Auf mindestens 90 Prozent der Sportstars treffen diese Mechanismen zu. Aber nicht auf Roger Federer. Selbst wenn er keinen Einfluss nehmen und sich aus allem heraushalten möchte, so übt er inzwischen Macht aus. Er beeinflusst mit allem, was er sagt oder eben nicht sagt, was er tut oder unterlässt, Märkte und Menschen. Salopp gesagt: Taucht ein Foto auf, wie er irgendwo auf dieser Welt ein Starbucks Café frequentiert, so steigen die Aktien des Unternehmens.

#1 Roger Federer 

Oder nehmen wir einmal an, Federer ruft am Sonntagnachmittag so gegen 17 Uhr Roland Mägerle, den Sportchef unseres staatstragenden Fernsehens, an und sagt beiläufig: «Du Roli, ich hätte heute gerade Zeit, bei euch im ‹Sportpanorama› vorbeizuschauen.» Dann würde sofort das Programm umgestellt, der eingeladene Studiogast – und sei es Beat Feuz oder Simon Ammann – ausgeladen, um die Bühne für «König Roger» zu räumen. Oder er könnte eine Stunde vor der «Arena» den Sendeleiter anrufen und sagen, er hätte Lust, mal vorbeizuschauen – und er würde unverzüglich in die Sendung integriert, unabhängig davon, ob über das drohende Aussterben der Bienen oder über Frauenfragen debattiert wird.

Roger Federer posiert in Australien mit einem Surfbrett: Der Bekanntheitsgrad der Marke dürfte in die Höhe schnellen.

Roger Federer posiert in Australien mit einem Surfbrett: Der Bekanntheitsgrad der Marke dürfte in die Höhe schnellen.

Hand aufs Herz: Welcher Sportfunktionär oder welcher Sportler, ja welcher Bundesrat könnte Ähnliches bewirken? Richtig: keiner. Nur Roger Federer. Das ist wahre Macht. Es ist eben ein fundamentaler Unterschied zwischen institutioneller, theoretischer und wahrer Macht. Eigentlich müsste ja Jürg Stahl, der Präsident von Swiss Olympic, als oberster helvetischer Sportfunktionär die Nummer 1 dieser Liste sein. Aber er ist stolz, wenn er nur mal ein paar Minuten mit Roger Federer plaudern darf.

Roger Federers Macht ist nicht nur eine geborgte auf Zeit. Weil er inzwischen nicht mehr von Resultaten abhängig ist. Sein Charisma und sein Marktwert werden auch nach seinem Rücktritt jahrelang unverändert hoch bleiben.

Es waren nicht nur die Erfolge

Es sind ja nicht alleine die Erfolge, die ihn zu einer Sport-Ikone gemacht haben. Es ist die Kombination aus gutem Aussehen, mustergültigem Benehmen und Stil: Die Tennisgeschichte kennt keinen kompletteren Techniker. Und noch heute, in Zeiten des rauen Powertennis, wirkt sein Spiel feder(er)leicht, er spielt als einer der wenigen Superstars die Backhand nur mit einer Hand. Sein Spiel ist für die Ewigkeit – wie die Gemälde von Leonardo da Vinci.

Nie zuvor hat ein Schweizer Sportler einen ähnlichen Marktwert erreicht. Sein Einkommen pro Jahr wird auf über 65 Millionen Dollar geschätzt. Eine Turnier-Teilnahme bringt ihm rund 1,5 Millionen Dollar, unabhängig davon, wie er spielt.

Das offizielle Preisgeld kommt obendrauf. Seine Konkurrenten kommen auf einen tieferen Betrag im Streubereich von 400 000 bis 800 000 US-Dollar. Zum Vergleich: Das Weltklasse-Meeting in Zürich musste für Usain Bolt «nur» rund 300 000 Dollar ausgeben. Und Federers Manager hat auch schon ein Angebot eines Finanzinstitutes abgelehnt, für zwei Millionen vor betuchten Kunden einen Vortrag zu halten. Er könnte mit einer halben Stunde reden mehr verdienen als unsere ganze Ski-Nati in einem ganzen Winter.

