Interview
Belinda Bencic ist Olympia-Siegerin und sagt: «Ich war am Ende meiner Kräfte, dieser Sieg ist auch für Roger Federer»

Belinda Bencic sorgt bei den Olympischen Spielen in Tokio für die dritte Schweizer Goldmedaille. Gewinnt sie auch am Sonntag das Doppel, ist sie die erst Schweizer Doppel-Olympiasiegerin bei Sommerspielen. Das erste Interview nach dem Triumph.

Simon Häring, Tokio
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Belinda Bencic ist Olympia-Siegerin im Tennis-Einzel.

Belinda Bencic ist Olympia-Siegerin im Tennis-Einzel.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Es fliessen Tränen, natürlich, und es folgt eine Umarmung mit Freund und Fitnesstrainer Martin Hromkovic, die nicht enden will, als Belinda Bencic sich mit einem 7:5, 2:6, 6:3 gegen die Tschechin Marketa Vondrousova zur Olympia-Siegerin im Einzel krönt. Gewinnt Belinda Bencic auch am Sonntag an der Seite von Viktorija Golubic das Doppel, ist sie die erste Schweizer Doppel-Olympiasiegerin bei Sommerspielen.

Belinda Bencic, können Sie uns mit auf die Reise nehmen, wie Sie sich in den letzten Minuten ihres Finalspiels gefühlt haben?

Belinda Bencic: Ich war am Ende meiner Kräfte. Ich konnte nicht mehr denken und nicht mehr richtig gehen. Ich habe nur noch gehofft, dass ich den Ball auf die andere Seite bringe. Aber ich hatte diesen Traum und deshalb habe ich gespielt, als wäre es der letzte Match meines Lebens. Auch wenn ich verloren hätte, hätte ich mich wie eine Siegerin gefühlt, weil ich alles gegeben habe. Das macht mich extrem stolz. Doch ich brauche noch Zeit, um das zu verdauen. Nach dem Doppel-Final vom Sonntag. Ich werde noch einmal alles geben, für Vicky. Das sind Erinnerungen, die für immer bleiben.

Gold im Einzel. Das ist zuvor erst Marc Rosset gelungen.

Gold im Einzel. Das ist zuvor erst Marc Rosset gelungen.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Olympia-Gold im Einzel haben Sie etwas geschafft, das Roger Federer und Martina Hingis verwehrt blieb. Wie fühlt sich das an?

Roger hat mir am Morgen eine Nachricht geschrieben, dass heute ein guter Tag sei, um meine Träume zu verwirklichen. Das hat mich sehr gefreut. Ich habe es auch für Martina und Roger getan, sie haben so viel erreicht und ich werde nie in der Lage sein, das zu erreichen. Deshalb ist dieser Sieg auch für sie, für Martina und Roger.

Sie haben nach dem Final lange ihren Freund Martin Hromkovic umarmt, welchen Anteil hat er an diesem Olympia-Sieg?

Einen riesigen. Er ist auch Sportler, er versteht mich, hat die gleiche Mentalität und kann sich in mich hineinversetzen. Dass wir privat liiert sind, heisst nicht, dass er mich im Training schont. Er zwingt mich aus der Komfortzone. Er ist ein Experte in seinem Beruf und weiss genau, was wann Sinn ergibt.

Tränen des Glücks: Belinda Bencic und Freund Martin Hromkovic.

Tränen des Glücks: Belinda Bencic und Freund Martin Hromkovic.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Können Sie uns verraten, was er Ihnen ins Ohr geflüstert hat?

Ich habe kaum verstanden, was er gesagt hat. Ich sagte immer wieder: Das ist nicht möglich, das ist ein Traum. Und Martin sagte: Geniesse jeden einzelnen Moment ab jetzt, du hast es verdient. Er hat geweint, ich habe geweint, das war ein sehr schöner Moment für uns.

Sie haben hier mit Einzel und Doppel fast jeden Tag zwei Partien pro Tag bestritten, woher nahmen Sie diese Energie?

Aufgeben war keine Option. Ich wusste zwar, dass bei Olympischen Spielen nur Medaillen zählen, aber für mich war und ist es ein Traum, dass ich überhaupt hier sein kann. Das hat mir Energie gegeben. Jetzt bin ich sehr glücklich, dass es fertig ist, und ich es geschafft habe.

Sie haben in ihrer Karriere schon viele Rückschläge erlebt und waren oft verletzt. Stimmt der Spruch, dass einem das nur stärker macht?

Ich möchte meine Karriere nicht eintauschen. Es gibt immer Höhen und Tiefen, ich denke, das ist völlig normal. Manchmal fand ich es ungerecht, wenn man mich abgeschrieben hat, denn Rückschläge sind normal in einer Tenniskarriere. Ich habe immer hart gearbeitet und gewusst, dass ich alles getan habe. Auch wenn ich keinen einzigen Titel mehr gewonnen hätte, dann hätte ich diese Gewissheit gehabt. Jetzt wurde ich für meine Arbeit belohnt. Dafür bin ich allen, die das ermöglich haben, unglaublich dankbar.

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