Fussball-EM
Italien im Siegestaumel: «Süsse Gewissheit, einig und stark zu sein» – alle anderen Sorgen bleiben

Italien und seine Tifosi bejubeln den Fussball-EM-Titel. Doch die grossen Probleme des Landes sind damit nicht besiegt.

Dominik Straub, Rom
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Nach dem EM-Triumph der italienischen Fussballer: Auto- und Vespakorso in den Strassen von Rom.

Nach dem EM-Triumph der italienischen Fussballer: Auto- und Vespakorso in den Strassen von Rom.

Bild: Gregorio Borgia/Keystone

Italien reiht derzeit einen Erfolg an den anderen, nicht nur im Fussball. Vor allem Regierungschef Mario Draghi wirkt dabei fast wie ein Zwillingsbruder von Trainer Roberto Mancini. Während die sportlichen Aussichten der Azzurri rosig erscheinen, bleiben die politischen Aussichten Italiens jedoch ungewiss.

«Was für eine Nacht. Was für ein Fest. Endlich wieder ausgelassene Fröhlichkeit und schöne Gedanken. Wir haben das verdient. Es ist wunderschön, Italiener zu sein!»: So kommentierte gestern der «Corriere della Sera» den Finalsieg der Azzurri im Wembley-Stadion. Der Erfolg, so das Mailänder Blatt weiter, sei «der Beweis, dass wir noch gewinnen und glücklich sein können – und er gibt uns die süsse Gewissheit, einig und stark zu sein».

Das ist vielleicht etwas blumig ausgedrückt – aber es bringt die Sache auf den Punkt: Für die Tifosi – und auch für die weniger fussballbegeisterten Italiener – wirkt der EM-Titel wie eine Erlösung. Nach der demütigenden Nicht-Qualifikation des vierfachen Weltmeisters für die WM 2018 und vor allem den 128000 Toten während der Pandemie erwacht das Belpaese aus einem doppelten Albtraum: Die Fussball-Schmach ist überwunden, und Millionen Italiener sind in der denkwürdigen, lauen Sonntagnacht von Sonntag auf Montag zum ersten Mal seit Ausbruch der Coronakrise wieder auf die Strassen und Plätze geströmt, um miteinander zu feiern.

Berrettini und Maneskin – nicht nur Fussball ist top

Und der Sieg von Trainer Roberto Mancinis Mannschaft ist ja nicht der einzige Erfolg, den Italien in den letzten Monaten verbuchen konnte: Am gleichen Tag, an dem die Mannschaft von Roberto Mancini den EM-Titel holte, stand Matteo Berrettini im Final von Wimbledon – als erster Italiener in der Geschichte dieses prestigereichen Tennisturniers. Der 25-jährige Römer verlor zwar gegen Novak Djokovic – aber auch im Tennis ist Italien auf dem Vormarsch. Für Furore sorgte im Mai auch die Musiknation Italien: Die Römer Band Maneskin gewann den Eurovision Song Contest. Italien hat derzeit einen Lauf.

Die Mannschaft wurde am Montag von Präsident Sergio Mattarella im Quirinalspalast empfangen.

Die Mannschaft wurde am Montag von Präsident Sergio Mattarella im Quirinalspalast empfangen.

Angelo Carconi/EPA

Einig sind wir stark: Das ist das Erfolgsrezept von Roberto Mancini, dessen Mannschaft mit Teamgeist und Offensivspiel in den letzten Wochen ganz Europa verzückte. Nie zuvor war der Fussball in Italien so sehr Spiegel der Gesellschaft wie in diesen Tagen. Das Gleiche hat sich auch ausserhalb der Fussballstadien abgespielt: Die Pandemie hat die Italiener zusammenrücken lassen. Im Februar dieses Jahres wurde, auf dem zweiten Höhepunkt der Pandemie, in Rom die Regierung der nationalen Einheit unter Mario Draghi aus der Taufe gehoben. Der neue Ministerpräsident und frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) verhält sich ähnlich wie Mancini: Er vertraut seiner Ministerriege und duldet keine Profilierungsversuche und Alleingänge in der heterogenen Koalition, die ihn unterstützt. Dank seiner Autorität ist selbst ein Italexit-Prophet wie Lega-Chef Matteo Salvini in kürzester Zeit handzahm geworden.

Mit «Super-Mario» Draghi ist Italien auf die internationale Bühne zurückgekehrt: Rom ist wieder ein zuverlässiger Partner für Brüssel. Und mit der «Militarisierung» der Impfkampagne unter einem General der Streitkräfte hat Draghi schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit die Weichen gestellt, um die Pandemie hinter sich zu lassen: Inzwischen ist die Herdenimmunität in Griffweite gerückt, die Fallzahlen sind tief wie seit letztem Herbst nicht mehr.

Roberto Mancini am Montag bei der Ankunft in Rom.

Roberto Mancini am Montag bei der Ankunft in Rom.

Fabio Frustaci / EPA

Allerdings: Im Unterschied zu Mancinis Mannschaft, die auch für die WM 2022 in Katar gerüstet scheint, sind die politischen Perspektiven Italiens ungewiss. Fest steht lediglich, dass im Frühjahr 2023 – also schon in zwanzig Monaten – Neuwahlen anstehen und dass der nächste Regierungschef mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mehr Mario Draghi heissen wird.

Standing Ovations von Staatspräsident Mattarella

Zwanzig Monate zur Modernisierung des als beinahe nicht reformierbar geltenden Italien sind reichlich knapp bemessen. Es gibt aber auch noch ein ungünstigeres Szenario: Ende Januar 2022 läuft die siebenjährige Amtszeit von Staatspräsident Sergio Mattarella ab – und im Rechtslager werden Pläne geschmiedet, Draghi an dessen Stelle in den Quirinalspalast, den Amtssitz des italienischen Staatsoberhaupts, zu wählen. Salvini hat bereits erklärt, dass er einen Kandidaten Draghi bei der Nachfolgewahl für Mattarella unterstützen würde. Der Lega-Chef könnte damit den Weg zu seinem erklärten Ziel, italienischer Regierungschef zu werden, um ein Jahr abkürzen.

Derartige Gedanken hatten gestern im Freudentaumel freilich keinen Platz – auch nicht bei Mattarella selber. Er hatte den EM-Final und den Sieg der Azzurri auf der Ehrentribüne mitverfolgt. Der bald 80-jährige Staatspräsident, normalerweise die Coolness in Person und eine italienische Variante von britischem Understatement, riss beim Ausgleichstor von Bonucci jubelnd die Arme hoch. Und später, bei der Siegerehrung nach dem Elfmeterschiessen, spendete er der Mannschaft und ihrem Trainer minutenlange Standing Ovations.