Eishockey
In den Reihen des SCB ist genug Geld, doch zu wenig Sachverstand

Der SC Bern entlässt Trainer Guy Boucher und Sportchef Sven Leuenberger. Doch diese Entlassung kommt ein Jahr zu spät. Schuld am Schlamassel in der Hauptstadt trägt Sportchef Marc Lüthi, dem es in seinem Job beim SCB nicht um den Sport geht.

Klaus Zaugg
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SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi ist ein Mann das Geldes, nicht des Sports. Sein Klub liegt aktuell auf dem neunten Tabellenrang.

SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi ist ein Mann das Geldes, nicht des Sports. Sein Klub liegt aktuell auf dem neunten Tabellenrang.

Keystone

Nun wissen wir, warum der SC Bern halt doch nicht das Bayern München des Eishockeys ist: Bier ist wichtiger als Sport und Marc Lüthi ist zu mächtig.

Der SC Bern ist kein Hockeyklub. Sondern ein Hockey-Konzern. Mit verschiedenen Tochterfirmen, mehr als 20 Gastronomiebetrieben, einer Sportabteilung und etwas mehr als 50 Millionen Franken Umsatz im Jahr. Nur noch rund die Hälfte davon wird mit dem Sport erwirtschaftet. Der Mann, der hinter dieser Firma steckt, heisst Marc Lüthi. 1998 geht der SCB in die Nachlassstundung. Marc Lüthi, damals bei einer Werbeagentur, verzichtet auf finanzielle Forderungen und bekommt dafür im Gegenzug den Job als SCB-Manager. Unter seiner Führung hat der SCB nie mehr rote Zahlen geschrieben und 2004, 2010 und 2013 den Titel geholt.

Wo bleibt der sportliche Sachverstand?

Inzwischen ist Marc Lüthi auch Mitbesitzer des Unternehmens. Seine Position ist dadurch unantastbar. Das wird nun zum Problem und erklärt die Wirren der Gegenwart. Beim SCB ist das Gleichgewicht zwischen Sport und Kommerz verloren gegangen. Marc Lüthi beschafft dem SCB genug Geld. Aber der sportliche Sachverstand ist verloren gegangen. Denn Marc Lüthi ist ein Mann des Geldes und nicht des Sports und führt trotzdem ein Sportunternehmen. Er hat auch bei der Anstellung und Entlassung der Trainer das letzte Wort. Und so ist der «Fall Guy Boucher» erst möglich geworden. Das absurdeste Trainer-Experiment der Neuzeit.

Marc Lüthi hat gestern Guy Boucher endlich entlassen. Ein Jahr zu spät. Der gescheiterte ehemalige NHL-Coach kam mit fixen NHL-Vorstellungen nach Bern und rückte keinen Millimeter davon ab. Er setzte eine Spielphilosophie durch, die auf den breiteren Eisfeldern und mit Schweizer Spielern nicht funktionieren kann.

Bereits wenige Wochen nach seiner Anstellung im Januar 2014 zeichnete sich sein Scheitern ab. Aber weil er aus der NHL kommt, immer so fein angezogen ist, den Vorgesetzten nach dem Munde redet, ist er im Amt geblieben. Wäre Guy Boucher Schweizer, hiesse er Guido Bucher, und würde er Mundart statt Englisch sprechen, so hätte ihn Marc Lüthi ausgelacht und nach ein paar Wochen gefeuert. Als Mann des Geldes ist Marc Lüthi nicht dazu in der Lage, sportliche Gaukler zu durchschauen.

Wurst und Bier statt Sport

Die Verantwortung für das kläglich gescheiterte Experiment Boucher trägt also Marc Lüthi. Da er als höchste Autorität immer recht hat, braucht es ein Bauernopfer. Sportchef Sven Leuenberger muss gehen und wird neu Geschäftsführer der Nachwuchsabteilung. Er bleibt in der SCB-Familie und kann bei Bedarf immer noch ein wenig die Fäden ziehen. Neuer Sportchef wird Alex Chatelain, bisher Nachwuchschef. Auch er gehört zur SCB-Familie.

Für Alex Chatelain ist dieser Job eigentlich eine Nummer zu gross. Aber der Job ist nicht mehr wichtig. Weil beim SCB der Sport nicht mehr wichtig ist: Die Schlüsselposition Sportchef wird deshalb von Marc Lüthi nun mit einem Opportunisten besetzt. Und er geht davon aus, dass der bisherige Assistent Lars Leuenberger – auch er gehört zur SCB-Familie – gut genug ist, um die Mannschaft bis Saisonende zu führen. Er hat sich nach der Entlassung von Antti Törmänen ja schon einmal als Nottrainer bewährt.

Eine Notlösung ist gut genug. Und das bedeutet: Der SCB hat die Saison sportlich bereits abgeschrieben. Es geht nur noch darum, den sportlichen Schaden bis Saisonende im Rahmen zu halten. Die Spiele müssen schliesslich noch abgehalten werden. Damit Bier und Wurst verkauft werden kann. Ein Bier ist ein Bier, eine Wurst ist eine Wurst, ob bei einem Spitzenspiel oder im Strichkampf, ist fürs Geschäftsergebnis egal.

Grosse Klubs brauchen grosse Trainer. Beim SCB genügt inzwischen ein kleiner Trainer. Weil der SCB kein grosser Klub mehr ist. Kein Bayern München des Eishockeys.

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