücklicherweise mehr Siege als Niederlagen erlebt.
Manchmal braucht es Niederlagen, um etwas zu lernen.
Ich lerne lieber aus dem Gewinnen. Niederlagen bringen mir nichts. Was mir etwas bringt, ist ein Erfolgserlebnis. Deshalb beschäftige ich mich auch nicht gross damit, wenn etwas nicht klappt, sondern lieber mit dem Gelingen. Wenn etwas schiefgeht, schaue ich zwar, was ich besser machen kann. Aber was ich wirklich mitnehme, sind die Emotionen eines Sieges.
Macht das Siegen auch noch Spass, wenn Sie mit mehreren Minuten Vorsprung gewinnen, wie das auf nationaler Ebene oft der Fall ist? Hätten Sie nicht lieber etwas mehr Konkurrenz?
Je grösser der Vorsprung, desto schöner der Sieg. Dann weisst du, dass du alles richtig gemacht hast. Auch wenn du im Rennen allein unterwegs bist, spürst du für dich selber, ob es gut läuft oder ob du noch etwas besser machen kannst. Ich finde Biken einfach megacool, auch wenn ich allein unterwegs bin.
Ihr erstes Rennen haben Sie als 6-Jährige gleich gewonnen. Damit haben Sie die Messlatte für Ihre spätere Karriere hoch gelegt.
Es machte natürlich umso mehr Spass, dass ich das erste Rennen grad gewinnen konnte. Das war 1999 in Rivera, und es ist heute noch speziell, wenn ich wieder für ein Rennen dorthin zurückkehre. Wie Anfang April, als ich dort meinen 61. Sieg im Rahmen des Swiss Bike Cups feiern konnte.
Dann hat sich bei Ihnen schon immer alles ums Velo gedreht?
In unserer Familie war das Velo schon immer wichtig. Wir haben immer viel Zeit in der Natur verbracht und viel Sport gemacht, auch Skifahren, Wandern, Langlauf ... In den Ferien waren wir oft mit dem Wohnwagen und den Velos unterwegs. Das waren immer schöne Erlebnisse, an die ich gern zurückdenke.
Gibt es Tage, an denen Sie keine Lust haben, zu trainieren?
Nein, keine Lust gibt es eigentlich nicht. Eher fehlt mir manchmal die Zeit, wenn ich all meinen Verpflichtungen rund um den Sport nachkommen muss.
Muss man Sie manchmal bremsen?
Mir ist es lieber, wenn ich nicht gebremst werde. Aber manchmal bremsen mich andere, und manchmal ist das vielleicht gar nicht so schlecht – auch wenn ich das nicht gern zugebe (lacht).
Wer bremst Sie dann?
Ich habe Glück, dass mein Vater mein Trainer ist. Er hat das so gut im Griff wie niemand sonst. Er weiss genau, wenn er etwas vor- oder nachgeben muss. Ich bin sehr happy, dass die Zusammenarbeit zwischen uns so gut funktioniert. Das ist die ideale Lösung für mich.
Sportler-Eltern neigen manchmal dazu, ihre Kinder zu sehr unter Druck setzen.
Es ist sicher eine grosse Kunst, da den richtigen Weg zu finden. Alle Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, und einige sind sehr ehrgeizig bis überehrgeizig. Ich bin sehr froh, dass meine Eltern nicht so waren. Sie liessen uns machen und haben uns unterstützt in dem, was wir wollten. Mein Bruder zum Beispiel ist eher musikalisch interessiert. Er fährt auch gern Velo, sogar Rennen, aber in der Fun-Kategorie. Er hat Freude daran, aber hatte nie grosse Ambitionen.
Sie hingegen gewannen schon als Jugendliche serienweise Rennen, obwohl andere mehr trainierten als Sie.
Ich hatte manchmal den Eindruck, andere würden doppelt so viel trainieren wie ich. Biken war immer mein liebstes Hobby, aber deswegen bin ich trotzdem in die normale Schule gegangen. Ich war nie in einer Sportklasse. Ich habe die Lateinmatura in einer Klasse gemacht, in der ausser mir fast niemand Sport machte. Für mich war das aber ganz in Ordnung, so konnte ich mit diesen Leuten über ganz andere Dinge sprechen. Das hat mir gut getan, und ich habe es auch immer genossen, zwischen diesen Welten hin- und herzuwechseln. Da konnte ich mich ausleben in verschiedenen Bereichen.