Der Luxus der Unabhängigkeit

Sein Charisma könnte Federer auch politisch nutzen und ein Weltveränderer sein wie einst Muhammad Ali. Bis heute hat er seinen Einfluss «nur» tennispolitisch genutzt. Als Präsident des ATP-Spielerrats hatte er massgeblich Anteil an der Erhöhung der Preisgelder. Das Argument: Die Einnahmen der Veranstalter sind in den letzten Jahren enorm gestiegen – also reklamierten die Spieler einen grösseren Anteil. Inzwischen zahlen die Organisatoren des US Open 50 Millionen Dollar Preisgeld – bevor Roger Federer diese politische Bühne betrat, waren es etwa 30 Millionen gewesen.

Wer so mächtig ist, kann sich Unabhängigkeit leisten. Roger Federer ist nicht mehr bei einer der grossen, globalen Vermarktungsagenturen unter Vertrag. Vielmehr hat er dem IMG-Urgestein Tony Godsick (USA) beim Aufbau einer eigenen Firma geholfen und wird nicht mehr von einem namenlosen Konzern, sondern einer Boutique betreut. Die Partnerschaft Godsick-Federer ist mit knapp zwei Dezennien eine der längeren im Tennisgeschäft.
Wer im Sport das Nirwana der Unabhängigkeit von Verbänden, Firmen, Funktionären und Strukturen erreicht, ist wahrlich mächtig. Der Mächtigste der Schweiz, der Welt.

#2 Gianni Infantino

Gianni Infantino steht als Beispiel für institutionelle Macht. Wenn wir hinter ihm das Schild «Fifa-Präsident» abmontieren, dann schrumpft er zur Bedeutungslosigkeit. Roger Federer und sogar Christian Constantins Macht, Einfluss und Bedeutung hängen nicht an einem Amte. Die von Gianni Infantino hingegen schon. Und wer das Amt des Fifa-Präsidenten bekleidet, ist mächtig. Unabhängig davon, ob er charismatisch ist oder nicht.

FIFA-Präsident Gianni Infantino

FIFA-Präsident Gianni Infantino

Die eigentliche Leistung ist die Eroberung dieses Amtes. Der Fifa-Präsident ist ein König, in dessen Reich die Sonne nie untergeht. Er öffnet weltweit mehr Türen als alle unsere Bundesräte zusammen. Weil er der Zeremonie- und Kassenmeister eines globalen Sportspektakels (Fussball-WM) ist, kann er über alle Grenzen und Ethnien hinweg als Verschnitt zwischen Donald Trump und dem Dalai Lama viel für viele Kassen und zusätzlich noch etwas für das Gemüt und die Seele tun.

Gianni Infantino hat Kraft seines Amtes eine enorme Machtfülle. Er hat die Schlauheit, die es ihm möglich gemacht hat, das höchste Amt des Fussballs zu erobern, indem er so tat, als wolle er alles ändern und dann doch alles so belassen hat, wie es ist. Wenn er als begabter Machiavellist auch die Weisheit und die Demut hat, zu verstehen, wie abhängig er von denen ist, die ihm zur Macht verholfen haben, dann wird er lange den Weltfussball regieren.

#3 Christian Constantin

Christian Constantins Macht beruht weder auf seinem Amt als Präsident des FC Sion noch auf ausserordentlichen sportlichen Erfolgen mit diesem Fussballunternehmen. Eigentlich ist er «nur» ein Lokalfürst. Eigentlich. Aber er nimmt sich die Macht und Freiheit heraus, zu tun und zu lassen, was er will und hat sich so selber mächtig gemacht. Logisch, dass beim FC Sion niemand an ihm vorbeikommt.

Sion-Präsident Christian Constantin

Sion-Präsident Christian Constantin

Aber auch bei der olympischen Operetten-Kandidatur Sion 2026 mischt er mit. Mit seinen grandios inszenierten Eskapaden führt er alle am Nasenring durch die helvetische Sportarena – die ohnmächtigen Fussball-Bürogeneräle ebenso wie die Chronistinnen und Chronisten zwischen Genf und Romanshorn. Sein jüngstes Meisterstück: die Inszenierung von Krach und Versöhnung mit Rolf Fringer auf nationaler Bühne – eines der besten Theaterstücke unserer Sportgeschichte um Schuld und Sühne. Als sei es von Shakespeare.

Er wird nicht von den Medien getrieben. Er sitzt selber im Maschinenraum der grossen Medienmaschine, bedient sich der Ohnmächtigen und produziert wo und wann und mit wem er will den Rohstoff, den die grosse eidgenössische Medienindustrie braucht. Wie Hollywood. Das ist im Sport des 21. Jahrhunderts wahre Macht.