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Immer wieder dieselbe Frage: «Hast du schon einmal gedopt?»

Zur Zeit, als im Radsport ein Dopingskandal den nächsten jagte, war John Degenkolb ein hoffnungsvoller junger Fahrer in Deutschland. Er wurde stets gefragt: «Fährst du bei der Tour de France mit?» und «Hast du schon einmal gedopt?»

Simon Steiner
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John Degenkolb kämpft gegen die Vorurteile.

John Degenkolb kämpft gegen die Vorurteile.

Keystone

In jenem Land also, in dem die Fallhöhe zwischen dem totalen Tour-de-France-Hype der Ära Jan Ullrich und der völligen Verteufelung der ganzen Sportart im Zuge der Skandale so hoch war wie wohl nirgends sonst.

Die Öffentlichkeit stellte sich gegen den Radsport

Degenkolb bekam diesen Absturz in der öffentlichen Gunst in voller Härte zu spüren. Das grösste Hindernis, das sich dem aufstrebenden Sportler auf dem Weg an die Spitze entgegenstellte, waren nicht die Berge oder die Pflastersteine, sondern die Vorurteile, welche die Generation vor ihm verschuldet hatte. «Da ist man wie ein Fisch gegen den Strom geschwommen und hat versucht, dagegen anzukämpfen.»

Mit Erfolg: Inzwischen fährt Degenkolb bei der Tour de France, die in diesem Jahr erstmals seit 2011 wieder von der ARD übertragen wird. Der 26-Jährige hat einen grossen Anteil daran, dass in Deutschland das Interesse am Radsport wieder gestiegen ist. Zusammen mit Tour-Leader Tony Martin und den beiden Topsprintern André Greipel und Marcel Kittel gehört Degenkolb zu jener Generation von Profis, welche der Sportart zu neuem Kredit beim Publikum verholfen haben.

Und die erfolgreich sind: Spätestens seit seinen Siegen bei den grossen Klassikern Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix diesen Frühling gehört der Mann mit dem auffälligen Schnauz zu den Stars der Szene.

Die Gnade der späten Geburt

«Ich habe wahnsinnig Glück gehabt», sagt Degenkolb mit Blick auf seinen sportlichen Werdegang. «Ich weiss nicht, was passiert wäre, wenn ich fünf Jahre früher Profi geworden wäre. Ich habe genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, in dem der Radsport sauberer wurde und es möglich wurde, auch mit Talent und Ehrgeiz mitfahren zu können.»

So verlief die Entwicklung des Fahrers, der bereits als Junior zu den besten gehörte, ziemlich linear. «Ich konnte immer wieder Erfolge einfahren und hatte nie ein schlechtes Jahr. Deshalb habe ich auch nie die Lust und den Spass an der Sache verloren.»

Was seine Erfolge in diesem Frühling in der Heimat ausgelöst haben, merkt Degenkolb dann, wenn er zu Hause in Frankfurt unterwegs ist. Dann kommt es immer wieder mal vor, dass ihn Leute um ein Autogramm bitten oder mit ihm für ein Selfie posieren wollen. «Dann spüre ich schon, was das alles bewirkt hat. Es ist schön, zu sehen, dass die Menschen den Radsport wieder verfolgen und nicht mehr nur über Doping gesprochen wird.»

Dabei verschliesst sich Degenkolb der Dopingdiskussion nicht – im Gegenteil. «Es ist wichtig, dass weiterhin kritisch mit diesem Thema umgegangen wird», sagt der Profi, der in Thüringen geboren und in Bayern aufgewachsen ist. «Das ist der richtige Weg, um die Sensibilität dafür aufrechtzuerhalten. Ich bin mit dieser Diskussion aufgewachsen, und das hat mir geholfen, mein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln.»

Auch wenn der Spezialist für anspruchsvolle Sprintankünfte seit dem Klassiker-Frühling grosse öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht, hat sich sein Leben dadurch nicht komplett verändert. «Es ist wichtig, dass man im Erfolg den Bodenkontakt behält und der bleibt, der man ist», sagt Degenkolb, der seit Januar Vater eines Sohnes ist und bei Familie und Freunden zwischendurch immer wieder Abstand vom Radsport sucht. «Am Ende sind es genau diese Faktoren, die einen überhaupt dorthin gebracht haben.»

Die Lücke bei der Tour de France

Der Erfolgshunger ist bei Degenkolb nach den Triumphen im Frühling nicht gestillt. «Ich bin noch nicht am Ziel angelangt», sagt er. Ein Sieg im Rahmen der Tour de France beispielsweise fehlt ihm noch im Palmarès, nachdem Landsmann Tony Martin am Dienstag das Feld mit einem Angriff düpiert und Degenkolb als schnellstem Mann in der Spitzengruppe nur den zweiten Rang überliess.

Mit Etappensiegen in Frankreich würde er sicherlich dazu beitragen, die Zuschauerzahlen in Deutschland nochmals zu steigern. «Die Fachwelt stuft die grossen Klassiker zwar höher ein als einen Etappensieg. Aber für deutsches Publikum zählt nichts mehr als die Tour de France.»

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