Fussball

Im Land des grossen Favoriten: Ana-Maria Crnogorcevic und ihr Leben als Spielerin in Amerika

Ana-Maria Crnogorcevic spielt für die Portland Thorns in den USA.

Die Thuner Nationalspielerin Ana-Maria Crnogorcevic spielt seit einem Jahr für die Portland Thorns - und somit im Land des grossen Favoriten auf den Weltmeistertitel an der diesjährigen Frauenfussball-WM. Crnogorcevic über Amerika, Ikone Megan Rapinoe und SMS in der Pause.

Wer Ana-Maria Crnogorcevic vor der WM nach einem Favoriten gefragt hätte, der oder die hätte zur Antwort gekriegt: «Frankreich.» Die Französinnen aber scheiterten im Viertelfinal mit 1:2 an den Amerikanerinnen, insbesondere an Megan Rapinoe, der Capitaine der US-Frauen, 33-jährig, violett eingefärbte Kurzhaarfrisur, eine Kriegerin.

Die Amerikanerinnen also treffen heute im Stade de Lumières in Lyon im Halbfinal auf England und Crnogorcevic sagt: «Es wird ein enges Spiel gegen England, aber die USA sind jetzt der grosse Favorit.» Auf die Titelverteidigung, muss man anmerken.

Die Thuner Nationalspielerin Crnogorcevic hat 2018 die Bundesliga verlassen und wechselte an die Westküste Amerikas zu den Portland Thorns, die vergangene Saison Platz 2 belegten und derzeit die Liga anführen. Die National Women’s Soccer League pausiert während der WM nicht, ähnlich wie man das zum Beispiel von der NHL während Eishockey-Weltmeisterschaften kennt. In Portland, Oregon, verfolgen 18 000 bis 20 000 Fans die Heimspiele.

«Sie riskiert alles für ihre Überzeugungen»

Das sind auch für amerikanische Verhältnisse viele, aber die Begeisterung für Frauenfussball ist generell höher als in Europa. Sobald es um die Landesauswahl geht, ist sie gewaltig.
«Es laufen unglaublich viele Leute im Trikot der Frauennati herum, selbst Basketball-Superstar Lebron James. Es ist das meistverkaufte Trikot. Die Länderspiele sind eigentlich immer ausverkauft und jetzt während der WM gibt es bei uns Public Viewings, jeder ist informiert, weiss, was wann wo läuft. Die Stars des Teams, Alex Morgan und Capitaine Megan Rapinoe sieht man praktisch jeden Tag im Fernsehen», sagt Crnogorcevic.

Das Model Morgan und die Ikone Rapinoe. Die Leaderin der Amerikanerinnen ist in den USA bekannt für ihre Direktheit. Sie kritisiert öffentlich den US-Präsidenten Donald Trump, klagt gegen den eigenen Fussballverband wegen Diskriminierung, steht offen zu ihrer Homosexualität.

«Sie ist eine sehr coole, super lustige Person», sagt Ana-Maria Crnogorcevic. Rapinoe hat ihre College-Zeit in Portland verbracht. Crnogorcevic: «Kurz bevor sie zur WM nach Frankreich reiste, sind wir zusammen essen gegangen. Ich finde grossartig, wie sie für ihre Meinung einsteht. Sie riskiert alles für ihre Überzeugungen, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt», sagt sie bewundernd. Zugleich ist Rapinoe eine Leaderin auf dem Platz, hat für die USA in der K.o.-Phase der WM sämtliche Tore geschossen. Es waren vier an der Zahl.

Rennen bis zum Umfallen

Die wohl grösste Stärke der Amerikanerinnen ist die Physis. «Ich hatte in meiner Karriere wohl noch nie Krämpfe. Aber seit ich hier bin, war ich drei, vier Mal nahe dran. Die Intensität ist wirklich sehr hoch. Ich habe meinen Körper neu kennengelernt», sagt Crnogorcevic. Zugleich würde sie einer jungen Spielerin raten, ihre ersten Schritte in Europa zu machen.

«Das taktische Niveau ist schon deutlich höher.» Ausserdem verdient man in den USA auch deutlich schlechter als in Europa. Crnogorcevic: «Eine Spielerin aus Lyon, würde niemals hierherkommen, sie bekäme nicht die Hälfte.»

In den USA sind die Löhne der Spielerinnen von der Liga vorgegeben. Ein Team darf nicht mehr als 350 000 Dollar pro Jahr an Löhnen zahlen. An ein ganzes Team. Minimallohn: knapp über 15 000 Dollar, maximal gibt es etwas über 45 000. Das grosse Geld winkt in der Werbung. Morgan soll so pro Jahr rund drei Millionen kassieren.

Und dann ist da noch diese Kombination aus Selbstvertrauen und Lockerheit des dreifachen Weltmeisters und vierfachen Olympiasiegers. «Hier kommt es schon vor, dass eine Spielerin in der Halbzeit noch kurz das Handy rausnimmt, jemandem eine Nachricht schickt, dann rausgeht und zwei Tore schiesst. Sobald es losgeht, sind alle voll da. Diesen Fokus bewundere ich», sagt Crnogorcevic. An den USA scheint kein Weg vorbeizuführen.

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