Fussball
Im Geheimdienst des runden Leders - Alex Gebhart ist der James Bond des Fussballs

Kann sein, dass Alex Gebhart in Buenos Aires zehn Tage lang verdeckt einen Spieler ausspioniert. Warum? Um seine Mandanten vor einem Millionen-Verlust zu bewahren.

François Schmid-Bechtel
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Der James Bond des Fussballs: Alex Gebhart.

Der James Bond des Fussballs: Alex Gebhart.

Sandra Ardizzone

Ein Nervenbündel ist Alex Gebhart definitiv nicht. Seine Augen röntgen nicht. Auch spricht kein Misstrauen aus seinem Blick. Weder ist er auf der Jagd noch auf der Flucht. Eigentlich ist Alex Gebhart ein unspektakulärer 60-jähriger Mann mit schmalen Lippen und grauen Schläfen. Einzig sein Job widerspricht dem gemütlichen Eindruck, den man im ersten Moment von ihm gewinnt. Gebhart ist ein Spion im Dienst der reichsten und mächtigsten Fussballklubs dieser Welt. Oder Background-Scout. Verdeckt leuchtet er die dunklen Ecken eines Spielers aus, bevor dieser zu Verhandlungen nach London, Paris, Barcelona, Madrid oder Manchester eingeladen wird.

Angefangen hat alles mit Adrian Mutu, diesem hochbegabten rumänischen Stürmer. 2003 wechselte dieser von Parma in die englische Premier League zum neureichen FC Chelsea. Kurz darauf wurde bei Mutu in einer Dopingprobe Kokain nachgewiesen. «Dabei sprechen wir von einer Dosis, die nicht nur auf Gelegenheits-Konsum schliessen lässt», sagt Gebhart. Mutu wurde gesperrt. Roman Abramowitsch sah die 22-Millionen-Investition den Bach runter fliessen. Aber noch mehr als den finanziellen Verlust nervte den russischen Besitzer des FC Chelsea die weltweite Häme.

Nicht nur Chelsea, sondern die ganze Premier League wurde aufgeschreckt. Ein Fall wie Mutu sollte im Land des Fairplay keine Wiederholung finden. Und so kam Alex Gebhart ins Spiel. «Mit meinem Scouting-System, das ich schon Jahre zuvor entwickelt habe, zu jener Zeit aber immer noch visionär war.»

Diskret und mit Köpfchen

Gebhart war selbst Fussballer. Ein «eisenharter Vorstopper», dem es bei YB nur an die Schwelle zur ersten Mannschaft gereicht hat. Gebhart liess sich zum Sportlehrer und Fussballtrainer ausbilden. War lange Jahre Trainer der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft und zwischen 1989 und 1991 bei YB in einer Führungsfunktion. Zu jener Zeit lernte er den Berner Anwalt Andy Gross kennen, der später unter anderen Jürgen Klinsmann und Alex Frei managte.

Über den Kanal Gross wiederum machte Gebhart Bekanntschaft mit Trainergrössen wie Arsène Wenger, Leo Beenhakker und Bobby Robson. Schliesslich erhielt er von diesen Anfang der 90er die ersten Scouting-Aufträge. «Davon hat nie jemand etwas erfahren. Nicht mal die Klubs, bei denen Robson und Wenger gearbeitet haben.» Weil Gebhart nicht nur diskret, sondern auch gut gearbeitet hat, hielt der Lift erst in der VIP-Zone des Weltfussballs. Und ab 2003 war er so richtig dick im Geschäft.

Warum? Weil er sich beim Scouting nicht bloss darauf beschränkte, ob Spieler X einen guten linken Fuss hat, schnell und ein guter Kopfballspieler ist. «Mit einem 08/15-Scouting-System ist man nur bedingt entwicklungsfähig», sagt Gebhart. «Weil Spieler X zwar fussballerisch alles mitbringt, um den interessierten Klub zu verstärken. Doch menschlich passt er nicht ins Team. Und dann passiert, woran keine der involvierten Parteien ein Interesse hat.

Spieler X kann sein Potenzial nicht ausschöpfen und verliert deshalb an Wert.» Deshalb nimmt Gebhart schon Jahre vor dem Fall Mutu Charaktereigenschaften, familiäre Verhältnisse und Lebensgewohnheiten der Spieler unter die Lupe. So findet man auf Gebharts Scouting-Katalog Rubriken wie Freizeitgestaltung, dubiose Figuren im Umfeld, Sozialkompetenz, Arbeitsethik, Verhalten bei Schiedsrichterentscheiden.

Der Vielflieger unter den Scouts

250 000 Flugkilometer legt Gebhart jährlich zurück. Dabei kann er fast überall auf der Welt auf seine lokalen Helfer zählen, die Türen zu Trainingsgelände öffnen und den Schweizer mit Informationen versorgen. Gebhart reist zwar immer unter seinem Namen, doch von seiner Gegenwart erfahren nur der Auftraggeber und seine Helfer. «Entscheidend für meine Arbeit ist es, dass ich unerkannt bleibe.»

So harrt er jeweils bis zu zehn Tage in Buenos Aires aus, ehe er mit seinem Resultat zufrieden ist. Und diesem Resultat ist zu entnehmen, ob der Spieler beispielsweise ein aussereheliches Techtelmechtel hat, zockt, Spielschulden hat oder auch Drogen konsumiert. Wobei Gebhart viele investigative Mittel recht sind. Ausser Telefongespräche abhören, «was ein absolutes No-Go ist», wie er betont.

Verhindern Sie schon mal einen Transfer, wenn Sie einen Fussballer als Zocker entlarven oder beobachten, wie ein Fussballer morgens um drei mit seiner Geliebten aus einer Disco torkelt? «Natürlich fliessen solche Beobachtungen in meinen Bericht. Über einen Transfer entscheiden letztlich andere. Aber kein Mensch ist perfekt. Das ist den Bossen der grossen europäischen Fussballklubs sehr wohl bewusst.

Bei meinen Recherchen geht es darum, die menschlichen Schwachstellen des Spielers aufzudecken, damit man ihn richtig betreuen kann – auf dem Rasen und daneben. Deshalb muss eine Spielleidenschaft oder aussereheliche Beziehung kein Hindernis für einen Millionen-Transfer bedeuten.» Können Sie einem Auftraggeber garantieren, ihn vor einem zweiten Fall Mutu zu bewahren? «Zu 95 Prozent.»

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