Rund 60 Millionen Franken Ablösesumme hat SIPG Shanghai für den brasilianischen Nationalspieler Oscar bezahlt. Für seinen Landsmann hat ein anderer Klub der Chinesischen Super League fast ebenso viel auf den Tisch gelegt. Ein weiterer Klub aus dem Reich der Mitte soll Fussballsuperstar Christiano Ronaldo, derzeit bei Real Madrid unter Vertrag, umgerechnet angeblich sogar rund 300 Millionen Franken geboten haben. Ronaldo lehnte ab. Diese Summen alarmieren inzwischen selbst die chinesische Führung.

Von «irrationalen Ausgaben» ist nun beim chinesischen Fussballverband plötzlich die Rede, von «überzogenen Gehältern» und dass dieses Wettbieten «teuflische Früchte hervorgebracht» habe. Der unmittelbar der chinesischen Führung unterstehende Verband teilte Anfang der Woche mit, dass ab der kommenden Saison nur noch drei statt wie bisher fünf ausländische Spieler pro Verein auf dem Platz stehen dürfen. Chinas Führung zieht nun offenbar die Reissleine. Dabei hatte sie diese Exzesse selbst angezettelt.

Seit etwas mehr als einem Jahr wirbelt der chinesische Fussball den weltweiten Transfermarkt durcheinander. Es vergeht kaum eine Woche, in der die Fussballklubs des bevölkerungsreichsten Landes der Welt nicht mit einem Rekordtransfer eines Fussballweltstars von sich Reden machen. Auch mit Spitzengehältern locken die chinesischen Vereine.

Die Ankunft von Carlos Tevez in China

Die Ankunft von Carlos Tevez in China

Belgiens Nationalspieler Axel Witsel schlug für seinen Wechsel zum chinesischen Aufsteiger Tianjin Quanjian eine Offerte des italienischen Rekordmeisters Juventus Turin aus. Witsels jährliches Gehalt in China soll bei umgerechnet mehr als 18 Millionen Franken liegen. Und auch der Kölner Fussball-Star Lukas Podolski steht angeblich kurz vor einem Wechsel von Galatasaray Istanbul zu Beijing Guoan.

Ihm wird angeblich ein Jahresgehalt von rund neun Millionen Franken geboten. Bestätigt hat der deutsche Profispieler den Wechsel nach Peking nicht – aber auch nicht dementiert. «Ich beteilige mich nicht an den Gerüchten und Spekulationen», sagte der Weltmeister.

Diese Rekordgehälter passen nicht zu einem Land, dessen Nationalmannschaft auf der Fifa-Weltrangliste aktuell gerade einmal Platz 81 belegt, nur knapp vor Sambia und den Faröern. Überhaupt haben es die Chinesen bislang erst ein einziges Mal geschafft, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Das war 2002, begünstigt durch den Umstand, dass die asiatischen Konkurrenten Japan und Südkorea als Gastgeber automatisch qualifiziert waren. Nach drei Niederlagen und 0:9 Toren war dieses Abenteuer rasch beendet.

Der Wunsch des Staatspräsidenten

Das plötzliche Interesse der Chinesen an Weltklassespielern hat einen Grund. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping höchstpersönlich hat den Wunsch geäussert, dass sich China nicht nur möglichst bald wieder für eine Fussball-Weltmeisterschaft qualifiziert, sondern sie auch austragen soll. Sein Traum: der WM-Titel.

Im vergangenen Jahr ist er mit seinen Plänen konkret geworden: Bis 2020 sollen im Reich der Mitte 60 000 neue Fussballplätze entstehen und Fussball an sämtlichen Mittelschulen zum Unterricht gehören. Die Besten sollen an 20 000 neugebauten Fussball-Akademien spezielles Training erhalten. Dass die chinesischen Vereine nun für Hunderte von Millionen Spitzenspieler aus dem Ausland anwerben, ist als Ansporn für die Jugend gedacht.

Wie im Rausch folgen die chinesischen Klubs seitdem dem Wunsch ihres Präsidenten und kaufen international Experten und Profikicker ein. Mehr als eine halbe Milliarde Euro haben die chinesischen Klubs im vergangenen Jahr für ausländische Spieler und Trainer nach Angaben von Chinas Volkszeitung ausgegeben.

Längst wird Kritik laut, dass die Chinesen mit diesen (Un-)Summen jedes Mass verloren haben. «Das ist nur noch krank», sagt Bayern Münchens Präsident Uli Hoeness in einem Interview mit Sky Sport News. Sportlich sei das ein Rückschritt. «Der chinesische Markt ist eine Gefahr für alle», kritisiert auch Chelsea-Trainer Antonio Conte.

Doch Geld scheint in China derzeit nicht das Problem zu sein. Seitdem mit Evergrande 2013 zum ersten Mal ein chinesischer Klub die asiatische Champions League gewonnen hat, klingeln die Kassen des Vereins aus der südchinesischen Metropole Guangzhou. Der Klub kann sich vor Angeboten aus der Werbewirtschaft kaum mehr retten. Von diesem Boom profitieren auch die anderen Vereine. Allein die Fernsehrechte über den Zeitraum zwischen 2016 und 2020 haben der Chinesischen Superliga über eine Milliarde Euro in die Kassen gespült.

Doch selbst chinesische Fussballexperten sind skeptisch, ob sich der Erfolg der einzelnen Vereine auch auf Chinas Nationalmannschaft übertragen wird. Im Nationalteam dürfen nur chinesische Spieler aufs Feld. Topstars seien Vorbilder für die Jugend und verbesserten das Niveau der Liga, lobt Lu Zhiyuan vom unabhängigen Fussball-Institut in Peking. Entscheidend sei jedoch, dass China den Nachwuchs nachhaltig trainiert, Trainer besser ausbildet und der Nachwuchs auch regelmässig zum Einsatz kommt. Von Trainingsprogrammen, wie sie bei europäischen Spitzenteams üblich sind, seien die chinesischen Klubs jedoch noch weit entfernt.