Erneuter Skandal in Italien
Italien in der Rassismus-Falle: Fall um Medhi Benatia erregt die Gemüter

Der ehemalige Bundesliga-Profi Medhi Benatia sieht sich in Italien einer rassistisch motivierten Beleidigung ausgesetzt. Es ist der zweite Rassismus-Skandal innert kürzester Zeit im italienischen Fussball.

Micaela Taroni, SID
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Medhi Benatia wurde Opfer von rassistischen Äusserungen.

Medhi Benatia wurde Opfer von rassistischen Äusserungen.

Keystone

Mario Balotelli, Kevin-Prince Boateng, Sulley Muntari und Medhi Benatia - vier Fussball-Stars unterschiedlicher Nationalitäten, vier Schicksale und vier Rassismus-Vorkommnisse in Italien. Der ehemalige Bayern-München-Profi Benatia ist der vorläufig letzte Kicker, der im italienischen Fussball unter rassistischen Auswüchsen zu leiden hat. Das Land des viermaligen Weltmeisters steckt tief in der Rassismusfalle.

Benatia hatte am Samstag während einer Live-Schaltung nach dem 1:1 im Derby gegen den FC Turin das Interview empört abgebrochen. Aus dem Hintergrund war eine männliche Person zu hören, die die Leihgabe von Bayern München als «Scheiss Marokkaner» verunglimpfte. Bislang konnte der Verursacher der Beleidigung noch nicht gefunden werden.

Medhi Benatia (r.): «Italien ist ein Land, das seit Jahren in meinem Herzen ist.»

Medhi Benatia (r.): «Italien ist ein Land, das seit Jahren in meinem Herzen ist.»

Keystone

Der 30 Jahre alte Abwehrspieler zeigte sich über den Vorfall verbittert. «Italien ist ein Land, das seit Jahren in meinem Herzen ist. Leider gibt es eine intolerante Minderheit. Ich bin Marokkaner und extrem stolz auf mein Land», sagte Benatia.

Zweiter Rassismus-Skandal innert kürzester Zeit

Solidarisch mit Benatia zeigte sich der Trainer von Juves Stadtrivalen FC Turin, Sinisa Mihajlovic. Er selbst sei immer wieder Opfer rassistischer Vorfälle, sagte der Serbe. «Ein Fan hat mich als Zigeuner bezeichnet», sagte der serbische Fußballlehrer.

Die Sperre gegen Sulley Muntari wurde aufgehoben.

Die Sperre gegen Sulley Muntari wurde aufgehoben.

Keystone

Erst letzte Woche war Muntari in die Schlagzeilen auf dem Apennin geraten. Der Ghanaer hatte vom Disziplinarausschuss der italienischen Serie A wegen eines «nicht regulären Verhaltens» eine Ein-Spiel-Sperre erhalten, nachdem er in der Partie bei Cagliari Calcio (0:1) aus Protest gegen rassistische Beleidigungen das Spielfeld vor dem Schlusspfiff verlassen hatte. Die Sperre wurde später aufgehoben.

Italiens Verbands-Chef Carlo Tavecchio setzte sich vehement für Muntari ein. Allerdings: Auch dieser war in Bezug auf Rassismus schon kräftig ins Fettnäpfchen getreten.

«In England schaut man sich Spieler genau an, wenn sie kommen. Sie müssen Lebenslauf und Stammbaum vorzeigen. Wenn sie Profis sind, dürfen sie auch spielen. Bei uns bekommen wir einen Opti Poba, der vorher Bananen gegessen hat und dann plötzlich in der ersten Mannschaft von Lazio spielt», hatte er 2014 gesagt und sich in die Debatte über Konsequenzen aus Italiens WM-Vorrunden-Aus für eine stärkere Regulierung des Zustroms ausländischer Spieler ausgesprochen. Die Europäische Fussball-Union (Uefa) sperrte Tavecchio anschliessend für sechs Monate.

Benatia und Muntari nicht die ersten Opfer

Auch der gebürtige Berliner Kevin-Prince Boateng wurde Opfer von rassistisch motivierten Angriffen. Am 3. Januar 2013 hatten Fans des Viertliga-Klubs Pro Patria während eines Testspiels gegen den AC Mailand Boateng so lange provoziert, bis der Ghanaer in der 26. Minute entnervt den Platz verliess und seine Teamkollegen ihm anschliessend folgten.

Kevin-Prince Boateng verlässt nach rassistischen Beleidigungen den Platz:

Für seine Reaktion hatte Boateng weltweit Zuspruch erhalten. Sechs Pro-Patria-Fans wurden allerdings später vom Vorwurf des Rassismus gegenüber Boateng in zweiter Instanz freigesprochen. Auch die italienische Justiz tut sich nach wie vor schwer, gegen Rassismus vorzugehen.

Aber auch in Deutschland gibt es immer wieder abwertende Äusserungen gegenüber dunkelhäutigen Spielern. Jerome Boateng war im Vorfeld der EM im vergangenen Jahr vom AfD-Spitzenpolitiker Alexander Gauland diskriminiert worden. «Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut, aber wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben», hatte Gauland betont. Jerome Boateng war anschliessend eine breite Unterstützung auch von politischer Seite in Deutschland zuteil geworden.

Balotelli, immerhin Italiens EM-Held 2012 in Polen und der Ukraine, wurde wiederholt Opfer rassistischer Attacken in Italien. Inzwischen spielt der Angreifer bei OGC Nizza in Frankreich und hat der Serie A den Rücken gekehrt.

Mario Balotelli spielt in Frankreich in Lucien Favres OGC Nizza.

Mario Balotelli spielt in Frankreich in Lucien Favres OGC Nizza.

KEYSTONE/EPA/SEBASTIEN NOGIER

Muntari propagierte indes, dass sein Beispiel positive Effekte auslösen könnte: «Ich hoffe, das kann ein Wendepunkt in Italien sein: Es ist wichtig, für seine Rechte aufzustehen. Das ist ein wichtiger Sieg, der eine Botschaft aussendet: Rassismus hat im Fußball und in der Gesellschaft keinen Platz.»

Die UEFA hat sich seit Jahren den Kampf gegen den Rassismus auf die Fahne geschrieben und unterstützt die Kampagne bei allen Europacup-Spieltagen mit europaweiten TV-Spots.