Borussia Dortmund

Jetzt ist er 16 Jahre alt und darf in der Bundesliga ran: Deutschlands irrer Hype um Wunderkind Youssoufa Moukoko

Ist viel weiter als seine Alterskollegen: Dortmunds Youssoufa Moukoko.

Ist viel weiter als seine Alterskollegen: Dortmunds Youssoufa Moukoko.

Gestern ist die Tormaschine von Borussia Dortmunds Nachwuchs 16 Jahre alt geworden und darf ab sofort in der Bundesliga auflaufen. Die Frage ist: Lässt ihn Trainer Lucien Favre schon am Samstag in Berlin gegen die Hertha von der Leine?

Kaum hat Lucien Favre an der Pressekonferenz vor dem Hertha-Spiel Platz genommen, wird er schon nach Moukoko gefragt: Nehmen Sie ihn mit nach Berlin? Wird er spielen?

Seit dem Bundesligastart 1963 haben 6357 Spieler debütiert, doch einen Hype wie vor der möglichen Premiere von Youssoufa Moukoko hat es noch nie gegeben. Der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc, der neben Favre sitzt, sagt: «Was sich medial gerade abspielt, geht zu weit.» Er ermahnt die Journalisten: «Nehmt Gas weg, sonst wird der Druck für Youssoufa viel zu gross.»

Favre sagt, was von ihm zu erwarten ist: Nichts. «Es spricht nichts dagegen, ihn nach Berlin mitzunehmen, aber es gibt auch Argumente dafür, das nicht zu tun. Wir sind im Angriff gut besetzt.» Der Schweizer Zauderer ergänzt: «Ich werde mich erst nach dem Abschlusstraining entscheiden.»

Die Aufregung in Fussballdeutschland ist so irr wie verständlich. Wenn stimmt, was so viele sagen, dann steht mit dem Deutsch-Kameruner ein wahres Wunderkind am Start einer Weltkarriere. Samuel Eto’o, der vierfache afrikanische Fussballer des Jahres, sagt über seinen Landsmann: «Er wird der Nachfolger von Messi.» Zwar weiss auch Eto’o, dass schon vielen Talenten eine grosse Zukunft prophezeit wurde, dann aber wie Sternschnuppen verglüht sind. Im Fall von Moukoko liegen die Dinge allerdings anders.

Mit 141 Toren in 88 Spielen die Dortmunder zu Titeln geballert

Auf Antrag des BVB hat die Deutsche Fussballliga im April beschlossen, die Bundesliga-Altersgrenze von bisher 17 auf 16 Jahre zu senken. Obwohl Moukoko immer in den älteren Nachwuchskategorien eingesetzt wurde, war er zu gut für diese. In der deutschen U20-Nationalmannschaft kam er als 15-Jähriger zum Zug, und mit 141 Toren in 88 Spielen ballerte er die Dortmunder in den Nachwuchsbundesligen zu Titeln. «Wir möchten, dass auch Ausnahmetalente optimal gefördert werden können», begründete Zorc den Vorstoss. «Aber ganz uneigennützig geschah dies nicht. Wir wollen Moukoko so schnell wie möglich in unserer ersten Mannschaft sehen.»

Was perfekt zum Dortmunder Geschäftsmodell passt. Dank Jude Bellingham (17), Giovanni Reyna (18), Jadon Sancho (20) und Erling Haaland (20) wird bald wieder viel Geld in die Kasse fliessen. Sancho, 2017 für acht Millionen Euro von Manchester City geholt, wird für über 100 Millionen verkauft werden. Und Moukoko? Erst am 26. November wird «Transfermarkt.de» einen Marktwert festlegen.

Am Freitag ist der Vollblutstürmer 16 Jahre alt geworden. Der BVB hat in den letzten Monaten alle Interviewwünsche abgelehnt, dafür auf der Website ein Video aufgeschaltet. Moukoko, der seit dem Sommer mit den Profis trainiert, erzählt demütig, dass er vorerst gar nicht so richtig geglaubt habe, tatsächlich mit einem Haaland und Sancho auf dem Platz zu stehen. Um dann wie ein Altkluger zu sagen: «Von Stürmern werden Tore erwartet. Genau das will ich tun.» Haaland seinerseits sagt:

Er lobt seinen neuen Teamkollegen: Erling Haaland.

Er lobt seinen neuen Teamkollegen: Erling Haaland.

