Interview
Schweizer Sieger des Bike-Rennens durch die Wüste: «So ein Abenteuer erlebte ich noch nie»

Konny Looser ist Mountainbike-Profi und fuhr schon Rennen an sehr speziellen Orten. Doch das, was er beim Titan Desert in Marokko erlebte, übertrifft wohl alles. So siegte der Schweizer beim Rennen am Rand der Sahara.

Reto Fehr/watson.ch
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Unterwegs in den Dünen von Merzouga.

Unterwegs in den Dünen von Merzouga.

Es ist eine Frage, die man wohl nicht beantworten kann: Welches ist das härteste Mehrtages-Mountainbike-Rennen der Welt? Für die einen ist es das Cape Epic in Südafrika (das jetzt gerade erstmals im Oktober stattfindet), für die anderen die Ruta de los Conquistadores in Costa Rica. Weit oben in dieser Liste dürfte da auch das Titan Desert stehen.

Das Rennen über rund 600 Kilometer findet im Süden Marokkos am Rande der Wüste während sechs Tagen statt. Übernachtet wird in Berberzelten irgendwo im Nirgendwo. Neben viel Sand und Staub muss man eine Nacht «draussen» verbringen und in einer Etappe gilt es, den besten Weg durch die Wüste selbst zu finden.

Seit 2006 wird das Rennen zwischen dem Atlasgebirge und der Sahara ausgetragen. In diesem Jahr siegte mit Konny Looser erstmals ein Schweizer. Wir haben ihn kurz nach dem am Freitag errungenen Erfolg erreicht.

Konny Looser, du hast vor wenigen Stunden das Titan Desert gewonnen, Gratulation. Wo erreichen wir dich gerade?
Konny Looser:
Ich bin im Hotel in der Nähe des Ziels. Morgen geht es leider schon wieder zurück nach Hause. Aber jetzt gibt es erst mal eine richtige Dusche.

Das Siegerduo: Konny Looser (Männer) und Ariadna Rodenas (Frauen).

Das Siegerduo: Konny Looser (Männer) und Ariadna Rodenas (Frauen).

Titan Desert

Ist es das, worauf du dich nach sechs Tagen in der Wüste am meisten freust?
Ja. Und es ist einfach so schön, mal keinen Sand an den Füssen zu haben.

Ich muss gestehen, ich kannte das Titan Desert vor deiner Teilnahme nicht. Erklär es uns kurz.
Das Rennen findet während sechs Tagen am Rande der Saharawüste statt. Immer drei Teilnehmer schlafen zusammen in Haimas (Berberzelten). Der meiste Teil der Strecke führt über Stein und Geröll, es ist einfach immer staubig. Teilweise geht es dann auch durch Sand in der Wüste.

Das ist das Titan Desert:

Promovideo der Veranstalter über das Rennen.

Was hast du für einen Eindruck vom Rennen?
Es ist unbeschreiblich und nicht vergleichbar mit dem, was ich bisher erlebte. Das ganze Gefühl in dieser Landschaft und der Gedanke daran, wo du gerade Mountainbike fährst. Die ganzen Umstände machen das Rennen mystisch.

Du bist sechsfacher Sieger des Desert Dash in Namibia, wo man eine Strecke von 369 Kilometern in einem Stück von Windhoek nach Swakopmund zurücklegt. Du kennst also die Verhältnisse in der Wüste, nicht?
Gewisse Abschnitte sind ähnlich, zum Beispiel diese «Wellblechabschnitte», die der Sand auf Strassen bildet. Aber sonst nicht. Es hat hier oft keinen Weg, einfach nichts. Teilweise dachte ich: Wenn ich jetzt einen Platten habe, dann dauert es ewig, bis jemand bei mir ist.

Konny Looser mit seinem Siegerbike.

Konny Looser mit seinem Siegerbike.

Konny Looser

Aber die Routen sind ja gekennzeichnet.
Nicht immer. Man erhält immer am Nachmittag die Strecke des nächsten Tages. Da ist ein «schnellster Weg» zwischen den Check- und Waterpoints eingetragen. Aber du kannst dann selbst den besten Weg rausfinden. Die guten Teams hier haben dann meist einen Helfer, der mit Google Earth nach dem schnellsten Weg sucht. Plötzlich bogen sie deshalb jeweils von der Originalstrecke ab.

Hast du die Route jeweils auch studiert?
Soweit es ging, ja. Aber ich hatte keinen Laptop mit oder so. Eigentlich fuhr ich einfach die direkteste Linie, die da eingezeichnet war. Aber manchmal erwischst du dann eine Sanddüne oder es ist sonst schlechtes Terrain. Ich war ein Einzelfahrer, der sich gegen die gesamte «spanische Armada» durchsetzen musste.

Und jetzt, wo geht es weiter?

Und jetzt, wo geht es weiter?

