WM-Barrage
Jogi Löw über Nordirland: «Seid mit diesem Los zufrieden»

Am frühen Abend meldet sich Jogi Löw aus dem Ausland bei der «Nordwestschweiz» und empfiehlt: «Seid mit diesem Los zufrieden!» Jogi Löw kennt die Nordiren gut und rechnet mit der Schweizer WM-Qualifikation.

Markus Brütsch
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Deutschland-Trainer Jogi Löw spricht über das Schweizer Los

Deutschland-Trainer Jogi Löw spricht über das Schweizer Los

Keystone

Wenn einer besonders gut weiss, wie die Nordiren einzustufen sind, dann ist es der deutsche Bundestrainer. Mit seinem Team ist er in den letzten 16 Monaten drei Mal gegen Grün-Weiss angetreten. Löw ist sich sicher: «Mit der Spielweise Nordirlands wird die Schweiz gut umgehen können. Da gibt es nämlich keine Überraschungen.»

Will heissen: Der Gegner steht tief und versucht mit langen Bällen sein Glück. Zumindest auf eine nordirische Stärke macht Löw aber noch aufmerksam: die ruhenden Bälle. Er sagt: «Ich hoffe, die Schweiz besitzt Spieler, die bei Standardsituationen defensiv gut sind.»

Am 9. November, also exakt fünf Wochen nachdem Löw mit Weltmeister Deutschland im Windsor Park vorgespielt hat (3:1), treten die Schweizer im Hinspiel der Barrage in Belfast gegen Nordirland an. Drei Tage entscheidet sich dann in Basel, ob sie 2018 in Russland zum vierten Mal in Folge bei einer WM dabei sind.

Belfast ist heute eine Reise wert

Belfast! Was für ein klingender Name! Vor 40 Jahren hat Boney M. dieser Stadt sogar einen Song gewidmet und sich damit in vielen Ländern an die Spitze der Charts gesetzt. Aus traurigem Anlass allerdings: Die deutsche Disco-Gruppe rief die irischen Nationalisten und die britischen Unionisten zum Ende des Bürgerkriegs auf. Dieser wurde aber erst elf Jahre später besiegelt.

Schweizer Fans, welche die Nati nach Nordirland begleiten wollen, müssen sich keine Sorgen machen. Die riesige Mauer, welche Belfast durchschneidet, ist heute eine Touristenattraktion. Frühere Bombenleger erzählen den Fremden von damals.

Frühere Schweizer Nationalspieler wie Murat Yakin oder Stéphane Chapuisat könnten derweil der heutigen Generation mit auf den Weg geben, wie man in Belfast nicht auftreten darf: lustlos und pomadig. So nämlich trat die Schweiz im April 1998 bei einem Testspiel auf, verlor 0:1 und verärgerte Trainer Gilbert Gress.

Anzunehmen ist indes, dass der heutige Coach Vladimir Petkovic sein Team bestens auf den legendären Kampfgeist vorbereiten wird, mit dem die Nordiren ihre Gäste jeweils empfangen.

Kein Angstgegner, aber ein Respektgegner

Lange zu warten brauchte Petkovic gestern am Fifa-Sitz in Zürich nicht, bis er den Barrage-Gegner kannte. Der frühere Real-Star Fernando Hierro hatte gleich nach dem Beginn der Auslosung die Partie Nordirland gegen die Schweiz aus der Glaskugel gezaubert.

«50:50» − so beurteilte Petkovic die Chancen, als er nach der Ausgangslage gefragt wurde. «Die Nordiren werden ein sehr unangenehmer Gegner sein. Sie haben in der WM-Qualifikation in sieben Spielen kein Tor bekommen», sagte Petkovic. «Wir aber haben nach vorne grosse Qualitäten. Ich hoffe einfach, dass meine Spieler bis zur Barrage in ihren Klubs wieder mehr Spielpraxis bekommen, als dies am letzten Wochenende der Fall war.»

Die Schweiz trifft in der Barrage für die Weltmeisterschaft 2018 auf Nordirland
8 Bilder
Nordirland WM-Qualifikation
und Josh Magennis. Beide trafen in der Qualifikation drei Mal
In den bisherigen zehn WM-Qualifikationsspielen spielten die Nordiren sieben Mal zu null
Die Nordirischen Fans gingen an der EM 2016 im Internet um die Welt...
... mit ihrem Song "Will Griggs on Fire" für den Stürmer Will Grigg (links)
Wer wird sich schlussendlich qualifizieren? Die Nordiren...
... oder doch unsere Schweizer Nati?

Die Schweiz trifft in der Barrage für die Weltmeisterschaft 2018 auf Nordirland

Keystone

Nicht gezielt hat Petkovic dabei auf Granit Xhaka und Yann Sommer, die bei Arsenal und Mönchengladbach unbestrittene Stammspieler sind. «Für mich ist das ein ganz, ganz gutes Los. Nordirland hat in der Qualifikation zwar überrascht, aber die Aufgabe ist auf jeden Fall machbar», sagte Xhaka. «Das Spiel gegen Deutschland habe ich am TV verfolgt: sehr physisch, viele lange Bälle.»

