Analyse

In der Philosophie-Falle: Millionen-Investitionen in den Hockey-Nachwuchs, aber letztlich doch kein Lohn?

In Schweden ist unter den Klubs ein Wettbewerb darüber entbrannt, wer die meisten NHL-Spieler ausbildet; finanzielle Interessen und eigene Ansprüche rücken in den Hintergrund. In der Schweiz könnte man sich davon eine Scheibe abschneiden.

Die Analyse zum Auftakt der Schweizer Eishockey-Meisterschaft: Eine positive Entwicklung für das Produkt Schweizer Hockey – die hiesigen Klubs aber stecken in der Philosophie-Falle.

Heute Abend, am 21. September, beginnt die NLA-Meisterschaft. Unter anderem mit dem Klassiker zwischen Titelverteidiger ZSC Lions und dem grössten Herausforderer SC Bern. Vier Monate ist es her, dass die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft den ganz grossen Coup, den Gewinn des Weltmeistertitels, am Ende hauchdünn (Niederlage im Penaltyschiessen gegen Schweden) verpasste . Der Eindruck, den das Team von Nationaltrainer Patrick Fischer in Kopenhagen hinterliess, war erstklassig. Das war beste Werbung für das einheimische Hockey-Schaffen. Und eigentlich ein ermutigendes Signal dafür, den hierzulande eingeschlagenen Weg punkto Nachwuchsförderung weiterzugehen.

Die Titelkämpfe in Dänemark haben eindrücklich gezeigt, dass das Wohlergehen unserer Nationalmannschaft eng zusammenhängt mit der Beteiligung der Schweizer Profis, die ihr Geld in Nordamerika in der National Hockey League verdienen. In Kopenhagen waren bis auf Jungstar Nico Hischier die besten Schweizer Spieler mit an Bord. Im Gegensatz etwa zu den Olympischen Spielen in Pyeongchang, wo die Schweizer Auswahl drei Monate vor der WM-Sternstunde fürchterlich Schiffbruch erlitten hatte. Mit einer Mannschaft, die ausschliesslich aus in der Schweiz engagierten Spielern bestand.

Rein sportlich gesehen genügt das NLA-Niveau nur selten höchsten Ansprüchen

Man sollte grundsätzlich nicht allzu viel in den Ausgang dieser beiden Events, die unter völlig unterschiedlichen Bedingungen über die Bühne gingen, hineininterpretieren. Aber die Tendenz ist trotzdem nicht von der Hand zu weisen. Unsere höchste Liga ist unterhaltsam, spektakulär und spannend. Aber rein sportlich gesehen genügt das Niveau nur selten höchsten Ansprüchen.

Während die Spieler, die in Nordamerika ihr Brot verdienen, sich tagtäglich mit den besten Athleten ihres Fachs messen dürfen und sich gegen grosse Konkurrenz behaupten müssen, führen unsere NLA-Spitzenkräfte ein vergleichsweise geruhsames Dasein. Es muss schon viel passieren, dass man aus dem Kreis der Topverdiener verdrängt wird. Vor allem deshalb, weil sich die allerbesten Nachwuchstalente bereits früh Richtung Nordamerika verabschieden, um ihren Traum von der NHL zu verwirklichen.

Was für das ganze Produkt Schweizer Eishockey eine positive Entwicklung ist, stellt aber die hiesigen Klubs, die immer mehr Geld in die Ausbildung des Nachwuchses stecken, vor ein Dilemma. Sie geraten sozusagen in eine Philosophie-Falle. Die Chance ist gross, dass man für die Millionen, die man jährlich in die eigene Junioren-Abteilung investiert, letztlich keinen Lohn erhält in Form von fertig ausgebildeten Spitzenspielern.

Der HC Davos hat eine Woche vor dem Meisterschaftsauftakt ein klares Signal in diese Richtung ausgesendet. Weil man weiss, dass die beiden jungen Goalies, die man seit zwei Jahren aufpäppelte und auf NLA-Niveau Erfahrung sammeln liess (und dabei sportlichen Misserfolg in Kauf nahm), ihre Karrieren im kommenden Sommer in Nordamerika fortsetzen wollen, zog man die Notbremse und verpflichtete einen ausländischen Goalie. Nach dem Motto: «Wieso sollen wir diesen Spielern eine Plattform bieten, wenn wir am Ende doch nichts davon haben?»

Im Eishockey gibt es keine Transfersummen wie im Fussball

Die Position der Davoser stösst innerhalb der Liga durchaus auf Verständnis. Im Eishockey gibt es keine Transfersummen wie im Fussball. Wenn ein NHL-Team einen Spieler aus der Schweiz holt, dann hat der Ausbildungsklub finanziell nichts davon. Er kann nur darauf hoffen, dass der Spieler – sollte er sich in Nordamerika nicht durchsetzen können – wieder zu seinem Stammverein zurückkehrt – was aber letztlich eine reine Goodwill-Frage ist. Weil
diese Akteure, kraft ihrer Übersee-Erfahrungen, natürlich begehrte Transferobjekte sind und zahlreiche gut dotierte Angebote erhalten.

Noch sind wir hierzulande nicht so weit wie in Schweden, wo unter den Klubs inzwischen
ein Wettbewerb darüber entbrannt ist, wer die meisten NHL-Spieler ausbildet. Finanzielle Interessen und eigene Ansprüche rücken in den Hintergrund. Es geht nur noch um das Gesamtprodukt Eishockey.

Von dieser Haltung könnte man sich in der Schweiz eine Scheibe abschneiden. Die tolle WM hat gezeigt, dass dies der richtige Weg ist. Noch sind sich die NLA-Teams aber oft selbst am nächsten.

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