Haben Sie heute noch das Gefühl, Sie müssten sich intellektuell herausfordern neben dem Sport?
Auf jeden Fall. Deshalb habe ich letztes Jahr mit einem Fernstudium in Geschichte begonnen. Das war extrem spannend, aber im Sommer musste ich einsehen, dass die Zeit dafür nicht reichte. Nach dem Gewinn des Gesamtweltcups kamen so viele neue Termine hinzu. Ich habe aber einen guten Ersatz gefunden, indem ich Spanisch lerne. So habe ich etwas für den Kopf und bin zeitlich flexibel.
Und das Studium holen Sie dann nach der Karriere nach?
Wer weiss? Darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Im Moment bin ich Bikerin und absolut zufrieden damit.
Bei den Olympischen Spielen in Rio wollen Sie neben dem Bikerennen auch noch das Strassenrennen bestreiten. Warum dieser Spagat?
Ich habe mir das gut überlegt, schliesslich sind es zwei verschiedene Sportarten – fast wie Skifahren und Snowboarden. Doch als wir Ende 2014 mit dem Team in Rio waren, habe ich mit dem Nationaltrainer den Parcours des Strassenrennens angeschaut. Und wir haben gesagt: Cool, da gibt es einen Berg, das haben wir beim Biken auch. Wenn die Strecke so flach wäre wie zum Beispiel im Herbst bei der WM in Katar, hätte ich nie an einen Olympiastart im Strassenrennen gedacht.
Sie sprechen von zwei verschiedenen Sportarten. Was sind die grössten Unterschiede?
Der grösste Unterschied ist die Art und Weise, wie die Rennen ablaufen. Auf dem Bike bist du mehr oder weniger auf dich allein gestellt, auf der Strasse hast du dauernd andere Fahrerinnen um dich herum. Dort bist du immer im Getümmel. Ich musste erst lernen, wie man sich in einem Strassenrennen im Feld bewegt und wie man sich taktisch verhält. Und ich lerne immer noch in jedem Rennen dazu. Mein Hauptfokus gilt jedoch klar dem Mountainbike.
Es werden Ihre ersten Olympischen Spiele sein. Was erwarten Sie von diesem Anlass?
Viele Sportler sagen, sie würden in jedem Training an Olympia denken. Ich war noch nie dabei, darum kann ich mir gar nicht so viel darunter vorstellen. Deshalb nützt es auch nichts, wenn ich mir dazu viele Gedanken mache. Was ich kenne, sind Weltcup und Weltmeisterschaften, und das ist jetzt auch mein Programm im Frühling und Sommer. Darauf werde ich mich gut vorbereiten, und dann sollte ich auch im Sommer schnell sein ...
Der grösste Unterschied dürfte der Rummel um die Rennen herum sein. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Das wird sicher eine neue Erfahrung sein, ein Abenteuer, und darauf freue ich mich. Ich habe ein kompetentes Umfeld mit erfahrenen Leuten, auf die ich mich verlassen kann. So wird hoffentlich auch bei Olympia alles in guten Bahnen verlaufen und ich kann mich ganz auf mein Rennen konzentrieren.
Zwischen dem Strassen- und dem Bikerennen liegen zwei Wochen. Wie werden Sie diese Zeit verbringen?
Am liebsten an der Copacabana mit einem Drink in der Hand ... (lacht). Im Ernst: Unsere Unterkunft liegt etwa anderthalb Stunden ausserhalb von Rio im Gebirge. Das Trainingsgebiet haben wir 2014 bereits kennen gelernt. Dort werden wir unsere Ruhe haben und gut trainieren können. Die Wettkampfstrecke selber kenne ich noch nicht im Detail, aber das ist nicht so entscheidend. Es wird sein wie an jedem Bikerennen, mit einem Aufstieg und einer Abfahrt.
Können Sie sich vorstellen, einen anderen Olympiawettkampf als Zuschauerin zu besuchen?
Ich glaube nicht, dass ich darauf Lust haben werde. In dieser Phase bin ich froh, wenn ich meine Ruhe habe und mein Training machen kann. Das geht mir übrigens auch zu Hause so: Der ideale Tag ist der, an dem ich einfach nur mein Training machen kann und nicht auch noch zum Zahnarzt, zum Coiffeur oder zu einem Medientermin rennen muss.

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