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Ist Dominique Gisin nur eine unter vielen?

Wenn Sportler schreiben – oder die Frage, warum sich die Menschen nach Anleitungen fürs Leben sehnen. Dominique Gisins Buch erhält durchwegs positives Feedback.

Martin Probst
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Dominique Gisin fängt an diesem Montag mit ihrem Physik-Studium an.

Dominique Gisin fängt an diesem Montag mit ihrem Physik-Studium an.

KEYSTONE

Höhen und Tiefen. Wohl jeder kennt sie. Auch Spitzensportlerinnen und -sportler. Vielleicht noch etwas extremer. Weil ihr Erfolg, aber eben auch ihr Misserfolg, in der Öffentlichkeit stattfindet. Absturz im Scheinwerferlicht. Der Schweizer Tennisspieler Stan Wawrinka hat sich seine Lebens-Philosophie sogar in den Unterarm stechen lassen. «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.»

Sind Sportlerinnen und Sportler die besseren Stehaufmännchen und -weibchen? Zumindest erzählen sie nach ihren Karrieren – oder immer öfters auch schon zu Beginn ebendieser – gerne ihre Geschichten. Die Biografien ähneln sich und verkaufen sich trotzdem bestens. Weil sie meist ein Happy End haben. Weil darin erzählt wird, wie Tiefen überstanden und daraus Kraft gewonnen wurde. Wege zum Glück. Das Thema treibt die Menschheit an und vielleicht auch darum sehnt sie sich nach Anleitungen.

Oliver Kahn landete einen Bestseller

Manche Sportlerinnen und Sportler entscheiden sich sogar bewusst dafür, einen Ratgeber zu schreiben. Oliver Kahn zum Beispiel. Der ehemals beste Torhüter der Welt veröffentlichte das Buch «Ich. Erfolg kommt von innen» und schaffte es in die Bestseller-Listen. Oder Alain Sutter, ehemaliger Schweizer Nationalspieler und heute SRF-TV-Experte. Sein Werk trägt den Titel: «Stressfrei glücklich sein.»

Doch auch gefallene Helden schreiben. Lance Armstrong erklärte, «wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann.» Von Doping war im Buch natürlich nicht die Rede. Der ehemalige Schweizer Profi-Boxer Stefan Angehrn veröffentlichte 2005 «Plan B: Wie man seine Schulden auf null bringt. Der Ratgeber von einem, der es wissen muss.»

Schulden hat er gemäss «Blick» noch heute. Der ehemalige deutsche Olympiasieger im Schwimmen, Michael Gross, sagte 2011 im «Spiegel»: «Allein die Erfahrungen als Hochleistungssportler qualifizieren niemanden, als Motivationsratgeber aufzutreten.» Ein Buch schrieb auch er.

Alles Marketing?

Ist das Schreiben – oder oft Schreibenlassen – also nur ein Weg für Sportlerinnen und Sportler, sich auch nach der Aktiv-Karriere zu vermarkten? Um Profit zu schlagen mit Weisheiten, die allgemein bekannt sind, nur neu erzählt werden? Oder sind sie eben doch die besten Experten, weil sie aufgestanden sind – immer wieder?

Wie zum Beispiel Dominique Gisin, die als Skifahrerin gefühlt öfters im Krankenhaus lag als auf der Piste fuhr. Die x-mal verletzt war und ebenso oft zurückkehrte zu ihrer Leidenschaft und schliesslich mit Olympiagold belohnt wurde.

Auch die 30-Jährige hat ein Buch geschrieben, das eben erschienen ist und auf ihrer Homepage gekauft werden kann: «Making It Happen – Von Engelberg nach Sochi». Von ihrer Heimat zum Ort ihres grössten Triumphs also. «Nach meinem Olympiasieg wurde ich von Anfragen überhäuft, ob ich bereit wäre, meine Geschichte zu erzählen», sagt Gisin. Das war der Anfang.

Kein "Blabla" von Dominique Gisin

Doch einfach so erzählen wollte sie nicht. Erst recht nicht eine Biografie schreiben. Ihre Geschichte soll anderen Menschen helfen, Mut geben. Darum hat sie sich mit dem Sportpsychologen Christian Marcolli, der sie schon während ihrer Karriere betreute, zusammengetan. «Ich wollte nicht einfach hinstehen und ein Blabla von mir geben», sagt Gisin. «Dafür habe ich keine Zeit und die Zuhörer keinen Mehrwert.» So ist ein Vortrags-Mix aus ihren Erfahrungen als Sportlerin und der professionellen Meinung von Mentalcoach Marcolli entstanden.

Das Interesse an Gisin ist gross. Die Menschen hören ihr zu – auch Topmanager. «Das war für mich zu Beginn nicht ganz einfach. Ich soll gestandenen Businessexperten erklären, was sie besser machen könnten?», sagt Gisin. Das Feedback ist überwältigend. Und immer war da auch die Frage, ob es nicht einen Leitfaden gäbe, den ihre Zuhörer mitnehmen könnten. So kam die Idee für das Buch. In limitierter Auflage, ohne Verlag.

Nur positives Feedback

Doch warum ist das Interesse so gross? Warum hören selbst Topmanager zu? Vielleicht, weil die Erzählende nicht Konkurrentin ist. Vielleicht, weil die Erzählungen authentisch sind, weil viele die Höhen und Tiefen bereits in den Medien mitverfolgt haben und nun die Geschichte dahinter hören. Und vielleicht, weil sich Gisin eben nicht nur als Hochleistungssportlerin für die Reden qualifiziert.

Sondern als eine, die am Montag ihr Physik-Studium an der ETH Zürich beginnt, die Pilotin ist und vieles mehr. «Lustig ist, dass nur die Medien fragen, ob es nicht einfach ein weiteres Sportlerbuch ist», sagt Gisin. «Denn die Feedbacks von den Zuhörern sind immer positiv.»

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