Rugby

Im Halbfinal der Rugby-WM will England die Welt auf den Kopf stellen

Englands Trainer Eddie Jones sagt: «Wir haben keinen Druck.»

Englands Trainer Eddie Jones sagt: «Wir haben keinen Druck.»

Am Samstag um 10 Uhr trifft England auf den seit zwölf Jahren unbesiegten Titelverteidiger Neuseeland.

Es ist die grösste Herausforderung, die es überhaupt gibt im Rugby: ein Sieg gegen Neuseeland an einer WM. Englands Trainer Eddie Jones will nicht weniger als das schaffen, was zuletzt Frankreich im WM-Viertelfinal von 2007 gelang. Seither haben die «All Blacks» jedes WM-Spiel gewonnen. Jones sagt deshalb auch: «Wir spielen gegen die beste Mannschaft der Sportgeschichte.» Englands australischer Trainer gilt nicht nur als exzellenter Taktiker, er weiss auch, wie er den Gegner mit Psychospielchen aus der Reserve lockt. «Hände hoch, wer glaubt, dass wir gewinnen!», forderte er die Journalisten an der Pressekonferenz auf. Tatsächlich streckte niemand die Hand in die Höhe.

Neuseelands Trainer Steve Hansen, der notabene mit Jones befreundet ist, liess sich zumindest gegen aussen nicht beunruhigen. «Klar ist da Druck. Es ist ein grosses Spiel», sagte er. Aber auch für England sei da welcher. «Dass sie nichts zu verlieren haben, stimmt nicht.» Schliesslich stünden vier Jahre harte Arbeit dahinter.

May, der schnellste Spieler der Welt

Vier Jahre ist es her, als Jones Englands Nationalteam am Tiefpunkt übernahm. An der Heim-WM war die Mannschaft bereits in der Gruppenphase gescheitert. «Ich hätte den Job nicht angenommen, wenn ich nicht das Potenzial gesehen hätte, einst das beste Team der Welt zu sein», sagt Jones heute. Dem 59-Jährigen ist es gelungen, eine Weltklasse-Equipe zu formen. Da ist vor allem Jonny May, der schnellste Flügelspieler der Welt. Er hat in diesem Jahr bereits zehn Versuche in Länderspielen gelegt. Das sind weltweit die meisten in diesem Jahr. «Er ist enorm wichtig für uns», sagt Jones. Er habe in seinen 26 Jahren noch nie einen professionelleren Spieler getroffen. England wird demnach versuchen, seine stärkste Waffe möglichst wirkungsvoll in Szene zu setzen. Auch deshalb setzt der Trainer im Gegensatz zum Viertelfinal in der Startaufstellung auf den formstarken Regisseur George Ford. Mit seiner Spielübersicht und seinen punktgenauen Kicks hinter die Verteidigung soll er Neuseeland aushebeln.

Zwei Tackling-Maschinen in der Defensive

Will England eine Siegchance aufrechterhalten, muss vor allem die Leistung in der Verteidigung den höchsten Ansprüchen genügen. Mit welcher Präzision die «All Blacks» im Viertelfinal die defensivstarken Iren demontierten, war eindrucksvoll. Mit Sam Underhill und Tom Curry schickt Jones jedoch zwei Tackling-Maschinen ins Rennen, die derzeit kaum zu überwinden sind. Denn eines ist sicher: Bringt Neuseeland den Ball einmal ins Zirkulieren, ist es kaum mehr aufzuhalten.

Neuseelands Trainer Hansen attestiert den Engländern eine positive Entwicklung. «Respekt, was Jones in den vergangenen vier Jahren aufgebaut hat.» Ob das reicht um die «All Blacks» zu ärgern? Jones sieht es so: «Wir haben die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben. Das ganze Team freut sich auf diese Herausforderung.» Zweieinhalb Jahre habe sich seine Equipe auf genau dieses Spiel vorbereitet. Nun ist der Tag X gekommen.

Wales träumt vom Final

Im zweiten WM-Halbfinal spielt Südafrika am Sonntag um 10 Uhr gegen Wales. Das Selbstvertrauen der Waliser war vor der WM in Japan riesig. «Ich denke, diese Mannschaft ist stark genug, um dieses Turnier zu gewinnen», sagte Trainer Warren Gatland. Im Sommer hatte Wales dank der hervorragenden Resultate in den vergangenen Jahren erstmals Platz eins in der Weltrangliste erobert. Bemerkenswert für ein Land mit gut drei Millionen Einwohnern. Den Viertelfinal gegen Frankreich überstand das deutlich favorisierte Wales nur mit viel Glück. Gegen das physisch enorm starke Südafrika genügt eine solche Leistung mit Sicherheit nicht mehr. Positiv für die Waliser: Es gibt noch Luft nach oben. Mit einer verbesserten Form soll morgen der erste Finaleinzug der Geschichte gelingen.

Derweil appelliert Südafrikas Trainer Rassie Erasmus vor dem Halbfinal an die Ehre seiner Spieler. «Das Land braucht gute Neuigkeiten.» In wirtschaftlich und politischen Zeiten seien es auch die «Springboks», die den Leuten Hoffnung gäben.

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