Japan
Olympia als Schreckgespenst: «Es besteht ein sehr hohes Risiko, dass ‹Tokyo 2020› zu einem Superspreaderevent wird»

Einen Monat vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Tokio bleibt die Skepsis der Bevölkerung gross, aber ungehört.

Felix Lill aus Tokio
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Die olympischen Ringe in Tokio verlieren ihren Glanz.

Die olympischen Ringe in Tokio verlieren ihren Glanz.

Bild: Kimimasa Mayama/ Keystone

«Tokyo gorin hantai» prangt es in grossen Lettern auf braunem Pappkarton: «Gegen die Spiele von Tokio». An die 50 Personen sind im Zentrum der japanischen Hauptstadt zusammengetroffen und zeigen dieses und weitere Banner in die Kameras von Fotografen. Der Glasturm in ihrem Rücken ist der Sitz des Japanischen Olympischen Komitees – jener Organisation, die in den Augen der Demonstranten Verantwortung für vieles trägt, was dieser Tage so kontrovers ist. «Keine Impfstoffe, Steuergelder oder Ressourcen des Gesundheitssystems für Olympia!», fordert ein Transparent.

Noch ein Monat bleibt, bis das beginnt, was diese Demonstranten vermeiden wollen: Am Abend des 23. Juli sollen in Tokio die Olympischen Sommerspiele eröffnet werden. Von der grössten Sportveranstaltung der Welt wird es wohl die unbeliebteste Ausgabe, die es je gegeben hat: Seit sich weltweit die Pandemie ausbreitete und «Tokyo 2020» auf den Sommer 2021 verschoben wurde, hat sich in Japan immer wieder eine deutliche Mehrheit gegen die Austragung der Spiele ausgesprochen.

Eine Entscheidung gegen den Willen der Wähler

Mittlerweile ist so gut wie klar, dass sich die Veranstalter der öffentlichen Meinung nicht beugen werden. «In Japan ist die Meinung der Menschen kein besonders guter Indikator dafür, was am Ende passieren wird», sagt Koichi Nakano von der Tokioter Sophia Universität. «Japan ist zwar eine Demokratie. Aber es gibt keine starke Oppositionspartei. So muss die konservative Liberaldemokratische Partei kaum eine Niederlage bei der nächsten Wahl fürchten, wenn sie gegen den Willen der Wähler entscheidet.»

Wichtiger für die Regierung sei die Unterstützung der Industrie. Gut 60 japanische Unternehmen haben insgesamt rund drei Milliarden US-Dollar an Sponsoringgeld investiert. Ein Rekordwert. Die Regierung wollte Olympia auch zur Werbung für Japan als Destination von Tourismus und Direktinvestitionen nutzen. Ein Grossteil dieser Gelder dürfte schon längst ausgegeben sein. So ist die Frage mittlerweile weniger, ob die Spiele stattfinden werden, sondern wie. Zuschauer aus dem Ausland sind schon vor Monaten ausgeladen worden. Nun entschieden die Organisatoren, dass aus dem Inland bis zu 10'000 Zuschauer – oder eine Auslastung von 50 Prozent – erlaubt sein werden. Es ist ein Entschluss gegen den Rat diverser Gesundheitsexperten, inklusive Shigeru Omi, der die Anti-Corona-Taskforce der japanischen Regierung anführt.

Schon vor diesem Schritt waren die Skeptiker der Meinung, dass die Spiele diesen Sommer generell keine gute Idee wären: «Es besteht ein sehr hohes Risiko, dass ‹Tokyo 2020› zu einem Superspreaderevent wird», sagt Haruka Sakamoto, Ärztin und Expertin für Gesundheitssysteme an der Keio Universität in Tokio. Auch wenn die Sportler überwiegend geimpft sein werden, sich in einer Blase aufhalten und an Abstandsregeln halten sollen, bleibe angesichts der neuen Virusmutanten ein Infektionsrisiko. Die Olympischen Spiele als Schreckgespenst.

Hinzu komme die Belastung für das nationale Gesundheitssystem. Zwar ist Japan mit seinen gut 126 Millionen Einwohnern bisher noch relativ milde von Covid-19 betroffen. Die vierte Infektionswelle scheint derzeit abzuklingen, letzte Woche wurden täglich noch rund 1500 Neuinfektionen gezählt. Doch im Land mit einer schnell alternden Gesellschaft arbeiten die Krankenhäuser vielerorts schon seit Monaten an der Kapazitätsgrenze. Patienten, die nicht an Covid-19 erkrankt waren, mussten zuletzt vermehrt nach Hause geschickt werden. Es droht der Kollaps des Gesundheitssystems.

Für Olympische Spiele gilt wieder Ausnahmezustand

Am Wochenende hatte Premierminister Yoshihito Suga den seit April geltenden Ausnahmezustand in den grössten Metropolen des Landes wieder aufgehoben. Durch einen Ausnahmezustand wird in Japan eine Art sanfter Lockdown erwirkt: Menschen werden zum Daheimbleiben aufgefordert, Restaurants und Bars dürfen abends keinen Alkohol ausschenken.

Zum Start der Olympischen Spiele soll so ein Ausnahmezustand aber wieder eingeführt werden. Wie genau er aussehen wird, ist noch nicht bekannt. Premierminister Suga bleibt fest entschlossen: «Die Spiele von Tokio werden den Sieg der Menschheit über die Pandemie markieren.» Dieser Satz, den der Premier seit seinem Amtsantritt vor einem knappen Jahr immer wieder gesagt hat, stösst vielen im Land sauer auf. Schliesslich werden weiterhin zahlreiche Länder der Welt, gerade die ärmeren, vom Virus und dessen Mutanten hart getroffen.

Auch Japan wird nach Olympia noch mit dem Virus zu kämpfen haben, denn eine Herdenimmunität lässt sich bis zum Start der Spiele praktisch nicht mehr erreichen. Die Regierung und die Organisatoren müssen nun hoffen, dass nicht das eintritt, wovor selbst die sie beratenden Experten warnen: dass «Tokyo 2020», anstatt ein Triumph für die Menschheit zu werden, zu einem deutlichen Etappensieg für das Virus wird.