Sommer seinerseits erwartet in Belfast eine aussergewöhnlich gute Atmosphäre und einen Gegner, der in jede Partie mit einer riesigen Mentalität gehe, der zweikampfstark sei und über die Leidenschaft komme.

Und mit Mut und Zuversicht, weil er nicht wie befürchtet gegen Italien oder Kroatien spielen muss. «Switzerland – wir getrauen uns, zu träumen», twitterte jedenfalls der nordirische Verband und meinte die erstmalige WM-Qualifikation seit 1986.

Der Optimismus ist in Nordirland bereits spürbar

Auch Trainer Michael O’Neill, seit sechs Jahren im Amt, strahlte Optimismus aus. «Wir werden alles dafür tun, im Heimspiel ein gutes Resultat zu holen, das uns mit guten Chancen in die Schweiz reisen lässt», sagte O’Neill.

Nicht mehr im Kader steht Will Grigg, der bei der EM 2016 berühmt geworden war, weil ihm die Fans den Song «Will Grigg’s on fire» gewidmet hatten. Obwohl der Stürmer gar nie zum Einsatz kam. Auch ohne Grigg werden die nordirischen Fans aber wie eine Wand hinter der «Green and White Army» stehen. «Die Schweizer werden in Belfast leiden müssen», sagte O’Neill.

Fakten zum Schweizer Barrage-Gegner Nordirland

2 von 4 Spielen

Zwei von vier Spielen gegen die Schweiz hat Nordirland gewonnen. Eine Partie endete Unentschieden, eine mit einem Sieg für Schweiz. Die letzte Direktbegegnung fand als Testspiel am 18. August 2004 in Zürich statt und endete 0:0. 1964/65 duellierten sich die Teams in der Qualifikation für die WM 1966. Die Schweiz siegte zu Hause 2:1 und unterlag auswärts 0:1. Die Nati durfte als Gruppensieger an die WM.

3 WM-Endrunden

3 WM-Endrunden hat Nordirland bisher erreicht: 1958, 1982 und 1986. Die Schweiz war bereits 10-mal dabei (zuletzt dreimal in Serie). Seit 2004 fanden gar sieben der letzten acht grossen Turniere mit der Nati statt. 2016 war Nordirland erstmals an einer EM dabei, schaffte es wie die Schweiz ebenfalls, die Gruppenphase zu überstehen (0:1 im Achtelfinal gegen Wales). In der Weltrangliste belegt Nordirland
Rang 23, die Schweiz Rang 11.

7 Mal keinen Gegentreffer

Mal kassierte Nordirland in der WM-Quali kein Tor – Rang 2 mit 19 Punkten hinter Deutschland.

Tschechien - Nordirland 0:0
Nordirland - San Marino 4:0
Deutschland - Nordirland 2:0
Nordirland - Aserbaischan 4:0
Nordirland - Norwegen 2:0
Aserbaischan - Nordirland 0:1
San Marino - Nordirland 0:3
Nordirland - Tschechien 2:0
Nordirland - Deutschland 1:3
Norwegen - Nordirland 1:0

3 Tore von Kyle Lafferty und Josh Magennis

Je 3 Tore gelangen Kyle Lafferty und Josh Magennis für die Nordiren jeweils in der WM-Qualifikation, sie sind damit die gefährlichsten Angreifer. Lafferty hat auch eine Vergangenheit in der Schweiz. In der Saison 2012/13 spielte er beim FC Sion. Zum Vergleich: Der beste Schweizer Torschütze heisst Haris Seferovic (4 Treffer), gefolgt von Stephan Lichtsteiner (3). Insgesamt trafen neun verschiedene Nordiren, bei den Schweizern waren es zwölf.

3 Tore von Will Grigg

3 Torehat auch Will Grigg erzielt – diese Saison für Wigan Athletic. Warum das wichtig ist? Ist uns auch gerade entfallen. Schliesslich spielt Wigan nur noch in der dritthöchsten Liga von England. Und Will Grigg ist nicht mehr Nationalspieler von Nordirland. Eine Legende bleibt er trotzdem. An der EM wurde der Song «Will Grigg is on fire» zum akkustischen Highlight des Turniers. Auch jetzt werden die Fans dazu tanzen – sogar die Schweizer.

80 Prozent erfolgreiche Pässe

Prozent aller 3100 Pässe der Nordiren sind angekommen in dieser WM-Qualifikation. (Im Vergleich die Schweiz: 88 Prozent der 5466 Pässe sind angekommen.) Die Nordiren setzen also weniger auf das spielerische Element. Dafür eher auf lange Bälle und harte Zweikämpfe. Im Schnitt waren die Nordiren während 44 Prozent der Spielzeit in Ballbesitz. Die Schweizer kommen in dieser Statistik auf 61 Prozent. (ewu)