Abschied nehmen ist immer auch ein bisschen sterben. Paul Accola hat nie offiziell seinen Rücktritt verkündet, nicht einmal an seinem Abschiedsfest. Seit zwei Jahren kämpft Ivica Kostelic mit dem Dilemma: «Wenn ich nur aufhören könnte ...».

In Wengen fragte er vor der Kombination Bernhard Russi in einem Small-Talk: «Wir war das bei Dir? Ich bringe das Wort Rücktritt einfach nicht über die Lippen.» Dafür verabschiedete sich der Kroate in Gesten von den 12 000 Zuschauern und räumte ein: «Das war mein letztes Rennen – wahrscheinlich.»

Kostelic und Wengen und das Berner Oberland generell, das ist mehr als eine Liebesbeziehung. Das ist schon fast eine Symbiose. Sechsmal siegte Kostelic am Lauberhorn, 13-mal stand er auf dem Podest, dazu viermal in Adelboden.

Er ist damit, abgesehen von Vorkriegs-Legenden wie Karl Molitor, der erfolgreichste Lauberhorn-Teilnehmer aller Zeiten. «Für mich ist das ein magischer Ort», sagt Kostelic. «Das war für mich Motivation, weiterzumachen und weiter zu trainieren, um hier noch einmal fahren zu können. Ich wollte nicht einfach runterrutschen. Ich wollte noch einmal als Rennfahrer die Pisten geniessen.»


Mit einem Hauch von Pathos


Er sei stolz, Teil der Lauberhorn-Geschichte zu sein. Wenn Kostelic bei Startnummern-Auslosungen oder Siegerehrungen, oft mit Gitarre, die Berner Oberländer Hymne «Z’Oberland, ja Z’Oberland, z’Bärner Oberland isch schö-ö-n» anstimmte, schlossen ihn die Zuschauer in ihre Herzen. Entschuldigend meinte er, er kenne leider nicht den ganzen Text, als er am Schluss die Hymne nur noch mitsummte. Schliesslich ist der Refrain ja auch nicht ganz jugendfrei: «Weni nume wüsst, wo s’Vogu-Lisi wär ...».

Ivica Kostelic bahnt sich 2015 in Wengen nach seinem 3. Platz in der Kombination den Weg durch die Fans

Ivica Kostelic bahnt sich 2015 in Wengen nach seinem 3. Platz in der Kombination den Weg durch die Fans

Kostelic war anders als alle andern. Ein hervorragender Skirennfahrer, zweifelsohne, aber das sind andere auch. Was Kostelic von seinen Kollegen und Konkurrenten abhob, war die Fähigkeit, seinen geliebten Sport zu zelebrieren, ihn als etwas Erhabenes darzustellen – als edle Kunst. Er dozierte über den Skisport wie ein Philosoph mit einem Hauch von Pathos. Man hörte ihm genau so gerne zu, wie man ihm auf der Piste zuschaute.

Als er bei der WM 2003 in St. Moritz im Slalom seinen ersten bedeutenden Titel errang, hielt sich seine Freude in Grenzen. «Das ist gut und schön, aber die echten Skirennfahrer sind die Allrounder, Leute wie Pirmin Zurbriggen oder Marc Girardelli. Das ist mein grosses Ziel.» Er galt als flammender Verfechter der klassischen Kombination.

Acht Jahre später realisierte er dieses Ziel mit dem Gewinn des Gesamtweltcups. Mit einem phänomenalen Zwischenspurt im Januar, in dem er binnen dreier Wochen sechs Siege und acht Podestplätze errang und 999 Punkte sammelte, distanzierte er die Konkurrenz. Eine solche Serie in so kurzer Zeit hatte bisher nur Jean-Claude Killy hingelegt. Das sind die Vergleiche, die Kostelic schätzt.

Sein Debüt gab er am 25. Oktober 1998 in Sölden. Von den jetzigen Fahrern war nur ein einziger schon dabei – Italiens Slalom-Spezialist Patrick Thaler, ebenfalls 37-jährig. Fast gleichzeitig lancierte seine drei Jahre jüngere Schwester Janica ihre Karriere. Ihr Vater Ante, ein Handball-Internationaler, der in Frankreich spielte, mit dem Skisport aber nichts am Hut hatte, trimmte die beiden mit wohl nie da gewesener Konsequenz zu Spitzenathleten. Weil ihnen das Geld fehlte, übernachteten sie oft in ihrem klapprigen VW-Bus.

Ivica Kostelic hatte oft mit gesundheitlichen Beschwerden zu kämpfen - doch er gab nie auf.

Ivica Kostelic hatte oft mit gesundheitlichen Beschwerden zu kämpfen - doch er gab nie auf.

Janica begann früher zu gewinnen, und hörte – nach 30 Weltcupsiegen und drei Gesamtsiegen – wegen Rückenbeschwerden, aber bereits mit 25 auf. Ivica erlitt zu Beginn seiner Karriere vier Kreuzbandrisse hintereinander, bevor er im Dezember 2001 in Aspen mit der Startnummer 64 sensationell seinen ersten Slalom gewann. Seither war er auf Weltcup-Podesten Stammgast. In 361 Rennen siegte er 26-mal und klassierte sich 60-mal in den ersten drei.


Für Olympia-Gold reichte es nie


Nur an Olympischen Spielen blieb ihm die Krönung nicht vergönnt. Viermal musste er sich mit der Silbermedaille begnügen. Kostelic wäre nicht Kostelic, wenn ihn nicht ein anderer Schönheitsfehler in seiner grandiosen Bilanz mehr gestört hätte: «Gerne hätte ich einmal eine Abfahrt gewonnen.» Ein 7. Rang in Kitzbühel stellte sein Bestresultat dar. Sonst siegte er in sämtlichen übrigen Disziplinen, aber eben nicht in allen wie Zurbriggen, Girardelli und Co.


Gesundheitliche Beschwerden hinderten ihn am Ausschöpfen des kompletten Potenzials. 14-mal musste er operiert werden, an seinen Knie und am Rücken. Im Basler Bruderholz-Spital ging er ein und aus. An ein Riesenslalom-Training war nicht mehr zu denken. Und in der Abfahrt konnte er nicht mehr richtig in die Hocke gehen.

Aufrecht – wie es sich für eine Persönlichkeit seines Formats geziemt, verabschiedete er sich in Kombinations-Abfahrt von seinen Fans. Er wird jetzt mehr Zeit haben für seine Familie, seine Frau, die aus Island stammt, sowie die beiden Kinder. Wenn ihn nicht doch wieder der Hafer sticht und er sich eine weitere Abschieds-Reprise erlaubt.

Das sind alle Sieger der Lauberhornabfahrt seit 1997: