Interview
Ex-Nationaltrainer Ralph Krueger: «Ich möchte etwas Grosses anreissen. Warum nicht Winterspiele in der Schweiz?»

Mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft hat Ralph Krueger als Trainer dreimal an einem olympischen Turnier teilgenommen. Nun träumt der 61-Jährige davon, die Olympischen Spiele in die Schweiz zu holen.

Thomas Renggli
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Ralph Krueger liebt die Schweiz und hat sich hier einbürgern lassen.

Ralph Krueger liebt die Schweiz und hat sich hier einbürgern lassen.

Pius Koller / pkp/

Er war 13 Jahre lang Trainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft. Er schaffte es bis an die Spitze eines Fussballklubs in der englischen Premier League. Nun coacht er das NHL-Team der Buffalo Sabres. Der 61-jährige Ralph Krueger ist ein Phänomen des Weltsports.

Wo erreichen wir Sie?

Ralph Krueger: In Washington DC. Auf dem Weg zum Stadion passieren wir das Capitol. Die Abbauarbeiten der Sicherheitszone sind abgeschlossen. Allmählich normalisiert sich die Situation im ganzen Land. Aber für uns als Profisportler ist das ohnehin weit weg. Wir leben wegen Covid19 in einer Blase – sind von der Umwelt faktisch abgeschottet. Wir bewegen uns nur zwischen Hotel, Flughafen und Stadion.

Trotzdem befinden Sie sich quasi am Puls des Weltgeschehens. In den USA ist im ersten Monat des Jahres schon fast so viel passiert, wie sonst in vier Jahren zusammen. Wie fühlt sich das an?

Die Zeit vor den Wahlen empfand ich als sehr angespannt. Das ganze Land fieberte auf dieses Ereignis hin. Seit der Inauguration von Joe Biden als Präsident kehrt allmählich wieder Ruhe ein. Ich versuchte mich aber so gut wie möglich, diesem ganzen Rummel zu entziehen. Deshalb blieb ich bis zum letztmöglichen Termin in der Schweiz. Ganz grundsätzlich will ich mich von den amerikanischen Medien nicht beeinflussen lassen. Ich habe das Privileg, auch in Buffalo das Schweizer Fernsehen zu empfangen und mir über die Schweizer Newssendungen ein neutrales Bild zu verschaffen. So beobachte ich die Ereignisse hier quasi aus einer Aussenposition.

Wie sind die politischen Strömungen in Buffalo?

Buffalo ist eine Stadt mit vielen Studenten und Kreativen. Es gibt hier relativ wenig Politik. Von den Unruhen spürten wir nicht viel. Wir leben in Buffalo in einer offenen Gesellschaft. Dank der Nähe zu Kanada haben wir hier schon fast einen amerikanisch-kanadischen Mix. Die Grenzen verlaufen hier überall im Wasser. Als einzige amerikanische Mannschaft spielen die Sabres auch immer die kanadische Hymne vor den Spielen. Auch historisch hatten die Sabres immer eine grosse kanadische Fanbasis. Ich behaupte, wir sind die internationalste Mannschaft der Liga.

Am 13. Januar nahm die NHL den Betrieb auf – mit einem aufgrund der Pandemie geänderten Format, grösstenteils ohne Zuschauer und einem Kalender mit 868 Spielen in 116 Tagen. Was ändert dies für Sie als Headcoach und für Ihre Spieler?

Wir befinden uns in einer sportlichen extrem intensiven Phase. Während dreier Wochen spielen wir jeden zweiten Tag. Die gesamte Regular-season dauert diesmal nur vier Monate – mit einer enorm hohen Kadenz. Ich vergleiche diese Saison mit einem Olympiaturnier – aber einem, das nicht aufhört. Der Spielplan diktiert unseren Alltag – und der besteht aus Spielen, Essen, Schlafen, Videostudium, Training, Erholung. Und dann beginnt alles wieder von vorne.

Derzeit steht Ralph Krueger als Headcoach in der NHL an der Bande.

Derzeit steht Ralph Krueger als Headcoach in der NHL an der Bande.

Jonas Ljungdahl / www.imago-images.de

Macht es überhaupt Sinn, in einer solchen Krisensituation den Spielbetrieb aufrecht zu halten? Oder geht es dabei nur darum, die Fernsehstationen zufriedenzustellen?

Ja, es macht Sinn. Definitiv. Wir erhalten von unseren Fans sehr viele positive Feedbacks. Sie sind dankbar, dass wir spielen und wenigstens einen Teil der Normalität ins Leben zurückbringen. Aber es ist klar, dass die Fernsehanstalten ein wichtiger Faktor sind. Nie waren die Einschaltquoten höher als jetzt. Dies zeigt aber wiederum, dass unser Produkt funktioniert.

Wenn Ihnen jemand vor einem Jahr gesagt hätte, wo wir heute stehen, was hätten Sie ihm gesagt?

(lacht) Vermutlich, dass er verrückt sei. Hätte jemand einen Science-Fiction-Film mit diesem Drehbuch geschrieben, jeder hätte gesagt: das ist völlig übertrieben und realitätsfremd. Unvorstellbar! Doch heute stehen wir exakt an diesem Punkt.

Sie sind in Kanada geboren, spielten für die deutsche Nationalmannschaft – und sind seit April 2019 Schweizer Bürger. Wie fühlt sich das an?

Richtig und passend. Glenda (Kruegers Ehefrau/die Red.) und ich sind richtig begeistert, seit wir den roten Pass haben. Wir haben uns von Anfang in der Schweiz zu Hause gefühlt. Wir identifizieren uns mit diesem Land und mit der Mentalität der Menschen. Wir haben die Schweiz von Anfang an offen umarmt. So gesehen, war die Einbürgerung nur eine Bestätigung.

Das heisst, die Fans können hoffen, dass Ralph Krueger dereinst auch wieder in der Schweiz arbeiten wird?

Aber nicht in einer operativen Funktion im Profisport. Nach Buffalo wird dieses Kapitel abgeschlossen sein. Ich kann mir aber sehr gut eine strategische, übergeordnete Rolle in der Sportpolitik vorstellen. Ich möchte mein Know-how weitergeben, allenfalls in der Erziehung oder in der Ausbildung. Vielleicht werde ich an der Uni dozieren - oder vielleicht nochmals etwas Grosses anreissen. Wieso nicht beispielsweise olympische Winterspiele in der Schweiz? Ich durfte mit der Schweizer Nationalmannschaft dreimal an Winterspielen teilnehmen. Seither bin ich vom olympischen Gedanken begeistert und beseelt. Er vermittelt ein Gefühl, das mich unglaublich motiviert – das man unbedingt auch den Schweizern – gerade der jungen Generation – vermitteln sollte. Aber noch bin ich Eishockeytrainer. Und das mit ganzem Elan.

Als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft war Ralph Krueger dreimal

Als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft war Ralph Krueger dreimal

Alexandra Wey / KEYSTONE

Sie sind eine der ganz wenigen Persönlichkeiten, die Sportarten-übergreifend Karriere machten. Wie gelang es Ihnen als Eishockeytrainer, die Besitzerin des FC Southampton von Ihren Qualitäten als Fussballstratege zu überzeugen und dann gleich einen Vertrag als Chairman zu erhalten?

Es verlief damals alles sehr organisch. Ich hatte eigentlich nie die Absicht, in den Fussball einzusteigen. Katharina Liebherr (die frühere Besitzerin des FC Southampton) kannte ich, weil sie damals Sponsorin von Fribourg-Gottéron war. So kam es im Herbst 2013 zum ersten Treffen. Katharina wollte in Southampton die Klubführung wechseln und fragte mich, ob ich es mir mal anschauen könne. Als sie sich für etwas Neues entschied, kam ich im Januar 2014 mit frischen Ideen – und so bot mir Katharina den Posten des Chairman an. Ich diskutierte mit meiner Frau darüber und sagte dann: Gut – probieren wir es ein Jahr. Daraus wurden sechs Jahre.

Ein Eishockeyfachmann im Fussballgeschäft. Heisst das nicht, dass die Sportkompetenz überschätzt wird?

Man darf nicht vergessen, dass ich in Southampton nicht Trainer war. Ich hätte vielleicht Trainer sein können, wenn mir jemand das Coaching im Spiel abgenommen hätte. Eigentlich ist im Fussball und Eishockey vieles ähnlich – die Konzeption der Trainings, der physische Aufbau der Spieler, die Teamführung. Ich kann hier in Buffalo unheimlich viel mitnehmen von meiner Zeit in Southampton, sogar taktisch: wie man mit Dreieckspositionen arbeitet, wie man sich gegenseitig unterstützt, um den Ball zu gewinnen, wie man ein Netz bildet ohne Ball, wie man die Defensive aufbaut. Puck-Besitz ist für mich viel wichtiger als früher. Das kommt aus dem Fussball. Ich habe mich in meiner Zeit im Fussball als Trainer enorm entwickelt.

Auch im Fussball hinterliess Ralph Krueger Spuren. Hier steht er neben dem ehemaligen Schweizer Fussball-Nationaltrainer Roy Hodgson.

Auch im Fussball hinterliess Ralph Krueger Spuren. Hier steht er neben dem ehemaligen Schweizer Fussball-Nationaltrainer Roy Hodgson.

Imago Sportfotodienst / imago sportfotodienst

Die Sabres verpassten seit 2011 die Playoffs jedes Mal. Was spricht dafür, dass sich dies ändert?

Wir dürfen uns nichts vormachen. In dieser Saison wird es vielleicht noch härter als sonst. Aufgrund der Pandemie wurden die Divisions neu zusammengestellt – und während der Regular-season trifft man nur auf die Teams aus der eigenen Division. Und bei uns sind von acht Mannschaften sechs Playoff-Teilnehmer der vergangenen Saison.

Das heisst, Sie geben Ihrer Mannschaft keine realistische Chance?

Doch, natürlich. Wir sind als Team in den vergangenen Monaten gewachsen, haben viele hungrige und sehr talentierte Spieler. Unsere erste Sturmformation mit Jack Eichel, Taylor Hall und Sam Reinhart gehört zum Besten, was die Liga zu bieten hat – und auch unser Zweitlinien-Center Eric Staal kann eine dominierende Rolle spielen. Die Resultate in der Startphase der Saison waren mittelmässig. Aber die Leistungen stimmen mich optimistisch. Noch ist es zu früh, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Ich warte die ersten 20 Spiele ab – und dann schauen wir, wo wir stehen. Was für mich auch sehr wichtig ist: Die Chemie mit dem neuen General Manager Kevyn Adams stimmt perfekt. Wir haben dieselben Vorstellungen von Eishockey. Es macht enorm Spass, mit ihm zu arbeiten.

Wenn Sie frei wählen könnten – welchen Schweizer hätten Sie in Buffalo gerne in ihrem Team?

Allen voran Roman Josi. Er wäre meine Wahl Nummer 1. Er gehört zu den komplettesten Spielern der Liga: technisch, taktisch, menschlich. Wenn er kommt, gewinnen wir vielleicht sogar den Stanley-Cup (lacht). Aber auch andere Schweizer haben mittlerweile grossen Einfluss: Nico Hischier, aber auch Leute wie Nino Niederreiter, Jonas Siegenthaler, Denis Malgin oder der fulminant gestartete Pius Suter.

Zum Abschluss. Sie haben sich im Eishockey und im Fussball einen Namen gemacht, dozierten am WEF und sind Bestseller-Autor. Was macht Ralph Krueger in zehn Jahren – und wo können wir Sie dann treffen?

(Lacht) Zu dieser Jahreszeit vermutlich in der «Jatzhütte» am Jakobshorn in Davos. Das ist ein wunderbarer Ort. Wenn Sie mich treffen wollen, kommen Sie früh: Ich bin bestimmt schon um 9 Uhr dort. Dann können wir darüber sprechen, ob alles so gekommen ist, wie ich es mir heute vorstelle.

Der Verkünder der positiven Botschaf

Ralph Krueger (61) stand zwischen 1998 und 2010 als Headcoach an der Bande der Schweizer Nationalmannschaft. Gleich bei seiner Premiere-WM in Zürich und Basel führte er das Team in die Halbfinals und galt quasi als Verkünder der neuen positiven Botschaft. Dem von ihm eingeleiteten Mentalitätswechsel ist es zu verdanken, dass die Schweizer Nationalmannschaft in den vergangenen acht Jahren zweimal in den WM-Final vorstiess und unser Eishockey mittlerweile mit rund zwanzig Spielern in der NHL vertreten ist.