FC Basel
Jean-Paul Boëtius probierts mal mit Gemütlichkeit

Jean-Paul Boëtius (21) nimmt beim FC Basel Anlauf, seine Karriere neu zu lancieren. Mit der Stadt Basel hat sich der Surinameser allerdings noch nicht richtig angefreundet, dafür ist es ihm noch zu hektisch.

Etienne Wuillemin
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Jean-Paul Boëtius posiert vor dem St.Jakob-Park.

Jean-Paul Boëtius posiert vor dem St.Jakob-Park.

Mario Heller

Es ist kurz nach Mittag in Basel. Jean-Paul Boëtius steht vor dem St. Jakob-Park. Während des Fototermins gehen einige FCB-Spieler an ihm vorbei. Jedem ruft er irgendetwas zu. Fast so, als wäre er schon jahrelang da und nicht die neuste FCB-Attraktion. Jetzt ist Breel Embolo in Sichtdistanz und ruft: «Hey, Harry Potter, wie läufts?»

Harry Potter? Die Narbe auf seiner Stirn erzählt die Geschichte rasch. «Mit 12 bin ich einem Ball per Kopf entgegen, mein Gegenspieler mit dem Fuss. Tja, so etwas kann eben vorkommen im Fussball. Eine Woche später konnte ich jedenfalls wieder spielen.»

Wenn Boëtius spricht, dann tut er das häufig mit einem Lächeln. Er ist modisch gekleidet. Mit dem Hauch von Extravaganz, den 21-Jährige gerne haben. Er erzählt gerne, schnell wird deutlich: Hier fühlt sich einer wohl.

Seit August ist der Holländer in Basel. Verpflichtet als Ersatz für Derlis Gonzalez. Gut 2,5 Millionen Euro überwies Basel an Feyenoord. Dass der Transfer klappte, hat auch damit zu tun, dass die Karriere von Boëtius in Holland ein wenig ins Stocken geraten ist. In diesem Frühjahr war er häufig nur noch Ersatz. «Basel ist nun der richtige Ort zur richtigen Zeit für mich», sagt er. In Holland schreiben die Medien von einem Neuanfang. Und zitieren Boëtius zur letzten, schwierigen Saison so: «Meine Beine taten nicht mehr, was der Kopf wollte.»

Im Juni erfährt Boëtius in den Ferien in Bali erstmals vom Basler Interesse. Mitte Juli sitzen die Parteien zusammen. Dann geht es schnell. Boëtius unterschreibt für vier Jahre. «Es hat mich schon ziemlichbeeindruckt, dass der FCB mich seit Jahren durch Scouts beobachtete. Sogar in Trainings von Feyenoord. Und ich merkte überhaupt nichts davon.»

Ruhe und Gemächlichkeit

Boëtius ist in Rotterdam geboren. Als «organisiertes Chaos» bezeichnet er die Stadt. Immer und überall drohe Stau. «Die Gebäude sind viel enger zusammengebaut. Und alles geht ein wenig schneller als in der Schweiz. Ich mag es ganz gerne ein wenig gemütlicher.» Die Eltern des 21-Jährigen haben Wurzeln in Suriname. Das Land im Norden Brasiliens war eine Kolonie von Holland. «Ich habe es zweimal besucht, habe aber natürlich nicht die gleiche Connection wie meine Eltern.»

Als Kind spielte er nach der Schule pausenlos Fussball. «So lange, bis die Lichter ausgingen und meine Mutter mich an den Ohren vom Platz nach Hause ziehen musste.» Sie, die selbst Fussball spielte, ist es, die Boëtius früh einiges über Fussball beibringt. Am Familientisch mit seinen zwei Brüdern (19 und 8) und seiner Schwester (17) ist der Fussball allgegenwärtig. «Manchmal fast zu sehr. Irgendwann muss sich der Geist ja auch erholen», sagt Boëtius und lacht.

Feyenoord Rotterdam ist vor seinem Wechsel zu Basel sein einziger Klub. Und der Aufstieg verläuft steil. Mit 18 debütiert er. Gleich gegen Ajax Amsterdam. Und sofort gelingt ihm ein Gala-Auftritt. «Dieses Spiel bleibt mir ewig in Erinnerung.» Es endet 2:2, Boëtius schiesst ein Tor, in den Zeitungen steht: «Wahnsinn, wie er seinen Gegnern Knöpfe in die Beine spielt.»

Seither wird er immer wieder mit Memphis Depay verglichen, jenem Ausnahmetalent, das soeben für 30 Millionen Euro zu Manchester United gewechselt hat. «Die Vergleiche gibt es noch immer, sie belasten mich nicht. Im Gegenteil, sie sind ein Kompliment. Manche haben eben etwas länger auf dem Weg nach ganz oben.»

Ein begeisterter Coach

Seit sechs Wochen ist Boëtius jetzt beim FCB. Er wohnt mit seiner Freundin und Hund «Koda» etwas ausserhalb der Stadt. Trainer Urs Fischer sagt: «Er ist mittlerweile angekommen.» Er ist voll des Lobes, wenn er Boëtius beschreibt. «Ich denke, er ist einer dieser Typen, von denen man ständig sagt, dass sie aussterben. Einer, der noch ein Dribbling wagt. Einer, der unheimliche Dynamik entwickeln kann und die Gegner verwirrt.»

Fischer gerät jetzt in Fahrt, «wer darf denn heute noch dribbeln?», fragt er. Seine Worte wirken wie ein Plädoyer an Junioren-Trainer, in den Trainings nicht immer alles gleich zu unterbinden. «Sonst geht einem irgendwann eine gewisse Frische verloren. Heute ist ja alles durchstrategiert.»

Durchstrategiert – welch wunderbare Wortkreation!

Jean-Paul Boëtius soll ein Gegengift dazu sein. Jetzt ist die Frage nur noch, wann er die Dose dazu öffnet. Vielleicht schon heute gegen YB?

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