Wenn die Legende stimmt, hat Moukokos Fussballmärchen vor zwölf Jahren in Yaoundé, der Hauptstadt von Kamerun, begonnen. Weil sein Vater in Hamburg lebte, wuchs der Kleine bei den Grosseltern auf, und als er im Fernsehen ein Champions-League-Spiel zwischen Barcelona und Chelsea sah, soll er gesagt haben: «Ich will Fussballer werden.» Seither eifert er Lionel Messi nach.

Als Youssoufa dann mit neun Jahren zu seinem Vater nach Hamburg zog, tauchte er eines Tages im Nachwuchszentrum des FC St. Pauli auf und schoss in der Folge so viele Tore, dass der BVB sich veranlasst sah, ihn mit elf Jahren nach Dortmund zu holen. Heute sagt Nachwuchsdirektor Lars Ricken, einst selbst als Teenager ein BVB-Star geworden: «Ich denke, es gibt in Deutschland keinen Spieler seines Alters, der so viele Trainings- und Spielminuten absolviert hat.» Und schwärmt weiter: «Unsere freiwilligen Frühtrainings beginnen um 8 Uhr, doch man kann sich sicher sein, dass Youssoufa um 7.15 Uhr im Kraftraum steht.»

Otto Addo, der bei Gelb-Schwarz die Toptalente trainiert, sagt: «Ich habe noch nie einen Spieler erlebt, der so sehr an den kleinen Schwächen arbeitet, die er noch hat. Der so motiviert und diszipliniert ist, wie Youssoufa.» Der Zehntklässler hat keinen einzigen Schultag geschwänzt. Moukoko sagt: «Mein Vater hat mir einmal geraten, mehr zu tun als die anderen.» Was den Jungstar nicht davon abhält, auf Instagram präsent zu sein und 750 000 Follower zu haben. Mit Nike hat er einen Ausrüstervertrag, der ihm jetzt schon eine Million, später vielleicht mal zehn Millionen Euro einträgt. Vom BVB indes wird er mit 350 000 Euro pro Jahr noch etwas knapp gehalten...

Sportwissenschaftler und Julian Nagelsmann sind skeptisch

Nicht alle finden es aber gut, dass nun schon 16-Jährige in der Bundesliga auflaufen dürfen. Der Leipziger Trainer Julian Nagelsmann sagt, er glaube nicht, dass dies für die Persönlichkeitsentwicklung super sei. Sportwissenschaftler Arne Güllich sagt in der ARD: «Es besteht ein beträchtlich erhöhtes Risiko, Überbelastungsschäden zu erleiden oder ein Burn-out. Es geht um Kinder.» Schalkes Nachwuchsguru Norbert Elgert dagegen, der Spieler wie Özil, Sané und Draxler herausgebracht hat, sagt: «Wenn einer in der U19 derart unterfordert ist, finde ich den Schritt okay.» Aber wie viele andere hat vermutlich auch Elgert mal gezweifelt, ob dieser Überflieger wirklich erst so alt ist, wie sein Pass es glauben lässt. Eine Überprüfung des Geburtenregisters in Yaoundé hat indes ergeben: Ja, es stimmt.

Wie stark Moukokos Persönlichkeit und Charakter schon entwickelt sind, hat sich neulich gezeigt. Im Derby gegen Schalke von Zuschauern aufs Übelste rassistisch beschimpft, lässt er sich nicht provozieren und erklärt später, wie stolz er auf seine Hautfarbe sei. Als Moukoko sein Team beim nächsten Mal als Captain, der er wegen seiner grossen Sozialkompetenz ist, aufs Feld führt, kniet er nach dem Vorbild der Black-Lives-Matter-Bewegung nieder.

Selbst wenn Favre sein Juwel in Berlin noch nicht einsetzen sollte, ist es nur eine Frage der Zeit, wann er dieses von der Leine lässt und Moukoko Nuri Sahin als jüngsten Bundesligadebütanten ablöst. Im Trainingslager in Bad Ragaz hatte Favre gesagt: «Er weiss nicht, mit welchem Fuss er spielt, er ist mit beiden gleich stark. Es macht Spass, ihn zu trainieren. Er hat ein super Potenzial.»

Vielleicht wartet Bruno Labbadia heute mit einer Überraschung auf und lässt im Olympiastadion vorsichtshalber die Tore abmontieren. Der Hertha-Trainer hat am Donnerstag schon mal mit Respekt gesagt: «Man hört, dass der Junge weiss, wo das Tor steht.»

Autor

Markus Brütsch

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