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Im Fall Wellington tragen nur Klubverantwortliche eine Schuld

Das Bezirksgericht Bremgarten spricht Spieler Wellington sowie Berater Hertrampf frei und reduziert die Strafe für die ehemaligen FC-Wohlen-Verantwortlichen Wyder und Bächer.

Rainer Sommerhalder
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Alle vier Angeklagten im Fall Wellington plädierten vor Gericht auf nichts gesagt, nichts gehört, nichts gesehen.

Alle vier Angeklagten im Fall Wellington plädierten vor Gericht auf nichts gesagt, nichts gehört, nichts gesehen.

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Urkundenfälschung war es nach Ansicht von Gerichtspräsident Lukas Trost definitiv nicht, was sich die vier Beteiligten am Transfer des brasilianischen Spielers Wellington zum FC Wohlen im letzten Jahr geleistet hatten. Neben dem gültigen Arbeitsvertrag mit einer Lohnsumme von 3000 Franken brutto pro Monat unterschrieben Verwaltungsrat Andi Wyder, Geschäftsführer Urs Bächer, SportsCore-Vertreter Reiner Hertrampf und Spieler Wellington am 23. Juni 2013 einen zweiten Kontrakt mit einer Lohnsumme von 3800 Franken zuhanden des Migrationsamtes des Kantons Aargau. Es ist der monatliche Minimalbetrag, der für eine Arbeitsbewilligung von ausländischen Spielern in der Challenge League notwendig ist.

Korrigendum

Urs Bächer hat die Spielerverträge nicht unterschrieben

Der Anwalt von Urs Bächer hält fest, dass aufseiten der FC Wohlen AG nicht wie im Text vermittelt, Andi Wyder sowie Urs Bächer die beiden unterschiedlichen Verträge mit dem Spieler Wellington unterschrieben hätten. Urs Bächer hat keinen der Veträge unterzeichnet, da er als Geschäftsführer der FCW AG gar nicht unterschriftsberechtigt war. Vom Bezirksgericht Bremgarten dennoch als mitschuldig taxiert wurde Bächer, weil er die beiden Verträge ausgearbeitet hatte und bei der Vertragsunterzeichnung am 23. Juni 2013 anwesend war.

Urteil gegen Wyder und Bächer

Für dieses Vorgehen verurteilte das Bezirksgericht Wyder und Bächer wegen Widerhandlung gegen das Ausländergesetz durch Täuschung der Behörden. Wyder erhielt eine Busse von 1000 Franken sowie eine bedingt ausgesprochene Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 150 Franken, Bächer muss 900 Franken bezahlen und bekam 30 Tagessätze à 130 Franken aufgebrummt. Damit wird der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft vom 18. November 2013 reduziert und die Anschuldigung der Urkundenfälschung fallen gelassen. Die Verurteilten haben nun 10 Tage Zeit, um das Urteil anzufechten. Die Anwälte hatten auf «unschuldig» plädiert.

Einen solchen Freispruch von beiden Delikten gab es für Wellington und für Hertrampf, dessen Rolle auch Gerichtspräsident Trost als «lediglich der Chauffeur» für die Spielervermittlungs-Agentur SportCore sah.

Auch René Meier vor Gericht

Selbst wenn das Urteil von keiner Partei angefochten wird, ist der Fall Wellington juristisch noch nicht abgeschlossen. Im von Spieler-Anwalt Käch angestrengten Strafprozess gegen Wohlens langjährigen Verwaltungsratspräsidenten René Meier wegen übler Nachrede und Verleumdung entschied der Staatsanwalt auf eine Anklage ebenfalls vor Bezirksgericht Bremgarten.

