Kunstturnen

In Glasgow rücken Medaillen und Rio in Griffweite

Wer hätte das gedacht? Giulia Steingruber gehört nach ihrer Qualifikations-Leistung im Mehrkampffinal zu den Medaillenkandidatinnen.

Wer hätte das gedacht? Giulia Steingruber gehört nach ihrer Qualifikations-Leistung im Mehrkampffinal zu den Medaillenkandidatinnen.

Das Schweizer Team übertrifft zum WM-Auftakt in Glasgow die eigenen Ziele. Einzelturnerin Giulia Steingruber qualifiziert sich gleich für drei Gerätefinals: Mehrkampf, Sprung und Boden. Auch bei den Männern könnte eine Final-Teilnahme drinliegen.

So laut können Schweizer Kunstturner sein. Die sechs Athleten setzten nach vollbrachter Leistung in der Mannschafts-Qualifikation hinter der Bühne der gigantischen Arena in Glasgow zum Freudenschrei an. Mit dem höchsten Punktetotal, welches ein Schweizer Team je erreichte, hat man gewaltig Fahrt aufgenommen zu einem Platz im Mehrkampffinal und damit der direkten Qualifikation für die Olympischen Spiele nächsten Sommer in Rio. Die starken Deutschen und Brasilianer liegen in der Wertung bereits zurück.

Zittern bis Montag um Mitternacht

Seit 1992 war die Schweiz nie mehr in Teamstärke bei Olympia vertreten. Definitiv wird der Exploit erst, wenn das allerletzte Team heute Montag kurz vor Mitternacht die Qualifikation abgeschlossen hat. In der letzten Abteilung tritt die ehemalige Kunstturn-Grossmacht Rumänien an. Doch die Chancen stehen gut, dass das beeindruckend auftrumpfende Schweizer Männerteam auch die Osteuropäer an diesen Titelkämpfen definitiv abgehängt hat. Die Türe nach Rio ist weit offen.

Auf der Tribüne fieberte Giulia Steingruber mit ihren Nationalkader-Kollegen mit und freute sich darüber, dass es Pablo Brägger, ihr Klubkamerad vom TZ Fürstenland, höchst wahrscheinlich auch in den Mehrkampffinal der weltbesten 24 Turner geschafft hat. Selbst der Aargauer Newcomer Christian Baumann darf darauf ebenfalls hoffen.

Nur vom Superstar geschlagen

Steingruber selbst sorgte bereits am Abend zuvor für Schlagzeilen. In der Mehrkampf-Qualifikation liess sie mit Ausnahme von US-Superstar Simone Biles, die wie von einem anderen Stern turnte, alle 190 Konkurrentinnen hinter sich. Damit ist die amtierende Europameisterin auch auf Weltniveau zu den Medaillenanwärterinnen aufgerückt.

«Ich will gar nicht so viel über den Final nachdenken», sagt die 21-Jährige nach einer kurzen Nacht («Ich war so aufgeregt, dass ich nicht gut geschlafen habe») auf ihre Medaillenchancen angesprochen, «denn es gibt auch andere Turnerinnen, die nach der Qualifikation noch eine Rechnung offen haben». Wobei Steingruber mit dem «auch andere» die eigenen Steigerungsmöglichkeiten mit einschloss, denn das Traumresultat erreichte sie trotz eines Sturzes beim Schwebebalken. «Ein Punkt mehr liegt im Final also durchaus drin», rechnet die Ostschweizerin.

Video Giulia Steingruber

Auch in zwei der vier Gerätefinals ist Steingruber vertreten – am Boden und beim Sprung. Wobei bei beiden Disziplinen jeweils ein Trio ausserhalb ihres derzeitigen Potenzials turnt und sie selbst mit einer perfekten Darbietung auf Fehler der Konkurrenz hoffen muss.

Doch so denkt Giulia Steingruber nicht. «Ich will die Finals ganz einfach geniessen», sagt sie, «die Halle ist genial und die Art und Weise, wie der Wettkampf als Show für das Publikum aufgezogen wird, hilft auch uns Athletinnen.»

Ein zuversichtlicher Trainer

Komplimente erhält Steingruber ebenfalls von ihrem Trainer Zoltan Jordanov. Der Ungar mit britischem Pass zählt seinen Schützling «auf jeden Fall zu den Top 10 der Welt, in Europa ist sie die derzeit Beste».

Im Mehrkampffinal erwarte er einen Platz in den ersten sechs, «vielleicht auch besser». Er ist sich sicher, «den Sturz am Stufenbarren wird Giulia im Final nicht wiederholen». In diesem wird sie auf jeden Fall nochmals das gleiche Programm zeigen. Das an der Schweizer Meisterschaft erstmals aufgeführte schwierigere Element im Bodenprogramm sei noch zu wenig stabil. «Für Rio wird es dann bereit sein», verspricht Jordanov.

Auch Frauen im Rio-Rennen

Apropos Rio. Mit Rang 16 qualifizierten sich die Schweizer Frauen nach einer Zitterpartie als letzte Nation für den vorolympischen Wettkampf im Frühjahr in Brasilien. «Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden, mit der Leistung nicht. Beim Einturnen waren wir besser», kommentierte der 63-jährige Trainer in gewohnt nüchterner Art die Zielerreichung. Er habe nach dem missglückten Auftakt am Stufenbarren deutliche Worte an sein Team gerichtet. Was genau hat er gesagt? «Starke Worte – das muss als Antwort reichen.»

Meistgesehen

Artboard 1