Nach Le-Mont-Aus und Wohlen-Drama
In fünf Saisons nur ein sportlicher Absteiger: Ist die Challenge League eine Totgeburt?

Eine Liga in der Krise: In den letzten fünf Saisons gab es nur einen sportlichen Absteiger aus der Challenge League. Stattdessen steigen vier Klubs am grünen Tisch ab.

François Schmid-Bechtel
Merken
Drucken
Teilen
Keine Chance mehr, die Auflagen der Liga zu erfüllen: Der FC Le Mont spielt noch bis Saisonende im Stadion Sous-Ville in Baulmes und zieht sich dann aus dem Profi-Fussball zurück. Freshfocus/Urs Lindt

Keine Chance mehr, die Auflagen der Liga zu erfüllen: Der FC Le Mont spielt noch bis Saisonende im Stadion Sous-Ville in Baulmes und zieht sich dann aus dem Profi-Fussball zurück. Freshfocus/Urs Lindt

Urs Lindt/freshfocus

Wenn ein Raser mit 180 Sachen auf einer Schweizer Autobahn einen Unfall verursacht, trifft den Gesetzgeber keine Schuld. Wenn aber immer wieder an gleicher Stelle ein Crash passiert ohne überhöhte Geschwindigkeit, muss der Gesetzgeber Massnahmen ergreifen.

Rücksichtslose Raser finden wir auch im Schweizer Fussball. Es sind Leute wie Carlo Häfeli (Biel), Bulat Tschagajew (Xamax), Mehmet Nazif Günal und Roger Bigger (Wil), Hugh Quennec (Servette) oder Gabriele Giulini (Bellinzona). Es sind Leute, die sich und ihre Möglichkeiten massiv überschätzen. Es sind Leute, die wenig Geduld und noch weniger Demut haben. Es sind Leute, die gerne Luftschlösser bauen.

Bulat Tschagajew hat Xamax an die Wand gefahren.

Bulat Tschagajew hat Xamax an die Wand gefahren.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Aber es gibt auch jene im Schweizer Fussball, die sich ans Tempolimit halten und doch immer wieder crashen. Sie erleiden vielleicht nur einen Blechschaden, den sie mit Sammelaktionen oder Kapitalerhöhungen beheben können. Aber ständiges Ausbeulen macht das Auto nicht flotter. Jüngst gibt es solche, die gar keine Anstrengungen mehr machen, ihren beschädigten Wagen fahrtüchtig zu kriegen. Einer von ihnen ist Serge Duperret, Präsident des Challenge-League-Klubs Le Mont.

Le Mont Präsident Serge Duperret hat aufgegeben. Le Mont hat sich endgültig aus der Challenge League zurückgezogen.

Le Mont Präsident Serge Duperret hat aufgegeben. Le Mont hat sich endgültig aus der Challenge League zurückgezogen.

KEYSTONE/LAURENT GILLIERON

Andere, strukturschwache Klubs wie Wohlen und Chiasso versuchen nun mit einem Kraftakt, die Lizenz in zweiter Instanz zu erhalten. Doch die Frage bleibt: Erleben wir nun die letzten Klimmzüge der beiden Vereine? Und wann blicken Wil und Schaffhausen, aber auch GC und Thun in den Abgrund? Und wie lange hält der FC Aarau im Brügglifeld noch durch? Und wann wird in Genf das nächste Luftschloss gebaut?

Der Schweizer Fussball, insbesondere die Challenge League, krankt. Seit die Challenge League auf die Saison 2012/13 von 16 auf 10 Teams reduziert wurde, gab es nur in einer Saison einen sportlichen Absteiger. Wie erwähnt: Die Swiss Football League (SFL) kann nur bedingt verhindern, wenn jemand das Tempolimit missachtet. Aber die Liga steht in der Verantwortung, wenn rechtschaffen geführte Klubs kollabieren.

Vier Klubs sind in den letzen fünf Jahren am grünen Tisch abgestiegen:

2012/13

Bellinzona (Zwangsrelegation)

2014/15

Servette (Zwangsrelegation)

2015/16

Biel (Konkurs)

2016/17

Le Mont (Rückzug)

Die Ursprungsidee hinter der Reform war nicht per se schlecht. Durch den Abbau auf zehn Teams sollten die Qualität und die Professionalität gesteigert werden. Das ist gelungen. Aber ständig werden neue Anforderungen an die Klubs gestellt, werden Investitionen gefordert, die in vielen Fällen nicht refinanzierbar sind.

