Vergessen sind die Geschehnisse nicht. Im Gegenteil. Wer sich in Kitzbühel mit den schweren Stürzen aus dem Vorjahr beschäftigt, merkt schnell: Die Wunden sind noch lange nicht verheilt. Wer war schuld? Die Athleten? Die Veranstalter? Niemand?

Wer mit den Beteiligten spricht, spürt, wie emotional die Aufarbeitung ist. FIS-Renndirektor Markus Waldner, der vor einem Jahr die Entscheidung traf, das Rennen fortzuführen, sagt: «Es war ein schlimmer Tag für unseren Sport. Aber es war zum Zeitpunkt der Stürze fahrbar.»

Hannes Reichelt, der brutal stürzte, sagt: «Uns bei so schlechter Sicht herunterzuschicken, war unverantwortlich.» Peter Fill, der das Rennen gewinnen konnte, sagt: «Die Bedingungen waren sehr schwierig. Aber es waren Fahrfehler, die zu den Stürzen führten.» Aksel Lund Svindal, der schwer stürzte, sagt: «Die FIS wusste, dass es am Limit war.»

Aksel Lund Svindal liegt nach seinem schweren Sturz im Januar 2016 in Kitzbühel in den Fangnetzen.

Aksel Lund Svindal liegt nach seinem schweren Sturz im Januar 2016 in Kitzbühel in den Fangnetzen.

Reichelt ist zurück in Kitzbühel und wird starten. Der Österreicher hat sich von der erlittenen Knochenprellung im Knie erholt. Svindal hingegen spürt die Folgen noch immer.

Zwar gelang dem Norweger nach dem vor einem Jahr erlittenen Knorpelschaden mit Kreuzband- und Meniskus-Riss ein eindrückliches Comeback in dieser Saison. Doch ein Folgeschaden am Meniskus zwang ihn zu einer weiteren Operation, die das erneute Saisonende für den 34-Jährigen bedeutete.

Eigenverantwortung

Dies bestärkt Reichelt in seiner Kritik am letztjährigen Rennen: «Ausgegangen ist es so, dass ich der Glückliche bin, der jetzt wieder dasteht, und andere auch ein Jahr später noch nicht gesund sind. Das sagt alles.» Der 36-Jährige bleibt dabei: «Die schlechte Sicht und der schlechte Zustand der Piste waren Grund genug, das Rennen sofort abzubrechen.»

Svindal und Reichelt konnten beim Sprung über die Hausbergkante nicht sehen, wo sie landen. Die Folge: Beide wurden ausgehebelt und stürzten in die Netze. Der Kritik von Reichelt widerspricht Rennleiter Axel Naglich. Dem «Kurier» sagte er: «Nur weil kein blauer Himmel ist, heisst das noch lange nicht, dass es nicht fahrbar ist. Da sind dann schon auch die Fahrer gefordert, selbst einzuschätzen, wie weit sie noch gehen können.»

Ähnlich tönt es bei Markus Waldner, der wie Naglich überzeugt ist, das es zu verantworten war, das Rennen fortzuführen. «Der Athlet muss Eigenverantwortung übernehmen. Die Verhältnisse können sich verändern, und manchmal ist eine Siegfahrt nicht mehr möglich. So ist unser Sport. Doch Svindal und Reichelt wollten genau das – eine Siegfahrt.»

Gutes Wetter ist anders: Schlechte Sicht während der Abfahrt in Kitzbühel 2016.

Gutes Wetter ist anders: Schlechte Sicht während der Abfahrt in Kitzbühel 2016.

Sind also die Athleten selbst schuld, weil sie nicht akzeptieren konnten, dass für sie der Sieg nicht mehr dringelegen ist? Svindal sagt: «Natürlich ist jeder Athlet am Ende für sich selbst verantwortlich. Aber wir müssen auch der FIS vertrauen können.» Und Reichelt ergänzt: «Ich verstehe, dass man in Kitzbühel ein Rennen will. Aber nicht auf Kosten unserer Gesundheit. Auf Kosten unseres Sports.»

Neue Kurssetzung

Sind also doch die Veranstalter schuld an den Unfällen? Abschliessend lässt sich das wohl nie ganz beantworten. Beide Seiten haben plausible Argumente für ihre Sicht der Dinge. Konsens herrscht hingegen darin, dass sich die Ereignisse nicht wiederholen dürfen. Reichelt sagt: «Wichtig ist, dass wir aus den Fehlern lernen.»

Die FIS und die lokalen Rennveranstalter haben reagiert und Massnahmen getroffen. Bei der Anfahrt zur Hausbergkante wurde das Tempo durch eine neue Kurssetzung reduziert. Zudem ist es nur noch den Athleten und einem Trainer pro Nation erlaubt, die Passage bei der Besichtigung zu befahren.

Damit soll verhindert werden, dass sich die Piste durch viel Verkehr zu stark verändert. «Die Welle nach der Hausbergkante hat sich im vergangenen Jahr im Verlauf der Woche gebildet», erklärt Waldner. «Das versuchen wir mit dieser Massnahme zu verhindern.»

Auch auf die Kritik der schlechten Sicht haben die Organisatoren reagiert. Beim Hausberg wurde eine Flutlichtanlage installiert. «Es wurde viel getan», gesteht Reichelt. «Das war aber auch nötig.»

In den Trainings kam es trotzdem zu Unfällen. Nicht am Hausberg, dafür in den oberen Passagen, die so eisig sind wie schon lange nicht mehr. Waldner sagt: «Wir müssen eine Show bieten, sonst schaut niemand zu. Wir bewegen uns immer am Limit.»

Naglich ergänzt: «Wenn es zwanzig Jahre lang auf der Streif keinen aufstellt, würde niemand glauben, dass das die schwierigste Abfahrt der Welt ist.» Hoffentlich kommt es gut.