Schneeflocken begleiten den Bummel durch die Stadt. Es ist zwar erst Montagnachmittag, aber Roman und Marco Bürki fiebern in den Gassen von Bern bereits dem Spiel GC – YB entgegen. «Gehen wir ins Bistro ‹gutgelaunt›», schlägt GC-Torhüter Roman vor, «noch passt dieser Name ja auch für einen YB-Spieler.» YB-Verteidiger Marco gibt süffisant zurück: «Das sehen wir dann noch!»

Im Elternhaus in Münsingen, wo Marco noch wohnt und Roman einmal pro Woche zu Besuch ist, war das nahende Duell der beiden natürlich schon am vergangenen Sonntag ein Thema. Die Mutter gab den Sprösslingen auf den Weg: «Gebt einander Sorg.» Roman Bürki lacht, als er die Episode erzählt. «So sind Mütter eben. Aber sie braucht sich keine Sorgen zu machen: Wir werden uns selten begegnen, das Spiel findet ja hauptsächlich in der Hälfte von YB statt.» Marco gibt zu: «Ich bin froh, dass ich nicht Mittelstürmer und Romans direkter Gegenspieler bin.»

Aber was passiert, wenn Marco Bürki, etwa bei einem Freistoss oder Eckball, gegen seinen Bruder trotzdem ein Tor erzielt? «Dann drehe ich durch», ruft der 19-Jährige. Schon die Vorstellung an den Jubel lässt ihn fast durchdrehen. Roman dagegen sagt: «Ein Gegentor von meinem Bruder - das wäre das schlimmste. Da könnte ich mich in Bern wohl einen Monat nicht mehr blicken lassen.»
«Mein Gott, was habe ich gemacht?»

Seit anfangs 2011 Roman Bürki von YB an GC ausgeliehen

Er hat sich bei den Zürchern Schritt für Schritt entwickelt. Er war in der Hinrunde der beste Torhüter der Super League. Er hat dabei mit 660 Minuten ohne Gegentor einen neuen Rekord aufgestellt. Am 5. Februar nun hat er bei GC einen neuen Vertrag bis 2016 unterschrieben. Obwohl Bürki noch bei YB unter Vertrag stand, waren die Berner machtlos. Und müssen nun mit der Ablöse von 750'000 Franken Vorlieb nehmen.

Roman Bürki hat bei den Grasshoppers eine Wertschätzung erfahren, die ihn beeindruckt. Im letzten Sommer, während der Saisonvorbereitung in St. Anton, wurde er plötzlich ins Büro zitiert. Sportchef Dragan Rapic sass da. Trainer Uli Forte sass da. Torhüter-Trainer Christoph Born sass da. Captain Vero Salatic sass da. Und Bürki dachte: «Mein Gott, was habe ich nur angestellt? Oder ist etwas Schlimmes passiert?»

Im Gegenteil. Salatic eröffnete Bürki, dass der ganze Verein von seinen Fortschritten beeindruckt sei, dass Bürki Leaderqualitäten habe, dass er sich vor dem Team einbringen könne, wenn ihm etwas auffällt. Und er darum zum neuen Assistenz-Captain gewählt wurde. «Und das als Leihspieler! Nach einer Saison, in der ich wahrlich nicht immer gut spielte, wie die 66 Gegentore beweisen.» Bürki kann es heute noch kaum glauben.

«Ich wünschte mir, dass Roman und YB glücklich werden bei seinem Entscheid.» Roman ist es. YB kann es nicht sein. Die Personalie Bürki ist das jüngste Beispiel einer Personalpolitik, die irgendwo zwischen missglückt und miserabel anzusiedeln ist.

Das Bild des Bruders im Spind

Immerhin, bei den Bernern macht sich der nächste Bürki daran, die Super League zu erobern – der 19-jährige Linksverteidiger Marco. In seinem Spind in der Garderobe hängt ein Bild von seinem Bruder. Von den YB-Kollegen hat er in den letzten Tagen auch schon gehört: «Jetzt kannst du das Bild ja abhängen, Roman steht nicht mehr bei uns unter Vertrag.» Natürlich hängt Roman Bürki weiterhin. Und auf die Frage, ob Marco Wölfli oder Roman Bürki der bessere Torhüter ist, antwortet Marco: «Ich kann kein Urteil fällen, denn es könnte nicht unparteiisch sein.»

Am letzten Spieltag der vergangenen Saison gegen Basel kam Marco Bürki zu seinem ersten Einsatz in der Super League, wenngleich dieser nur eine Minute dauerte. In dieser Saison musste er sich bis zum 2. Dezember und zum Spiel gegen Sion gedulden, ehe er nach einer Roten Karte gegen Ojala in der 36. Minute eingewechselt wurde - und YB aus dem 0:1 noch ein 3:1 machte.

Nun, zu Beginn der Rückrunde, spielte er zum ersten Mal von Anfang an. Gegen Luzern (3:2, wieder in Unterzahl) spielte Marco Bürki unaufgeregt, diszipliniert und ohne Fehler. Der gelernte Innenverteidiger sagt: «Ich darf nicht denken, ich habe es jetzt schon geschafft. Nur wenn ich nicht nachlasse, habe ich die Chance, mir weitere Einsätze zu verdienen.»

Abseits des Rasens oft verbunden

Auf der Playstation zocken die beiden Brüder online gegeneinander. Mit Vorteilen für den jüngeren Bürki. Sagen beide.

Und auf dem Feld heute Abend? «Ich tippe auf ein 2:0 für GC», sagt Roman. «3:0 für YB», entgegnet Marco. Und löst bei Roman Gelächter aus. «Wer auch immer auf die Idee käme, auf ein 3:0 für YB zu wetten - er würde das Geld lieber einem Strassenmusiker in Zürich spenden.»