TitanDesert /pabloboschg

Dann gab es noch die eine Strecke, bei der man eigentlich alles selbst navigieren musste.
Genau. Da waren nur die ersten 15 Kilometer vorgegeben, danach kannte man nur die Checkpoints. Ich fuhr einfach so direkt wie möglich.

Die Strecke ist aber fahrbar mit einem Mountainbike oder warst du mit einem Fatbike unterwegs?
Ja, meistens ist die Strecke fahrbar. Ich war mit normalen Rädern unterwegs, fuhr allerdings mit tiefem Luftdruck. Das hilft in sandigen Passagen. Aber du musst aufpassen: Ist der Luftdruck zu tief, kassierst du auf felsigen Unterlagen schnell Durchschläge.

Hast du Pannen erlitten?
Nein, zum Glück nicht. Aber was ich sagen kann: Die Kette nehme ich sicher nicht mehr mit, die ist nach dieser Woche total durch.

Ich nehme an, die Bike-Pflege ist an jedem Tag sehr wichtig.
Ja, klar. Ich hatte da auch Glück. Ich reiste alleine an, ohne Team oder Mechaniker. Wenn ich gewusst hätte, was es alles braucht bei diesem Rennen, hätte ich vielleicht gar nicht mitgemacht. Dann gewann ich die erste Etappe und ein Mechanikerteam des Rennens fragte, ob sie ab jetzt mein Bike jeweils pflegen sollen. Das half natürlich sehr.

Was gab es sonst noch Spezielles?
Ein Teilstück ist eine «Marathon-Etappe», also mit Übernachten. Da dürfen dann keine Helfer mitkommen. Du musst also Bikepacking-mässig alles für die Nacht selbst mitnehmen. Ich fuhr also mit meinem Schlafsack und Essen los.

Wo habt ihr da geschlafen?
Sie legten im Zielbereich nach dem ersten Tag einfach alles mit Teppichen aus. Einige schliefen nur in langen Unterhosen auf diesem Teppich, ohne Mätteli und nichts. Sie wickelten sich dafür teilweise in einen Teppich ein, denn in der Nacht wurde es kalt.

Erholung nach dem ersten Teil der Marathon-Etappe. Hier übernachteten die Fahrer dann auch.

Erholung nach dem ersten Teil der Marathon-Etappe. Hier übernachteten die Fahrer dann auch.

instagram/damianoorion

Die Temperatur dürfte auch tagsüber ein Problem gewesen sein.
In der Nacht wird es mega kalt. Das hilft aber auch, damit du dich erholen kannst und da nicht auch noch schwitzt und Wasser verlierst. Am Morgen war es erträglich und bis ca. 11 Uhr ging es eigentlich gut. Danach wurde es schon so 30 bis 35 Grad heiss. Aber die Topfahrer erreichten das Ziel normalerweise zwischen 12 und 13 Uhr, so waren wir nicht allzu lange der Hitze ausgesetzt.

Neben euch Spitzenfahrern gab es bei über 300 Teilnehmern aber auch langsamere Fahrer?
Ja, die Hobbyfahrer waren jeweils bis fast 17 Uhr unterwegs. Da «putzt» es dich fast in der Hitze. An einem Nachmittag hatten wir 42 Grad.

Titan Desert in Marokko

Das Titan Desert im Süden Marokkos findet jährlich statt. Während sechs Tagen führt das Rennen durch die Gegend am Rande der Sahara. Neben Mountainbike-Fähigkeiten helfen auch Navigationskünste. Das Rennen ist für jedermann offen. Schweizer Interessenten können sich für mehr Informationen an den Schweizer Mountainbike-Profi Konny Looser wenden, der kurzerhand zum Schweizer Ambassador erkoren wurde.

Aber für ambitionierte Biker kannst du das Rennen empfehlen?
Ja, auf jeden Fall. Wer Interesse hat, kann sich bei mir melden, dann kann ich Informationen geben.

Hast du eigentlich wilde Tiere gesehen?
Praktisch nicht. Aber einmal fuhren wir an einer Herde Kamele vorbei. Das eine lief dann neben uns her. Die erreichen locker 30 km/h. Das war schon eindrücklich.

Preisgeld gab es ja keines. War es für dich mehr ein Rennen oder ein Abenteuer?
Beides. Ich habe eine neue Challenge gesucht und wurde von den Organisatoren angeschrieben. Alle werden gleich behandelt, du schläfst zu dritt in einem Berberzelt, es gibt keine Upgrades oder Hotels für die Topfahrer, das unterstützt den Abenteuer-Faktor. Ich kannte das Rennen zuvor nicht. Aber in Spanien, wo die meisten Teilnehmer herkommen, ist das eine grosse Sache und wird auch am TV übertragen. Das Gelände hier hat gut zu meinen Stärken gepasst.

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