Keine grosse kriminelle Energie

Gerichtspräsident Trost begründete sein differenziertes Urteil detailiert und nachvollziehbar. Der festgesetzte Lohn im Arbeitsvertrag zwischen Arbeitgeber und Spieler sei auch relevant etwa bei finanziellen Abgeltungen wegen Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Invalidität. Im Fall des FC Wohlen habe dieser Lohn 3000 Franken betragen und sei gemäss Festlegung der branchenüblichen Löhne durch die Migrationsbehörden, welche Schweizer Arbeitnehmer davor schützen soll, dass Ausländer ihnen die Arbeitsstelle dank Dumpinglöhnen wegnehmen, um 800 Franken zu niedrig gewesen.

Weil vor Gesetz der FC Wohlen und nur der FC Wohlen als Arbeitgeber von Wellington gelte, sei die vor Gericht viel zitierte mündliche Abmachung des Klubs mit der Firma SportsCore, dass diese Wellington zusätzlich zu den 3000 Franken weitere 1000 Franken monatlich überweise, nicht relevant, weil es dafür keine schriftlichen Vereinbarung als Bestandteil des Arbeitsvertrages gibt. "So hat die mündliche Abmachung mit der Firma SportsCore mit dem Arbeitsverhältnis zwischen Klub und Spieler nichts zu tun. In der Pflicht ist einzig der Arbeitgeber", sagte der Gerichtspräsident.

Trost hatte bereits bei der Befragung der Angeklagten die Arbeitsweise des FCW bei der Ausarbeitung dieses Vertrages als "schludrig" bezeichnet. In der Urteilsbegründung warf er Wyder und Bächer ein Täuschungsmanöver vor. Sie seien nicht ehrlich gewesen, "auch wenn das Ansinnen des FC Wohlen nicht von grosser krimineller Energie getrieben gewesen ist. Aber es wäre möglich gewesen, eine Lösung zu finden, die juristisch in Ordnung ist." Am Schluss wurde Trost nochmals deutlich: "Es gibt keinen Arbeitsvertrag für 3800 Franken. Das ist eine blanke Lüge. Dafür haben Sie eine Strafe verdient." Von der Formulierung Wyders, der gegenüber Medien und Justiz konsequent von einem formellen Fehler sprach, wollte der Gerichtspräsident nichts wissen.

Kritik auch an Hertrampf

Verhandlungspartner des FC Wohlen bei der Anstellung von Wellington war Davide Persico, Geschäfsführer der in Liechtenstein ansässigen Spielerberatungsfirma SportsCore. Dort war der Brasilianer Wellington von 2011 bis 2013 unter Vertrag. Doch ausgerechnet an jenem verhängnisvollen Sonntag war nicht Persico im Freiamt anwesend, sondern der Deutsche Reiner Hertrampf, dessen Auftrag es war, Wellington als Betreuer zur Seite zu stehen.

Obwohl Hertrampf gar nicht unterschriftsberechtigt war und es auch keine Notwendigkeit für eine Unterschrift der Firma SportsCore auf dem Spielervertrag gab, unterschrieb der "Chauffeur" alle vier ausgestellten Vertragsexemplare – ohne den Inhalt genau zu kennen, wie er vor Gericht aussagte. Wie jemand, der beruflich als Treuhänder und Finanzberater arbeite, ein solches leichtfertiges Vorgehen begründe, wollte Gerichtspräsident Trost vom Deutschen wissen. Dessen Antwort blieb ebenso blass wie er es auch als Figur im Wellington-Schachspiel war: "Ich habe mir nichts dabei gedacht", sagte der Deutsche. Er sei gar kein Spielvermittler und habe vom Vertrag auch keinen persönlichen Nutzen gehabt.

Keine Strafe gegen Wellington

Knapp sei der Entscheid, ob schuldig oder unschuldig, beim Spieler Wellington gewesen, gab Gerichtspräsident Trost zu. Aber letztlich sei dem Brasilianer nicht nachzuweisen, dass er mitbekommen habe, worum es beim doppelten Vertrag gegangen sei. "Ich müsste es belegen können, dass Wellington hätte wissen müssen, welche Voraussetzungen es für eine Bewilligung brauchte". Doch letztlich sei es vor allem ein Problem des FC Wohlen, wie man zu einer gültigen Arbeitsbewilligung kommt.