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Jahresrückblick Sport: Schwinger Christian Stucki widerlegt sämtliche Thesen

Der König und der Erstgekrönte: Christian Stucki (rechts) jubelt nach dem Schlussgang-Sieg über Joel Wicki.

Der König und der Erstgekrönte: Christian Stucki (rechts) jubelt nach dem Schlussgang-Sieg über Joel Wicki.

Zug bietet Ende August den perfekten Rahmen für den 34-jährigen Christian Stucki: Er kürt sich zum ältesten Schwingerkönig der Geschichte.

Die Zeit der Berner schien 2019 vorbei zu sein. Der amtierende Schwingerkönig Matthias Glarner erholte sich nur langsam vom Gondelsturz und schien nicht konkurrenzfähig, sein Vorgänger Matthias Sempach war bereits zurückgetreten, dessen Vorgänger Kilian Wenger nicht kompetitiv genug. Und für Christian Stucki, Unspunnen-Sieger von 2017 und bislang nur «König der Herzen», sprach sowieso wenig. Zuallererst sein Alter, mit 34 Jahren wurde noch nie einer König. Hinzu kam die durchzogene Vorbereitung: Stucki verpasste wegen einer Verletzung den grössten Teil der Saison, ihm fehlten die Ernstkämpfe. Zu guter Letzt gab es die hartnäckige Erzählung von der fehlenden Substanz. Man traute Stuckis Körper schlicht nicht zu, über zwei Tage Höchstleistungen bringen zu können.

Ende August widerlegte aber Christian Stucki in Zug all diese Thesen. Er war es, der die Jugend in die Schranken wies – nicht umgekehrt. Am frühen Samstagmorgen, zum Auftakt des Wochenendes, gelang ihm wahrscheinlich der wichtigste Sieg, der das Fest für ihn in die richtigen Bahnen lenkte. Mit einem kräftigen Kurzzug legte er den Zuger Pirmin Reichmuth auf den Rücken und kassierte die Maximalnote. Damit holte er sich nicht nur den ersten Big Point, sondern stürzte Pirmin Reichmuth gleichzeitig in eine Sinnkrise. Der Zuger startete als einer von vier jungen Topfavoriten. Von der Niederlage gegen Stucki erholte er sich erst am nächsten Tag wieder.

Zwei strittige Entscheide

Nebst Pirmin Reichmuth galt Verbandskamerad Joel Wicki als Favorit, genauso wie die beiden Nordostschweizer Armon Orlik und Samuel Giger. Nach acht Gängen hatte Stucki drei von den Jungen auf dem Notenblatt. Reichmuth im ersten Gang, Armon Orlik im sechsten Gang, Joel Wicki im Schlussgang. Die Duelle lieferten Diskussionsstoff. Vor allem der Gestellte gegen Armon Orlik. Beide Schwinger verhielten sich ähnlich passiv, Stucki erhielt aber die Note 9,00 – Orlik nur eine 8,75. In Schwingerkreisen werden Entscheidungen grundsätzlich immer abgenickt. Doch nach diesem Kampf äusserte sich auch der dreifache König Jörg Abderhalden kritisch im Fernsehen. «Das ist einfach nicht richtig. Klar, Armon hat nichts gemacht, nichts riskiert. Aber Stucki hat zwei oder drei Mal gezogen. Das ist kein 9er-Gang. Beide haben ein 8,75 verdient und nicht mehr.»

Stucki kam schliesslich in den Schlussgang, Orlik nicht. Und dort folgte der nächste kontroverse Entscheid. Nach 42 Sekunden lag Joel Wicki auf dem Rücken. Oder eben nicht ganz. Es dauerte nicht lange, bis mancherorts ein Fehlentscheid gewittert wurde. Das Resultat hätte nicht zählen dürfen, da Wicki nicht richtig am Boden gewesen sei, hiess es. Das Studium der Fernsehbilder scheint die Kampf- richter auch heute noch zu entlasten. Es ist nahezu unmöglich, sich ein eindeutiges Urteil zu bilden. Christian Stucki zeigte sich jedenfalls auch in diesem Moment entschlossen. Dass er einen Wimpernschlag nach der strittigen Szene mit Jubeln loslegte, war sicher keine dumme Strategie.

264'800 Liter Bier, 125'000 Kaffees

Schlussgang-Verlierer Joel Wicki haderte nicht, auch nicht hinter vorgehaltener Hand. Dem 22- jährigen Luzerner gelang eine grosse Leistung in Zug. Mit seinem explosiven Schwingstil prägte er das Fest und trug seinen Teil dazu bei, dass der Grossanlass zum Spektakel wurde. Wicki trägt nun den Titel des Erstgekrönten – er wird wohl erst mit ein wenig Abstand Freude daran gefunden haben.

Für die Innerschweizer hätte das perfekte sportliche Ende dieses Festes wohl anders aussehen müssen. Nach 1986 und dem Titel von Harry Knüsel wäre in Zug der rote Teppich für einen zweiten Innerschweizer Schwingerkönig ausgerollt gewesen. Die Unterstützung von Knüsel war den Innerschweizern gewiss. Er amtete als Botschafter des Fests, als Mitglied des Präsidialausschusses und als Munipate. Knüsel war so etwas wie der Gastgeber des Eidgenössischen und bereits vor dem Fest überzeugt, dass entweder Wicki oder Reichmuth sein Nachfolger werde. «Einer der beiden wird gewinnen, der andere wird in einem blöden Gang scheitern. Gegen einen defensiven Gegner eines anderen Teilverbands.» Beide scheiterten an einem der besten Schwinger der Geschichte: Christian Stucki, dem 1,98 Meter grossen und je nach Saison 145 Kilogramm schweren Bären aus Lyss. Die Berner Dominanz überdauerte das Jahr 2019 – entgegen den Prognosen.

Die Innerschweizer hatten zwar keinen neuen König. Aber die durften sich nach diesem Augustwochenende irgendwie trotzdem wie Sieger fühlen. Eine solch überdimensionale Veranstaltung ohne grössere Nebengeräusche durchzuführen, ist bemerkenswert. 420 000 Besucher strömten während dreier Tage nach Zug. Sie konsumierten vorbildlich: Etwa 264 800 Liter Bier, 27 000 Liter Süssgetränke oder 125 000 Kaffees. Die Organisatoren konnten am Ende den über 6000 freiwilligen Helfern, den sogenannten Chrampfern, den doppelten Stundenlohn auszahlen (16 statt 8 Franken). Das gab es noch nie an einem Eidgenössischen.

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