Die Sensation ereignet sich am 8. Juni. Der FCB lüftet das Geheimnis, wer künftig der starke Mann bei Rot-Blau ist. Brigger? Jean-Paul Brigger? Man kann sich gut die staunenden Gesichter in Basel und der Fussballschweiz vorstellen. Kein Mensch hat den 59-Jährigen auf der Rechnung gehabt.

Auch die überrumpelten Mitglieder nicht, die zum Entsetzen des neuen Präsidenten Bernhard Burgener am nächsten Tag bei der GV Brigger den Eintritt in den Vereinsvorstand verweigern. Weil dieser jedoch in den Verwaltungsrat der FC Basel 1893 AG gewählt wird, steht gleichwohl fest: Wie die erste Mannschaft (Raphael Wicky) wird auch das Management von einem Oberwalliser geführt.

Jean-Paul Briggers Stationen in Bildern:

Wer aber ist dieser Mann, der ab dem 1. August beim Serienmeister das Sagen hat? Der als Delegierter des Verwaltungsrats für die Umsetzung der Strategie 2017–2020 und damit für den sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg des FCB verantwortlich ist?

«Er hatte nie schlechte Laune»

Älteren Fussballfans ist Brigger natürlich ein Begriff. Schliesslich war er ein erfolgreicher Spieler beim FC Sion und bei Servette, trug 36 Mal das Trikot der Nati, und auf seiner Visitenkarte stehen zwei Meistertitel und fünf Cupsiege. Doch als Brigger vor zwölf Jahren zum zweiten Mal bei der Fifa anheuerte, da wurde es ruhig um ihn. Als Leiter der Technischen Studiengruppe arbeitete er fortan vor allem im Hintergrund, jettete um die Welt, besuchte Turniere, verfasste Berichte und Statistiken.

Brauchte er mal Abstand von der Hektik des Weltfussballs, zog er sich gerne zur Familie in St. Niklaus zurück. Dort, im Mattertal, war der junge Jean-Paul aufgewachsen. Er spielte im lokalen Verein Fussball, absolvierte in Brig eine Malerlehre und wurde mit 19 Jahren vom FC Visp zum FC Sion geholt. Hier traf er auf Alain Geiger, mit dem er noch viele Jahre zusammenspielen sollte. «Jean-Paul hatte nie schlechte Laune», sagt der Unter- über den Oberwalliser. Sie gewannen mit Sion den Cup und wurden mit Servette Meister. «Er war immer voller Energie und mental top», sagt Geiger.

Neuseeland 2015: Der Schweizer posiert im Rahmen der U20-Weltmeisterschaft in Auckland als Direktor der technischen Studiengruppe.

Neuseeland 2015: Der Schweizer posiert im Rahmen der U20-Weltmeisterschaft in Auckland als Direktor der technischen Studiengruppe.

Ein anderer Weggefährte war Stephan Lehmann. Dem Torhüter genügt eine Episode, um zu erklären, wie Brigger funktioniert. «Als ich einmal in einer Krise steckte und am Boden zerstört war, nahm mich Jean-Paul mit nach Hause und stellte mich seiner Mutter vor», erzählt Lehmann. «Diese war erkrankt und sass im Rollstuhl. Mir wurde klar: Ihr Sohn wollte mir zeigen, wie unbedeutend meine Probleme waren.»

Nachdem der Vollblutstürmer Brigger beim FC Sion für die beiden letzten Jahre seiner Karriere erfolgreich zum Innenverteidiger umfunktioniert worden war, beendete er 1992 seine Laufbahn als Schweizer Meister und Fussballer des Jahres. André Luisier machte ihn jedoch direkt zum Trainer. Als der Präsident aber wegen eines Bandscheibenschadens abtreten musste, übernahm ein gewisser Christian Constantin das Ruder. Mit dem Wissen von heute ist es keine Überraschung, dass dieser Brigger schon bald entliess. Nur ein paar Wochen, nachdem der Trainer den Präsidenten aus der Kabine zitiert hatte …

«Ich habe viel Spass mit ihm gehabt. Ich bin gespannt, wie es ihm in Basel ergeht.»

Thomas Schaaf, Fussball-Experte

«Ich habe viel Spass mit ihm gehabt. Ich bin gespannt, wie es ihm in Basel ergeht.»