Nehmen wir das Beispiel Wohlen. Als die Reform-Pläne beschlossen wurden, galten die Niedermatten als Challenge-League-Vorzeigestadion. Heute, nur sechs Jahre später, wird den Freiämtern in erster Instanz die Lizenz verweigert, weil das Licht zu schwach und die Haupttribüne mit Schalen- statt mit Klappsitzen bestuhlt ist.

Das Stadion Niedermatten galt früher als Vorzeigestadion, jetzt bereitet es dem FC Wohlen Probleme.

Das Stadion Niedermatten galt früher als Vorzeigestadion, jetzt bereitet es dem FC Wohlen Probleme.

Alex Spichale

Die 10er-Liga im herkömmlichen Sinn hat ausgedient. Da gibt es in der Challenge League Teams wie Zürich, Servette, Xamax und Aarau, die nach oben drängen. Doch die Durchlässigkeit ist zu sehr beschränkt. Nur einer von zehn steigt auf. In Italien sind es drei von 20. Wenn die SFL schon Super-League-ähnliche Zustände fordert, müsste zumindest die Durchlässigkeit erhöht werden. So wie es läuft, verführt die Liga zu Fantastereien.

Nehmen wir das Beispiel FC Schaffhausen. Nun haben die Schaffhauser ein neues Stadion. Ohne Schnickschnack und nicht allzu gross. Aber doch mit Platz für 8000 Zuschauer und beheizbarem Kunstrasen. Doch die Schaffhauser haben dieses Stadion nicht für die nächsten 30 Jahre Challenge League gebaut. Sie haben es gebaut, um bei einem allfälligen Aufstieg in die Super League die Anforderungen zu erfüllen. Zur Stadioneröffnung, einem Derby gegen Winterthur, kommen 7727 Fans in den LIPO Park. Der FC Schaffhausen gewinnt. Und er gewinnt auch vier der fünf folgenden Heimspiele und ist die erfolgreichste Mannschaft der Liga. Aber zuletzt wollen nur noch 1736 Fans die Partie gegen Servette sehen. Wenn die Super League nicht aufgestockt wird, Schaffhausen über Jahre in der Challenge League gefangen ist, droht der Kollaps, sobald erste Sanierungen am Stadion bezahlt werden müssen.

Die Liga muss für einen Druckabfall in der Challenge League sorgen. Das tut sie am besten über eine Aufstockung der Super League. Das wiederum bedingt die Bereitschaft der Swiss Football League, in der Challenge League auch semiprofessionelle Strukturen zuzulassen. Die Traumfabrik steht nicht in Wohlen, sondern dort, wo sie hingehört: in Hollywood. Und das, was wir bei 200 statt der von der Liga geforderten 500 Lux sehen, ist die ungeschminkte Wohler Wirklichkeit. Oder wie die weidenden Kühe neben Le Monts Heimstätte in Baulmes ein Stück Schweizer Fussball-Realität.

Grosser Kontrast: Der grosse FC Zürich mit Uli Forte muss zu Le Mont nach Baulmes.

Grosser Kontrast: Der grosse FC Zürich mit Uli Forte muss zu Le Mont nach Baulmes.

Keystone

Zu starre Reglemente vom Verband

Es besteht die Tendenz, jeden Winkel im Schweizer Fussball zu reglementieren, was hohe Kosten verursacht. Es gilt die Gleichung: Je zahlreicher die Reglemente, desto mehr Personen braucht es für die Kontrolle zur Einhaltung der Reglemente. Dazu ein Beispiel aus Wohlen: Dort trainiert seit Jahren Boris Ivkovic die Torhüter. Der Mann ist 61, für den FC Wohlen bezahlbar und längst eine Integrationsfigur. Doch nun muss der Klub einen neuen Torhütertrainer engagieren, weil Ivkovic einen Test nicht bestanden hat. Dabei ist es doch im Interesse des FC Wohlen, den für ihn bestmöglichen Torhütertrainer zu verpflichten.

Boris Ivkovic (links) darf nicht mehr die Torhüter des FC Wohlen trainieren – wegen Reglementen.

Boris Ivkovic (links) darf nicht mehr die Torhüter des FC Wohlen trainieren – wegen Reglementen.

Ruedi Burkart

Und der Verband? Der schreibt den Klubs so ziemlich alles vor, was sie in der Nachwuchsförderung zu tun haben. Selbst die Pflichtenhefte der Nachwuchstrainer müssen vom Verband abgesegnet werden. Wer die Richtlinien einhält, kassiert Subventionen. Nur: Wenn das vom Verband diktierte Ausbildungskonzept so toll ist, warum ist die U21-Auswahl in den letzten drei EM-Qualifikationen hängen geblieben?

Die Zeit scheint reif für einen Kurswechsel im Schweizer Fussball. Für liberalere Strukturen und mehr Selbstbestimmung für die Klubs.