Pro/Kontra

Ist die EM durch die Aufstockung attraktiver geworden?

Zumindest die nordirischen Fans sorgten für einen lautstarken Farbtupfer an der EM 2016 und qualifizierten sich nun sogar sensationell fürs Achtelfinale.

Zumindest die nordirischen Fans sorgten für einen lautstarken Farbtupfer an der EM 2016 und qualifizierten sich nun sogar sensationell fürs Achtelfinale.

Auf die laufende Fussball-EM in Frankreich hin hat die Uefa das Teilnehmerfeld von zuvor 16 auf 24 Nationalmannschaften ausgebaut. Das hat einen etwas komplizierteren Modus und bisher an Endrunden noch unbekannte Teilnehmer wie Albanien, Island, Wales oder Nordirland zur Folge.

Pro-EM-Aufstockung von Dean Fuss, Sportredaktor

Allen Befürchtungen zum Trotz: die EM-Spiele machen Spass

Dank den vielen Underdogs können wir neben der Schweizer Nationalmannschaft auch noch mit anderen mitfiebern.

Was haben all die echten und selbst ernannten Experten im Vorfeld der EM in Frankreich gejammert: Das Turnier werde verwässert, das Leistungsniveau werde sinken, die Spiele würden einseitig, die Underdogs würden zu Punktelieferanten. Pustekuchen! Nichts von all dem ist eingetroffen. Ganz im Gegenteil. Vor dem TV-Gerät bestaunen wir, wie sich Island gegen Portugal das Unentschieden verdient, wie die Waliser zusammen mit ihren Fans den Gruppensieg – dank eines Punktes Vorsprung auf den grossen Bruder England (!!) – bejubeln. Wir leiden mit den Albanern mit, wenn sie gegen Frankreich bis ganz kurz vor Schluss das 0:0 halten und dann doch noch zwei Gegentreffer kassieren. Hätten wir denn all diese Momente missen wollen? Nein!

Neben dem eigenen Land können wir an einer solchen Endrunde nie schöner mitfiebern, als wenn die Underdogs auf dem Rasen stehen. Unser Herz mag neben der Nati auch noch für die Deutschen, die Italiener oder die Holländer – wobei das an dieser EM gerade schwierig wäre – schlagen. Aber den Underdogs die Daumen zu drücken, macht einfach mehr Spass. Plötzlich wird ein Spiel, das wir eigentlich als neutraler Beobachter verfolgen, zur emotionalen Berg-und-Tal-Fahrt – eben, wie wenn unsere eigene Nationalmannschaft spielen würde. Etwas weniger nachhaltig vielleicht, aber unmittelbar nicht weniger intensiv.

Kommt hinzu, dass in der Heimat von EM-Neulingen wie Albanien, Island, Wales oder Nordirland eine riesige Euphorie ausgebrochen ist. Die Aufstockung des EM-Teilnehmerfelds hat ihnen ganz neue Möglichkeiten eröffnet: Sie sind nicht zum Zusehen verdammt, sobald die Endrunde läuft, sondern sie sind mittendrin. Das dürfte auch den Fussballsport als Ganzes in diesen Ländern vorwärtsbringen.

Und, «last but not least»: Dank der acht zusätzlichen Teilnehmerländer kann der geneigte Fussballfan während der Gruppenphase total 20 Spiele mehr verfolgen. Was für eine Freude. Denn selbst wenn es dabei vielleicht zum einen oder anderen etwas weniger spannenden Match kommt, analysieren, diskutieren und sich ärgern oder freuen kann man trotzdem. Und genau darum geht es doch.

Kontra EM-Aufstockung von Marcel Kuchta, Sportredaktor

So spannend, wie Farbe beim Trocknen zu beobachten

So nett die Randerscheinungen an dieser EM sein mögen: Die Wahrheit auf dem Platz ist alles andere als erfreulich.

1:0, 0:0, 1:0, 0:0, 1:0. Die Resultate an der EM lesen sich wie ein binärer Code. Würde man ihn übersetzen, dann käme wohl folgendes Wort dabei heraus: LANGWEILIG. Es fallen kaum Tore vor der gefühlten 93. Minute. Wir sehen monotone Passstafetten. Wir sehen Belagerungszustände vor einer zehn Mann starken Abwehrmauer. Wir sehen 70 Prozent Ballbesitz für eine Mannschaft. Wir sehen: die langweiligste Fussball-Europameisterschaft der Geschichte. Und schuld daran ist dieser unsägliche, neue Modus.

Nichts gegen die wunderbar feiernden Fangruppen aus Nordirland oder Island, nichts gegen die leidenschaftlichen Albaner. «Will Grigg’s on fire», der Kultsong der Nordiren, hat diese EM mitgeprägt. Die Schlachtrufe der Isländer ebenso. Die Hupkonzerte der euphorisierten «Shipis» nach dem Sieg gegen Rumänien waren auch ganz nett. All diese Randerscheinungen mögen ja ihren Reiz haben. Aber letztlich liegt die Wahrheit auf dem Platz. Und diese Realität ist leider alles andere als erfreulich. Logischerweise müssen sich Teams mit beschränktem Talentlevel auf ihre Kernkompetenz – sprich, das Verteidigen – konzentrieren. Diesen Abwehrschlachten zuschauen zu müssen, ist aber nach dem zweiten Mal in etwa gleich spannend, wie wenn man Farbe beim Trocknen beobachten muss. Da werde ich auch nicht durch eine Handvoll aufregender Momente entschädigt.

Wenn man bei einem begeisternden Spiel wie jenem zwischen Spanien und Kroatien Schwindelattacken bekommt, weil man den Kopf vor dem Bildschirm tatsächlich regelmässig in beide Richtungen drehen muss, dann ist etwas faul im Staate Fussball. Wenn es zur Ausnahme wird, dass auf dem Feld beide Mannschaften versuchen, konstruktiven Fussball zu spielen, dann kann das nicht der zu beschreitende Weg sein. Deshalb ist der neue EMModus falsch.

24 Mannschaften sind zu viel. Nicht nur wird das Niveau verwässert, sondern auch der sportliche Wert herabgesetzt. Nur ein Drittel der teilnehmenden Teams muss sich nach der Vorrunde verabschieden. Die komplizierten Berechnungen, welcher Gruppendritte jetzt noch weiterkommt, sind ebenso ein Unding. Die EM hatte mit 16 Mannschaften genau die richtige Grösse. Weniger wäre in diesem Fall mehr.

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