Der Gefeuerte wurde Spielertrainer beim FC Naters, ehe ihn der FC Luzern engagierte. Brigger hatte Erfolg und wurde zum Trainer des Jahres gewählt. «Er war impulsiv und fordernd, aber auch menschlich», sagt der damalige Spieler Stefan Wolf. Als aber die Resultate schwächer wurden und Brigger gehen musste, kam das Gerücht auf, der Geschasste habe sich sein Trainerdiplom erschlichen, der Journalist Miklos Szvircsev die Arbeit geschrieben.

Dieser sagte, er habe es für 4000 Franken getan; Briggers Entwurf aber nur in die für die Prüfung notwendige Form gebracht. Offensichtlich war es die Absicht der Luzerner gewesen, sich die satte Abfindung zu sparen. Der Verband habe aber zugunsten von Brigger entschieden, erinnert sich der ehemalige Präsident Romano Simioni.

Keinen Kontakt mehr zu Blatter

Anfang 1998 wurde Brigger bei Sion für sechs Monate Sportchef. Doch das Chaos, das Constantin in seiner ersten Amtszeit angerichtet hatte, war zu gross, um erfolgreich arbeiten zu können. Sepp Blatter machte Brigger bei der Fifa zum Head of Technical Development, zuständig unter anderem für das Projekt «Goal». Ab Dezember 2003 ging es für Brigger dann wieder zur Sache. GC holte ihn als Sportchef und Brigger seinen alten Kumpel Geiger für den entlassenen Meistercoach Marcel Koller.

Jean-Paul Brigger (l.) zusammen mit Sepp Blatter (2015).

Jean-Paul Brigger (l.) zusammen mit Sepp Blatter (2015).

Es war eine schwierige Zeit. Die Investoren Rainer E. Gut und Fritz Gerber zogen sich zurück, GC verlor gegen Wil den Cupfinal und in der Meisterschaft gegen Basel 1:8. Brigger musste Geiger entlassen, konnte sich selber aber auch nicht viel länger im Amt halten. Der damalige Geschäftsführer Urs Wyss bescheinigt Brigger viel Herzblut. «Ich mochte ihn sehr. Aber es wurde ein schlechter Herbst. Die Erwartungshaltung war viel zu hoch.» Doch nüchtern betrachtet hatte Brigger bei GC keine überzeugende Arbeit geleistet, war im kommunikativen und administrativen Bereich überfordert.

Aber Fifa-Präsident Blatter fand erneut ein Plätzchen für ihn. Wenn Brigger in Afrika bei einem Spiel einem Balljungen ein paar Fussballschuhe schenkte und dann in dessen Augen ein Glitzern sah, war auch er glücklich. Der langjährige Bundesligatrainer Thomas Schaaf sagt, er habe in der Technischen Kommission mit Brigger viel Spass gehabt. «Er sorgte für eine gute Atmosphäre. Jetzt bin ich gespannt, wie es ihm beim FC Basel ergeht.»

Jean-Paul Brigger wurde am 9. Juni in den Vereinsvorstand des FC Basel gewählt.

Jean-Paul Brigger wurde am 9. Juni in den Vereinsvorstand des FC Basel gewählt.

Wenn Brigger Ende Juli beim Weltverband ausscheidet, tut er dies als einer der letzten «Überlebenden» der alten Blatter-Garde. Auch bei der Fifa hatte er den Ruf, ein jovialer und charmanter Strahlemann zu sein. Der sich gut verkaufen und Schwächen kaschieren kann. Ehemalige Mitarbeiter sagen, er habe gut delegiert, wenn es um Knochenarbeit gegangen sei. Viele, auch im Wallis, nehmen ihm sein Verhalten gegenüber Sepp Blatter übel.

Um 180 Grad habe Brigger sich von diesem abgewandt, als es mit dem Fifa-Boss zu Ende ging. Dabei habe er Blatter doch alles zu verdanken gehabt und würde ohne diesen heute im Wallis Wände weiss streichen. Aber Brigger sei halt ein Opportunist. Dieser will die Kritik nicht kommentieren, bestätigt aber, zu Blatter keinen Kontakt mehr zu haben. «Ich möchte nicht über die Vergangenheit reden», sagt Brigger. «Ab 1. August dafür umso mehr über den FC Basel. Der einen attraktiven Fussball spielt und die Leute begeistert.»