EM 2016

Im Erfolgsfall: Die Schweiz entkommt den dicken Brocken in der K.-o.-Phase

Schöne Aussichten für Granit Xhaka und die Schweiz: Die Schwergewichte sind auf der anderen Tableau-Hälfte.

Schöne Aussichten für Granit Xhaka und die Schweiz: Die Schwergewichte sind auf der anderen Tableau-Hälfte.

Auf den ersten Blick steht der Schweiz kein dicker Brocken im Weg in den Final. Ein Blick voraus, welche Gegner warten könnten, sofern das Schweizer Sommermärchen geschrieben würde.

Die Fussball-EM nimmt Formen an. Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich und England tauchen alle in der gleichen Tableauhälfte auf. Das heisst. Nur eines dieser fünf Schwergewichte wird es in den Final schaffen. Aus dem Duo Spanien/Italien wird sich ein Team bereits im Achtelfinal verabschieden müssen. Der Gewinner des Mittelmeer-Derbys trifft im Viertelfinal voraussichtlich auf Deutschland – K.-o.-Wettbewerb in Reinkultur.

Das Glück der Schweiz: Sie ist auf der Schokoladenseite. Also jener Tableauhälfte, in der die Favoriten auf den Titelgewinn fehlen. Welch verlockende Aussichten! Im Achtelfinal gegen Polen. Im Viertelfinal wahrscheinlich gegen Kroatien oder Portugal. Und selbst im Halbfinal würde ein Team aus der zweiten Garde warten. Vermutlich Wales oder Belgien. Und schon steht die Schweiz am 10. Juli in Paris Saint-Denis im Final.

Nur, der Parcours auf der Schokoladenseite birgt seine Tücken.

Polen: Das ist in erster Linie Robert Lewandowski. Einen Stürmer von seiner Klasse hat die Schweiz nicht. Aber die Polen nur auf den Bayern-Star zu reduzieren, wäre komplett falsch. Denn selbst Polens Nummer zwei im Angriff, der erst 22-jährige Arkadiusz Milik, ist von gehobener Klasse. Davon zeugen allein schon die 21 Treffer, die er in der abgelaufenen Saison für Ajax Amsterdam erzielte.

Trotz Superstar Robert Lewandowski ist Polen bei Weitem keine One-Man-Show.

Trotz Superstar Robert Lewandowski ist Polen bei Weitem keine One-Man-Show.

Weiter verfügen die Osteuropäer mit Piszczek und Blaszczykowski über eine starke rechte Seite mit Verve und Erfahrung. Der wichtigste Spieler der Polen, der unbestrittene Taktgeber im Mittelfeld, ist der 26-jährige Grzegorz Krychowiak von Europa-League-Sieger Sevilla. Ein Name vielleicht, der in der Schweiz nicht für Ehrfurcht sorgt. Doch in Spanien heisst es: «Sevilla, das ist Krychowiak und zehn andere Spieler.» Vielleicht ist auch die Aura des FC Sevilla hierzulande eher bescheiden, weil der spanische Fussball auf den FC Barcelona, Real und Atletico Madrid reduziert wird. Nur: Sevilla hat zuletzt dreimal in Folge die Europa League gewonnen.

Von 5 auf 30 Millionen

Die Entwicklung Krychowiaks war nicht absehbar. Mit 16 wechselte er in die Akademie von Girondins Bordeaux. Doch durchsetzen konnte er sich nie, obwohl er bereits 2008 im polnischen Nationalteam debütierte. Statt die Rückkehr in die Heimat zu forcieren, biss sich Krychowiak in der Provinz durch. Erst in der 3. Liga bei Stade Reims, danach in der 2. Liga bei Nantes. Sein Debüt in der höchsten französischen Spielklasse gab er erst mit fast 22 Jahren.
Ramon Rodriguez Verdejo muss ein grosser Fachmann sein. Als es darum ging, den früheren Basler Ivan Rakitic, der zu Barcelona wechselte, zu ersetzen, verpflichtete der Sportdirektor des FC Sevilla für fünf Millionen Euro einen bis dato eher unscheinbaren Polen. Heute, zwei Jahre später, wird Krychowiaks Marktwert auf 30 Millionen geschätzt. Und in einer Umfrage der Sportzeitung «Marca» wurde er kürzlich in Sevillas Mannschaft des Jahrzehnts gewählt – noch vor dem grossen Rakitic.

Trotzdem: Polen ist keine Übermacht. Ein Sieg der Schweiz nicht realitätsfremd. Im Viertelfinal käme wahrscheinlich Kroatien an die Reihe. Nochmals ein anderes Kaliber als die Polen. Aber auch nicht das ultimative Schreckgespenst. Doch Vicente Del Bosque, der spanische Trainer, adelte die Kroaten schon vor der Begegnung mit seiner Mannschaft: «Kroatien ist eines der besten Teams dieser EM.» Prompt bekam der «Mister» recht. Selbst ohne ihren Superstar Luca Modric besiegt Kroatien den Titelverteidiger.

Ivan Raktic ist in Barcelona zu einem der weltbesten Mittelfeldspieler heran gereift. Der Ex-Basler bildet mit Modric das Rückgrat des starken Kroatischen Kollektivs, das neu zum Geheimfavoriten aufgestiegen ist.

Ivan Raktic ist in Barcelona zu einem der weltbesten Mittelfeldspieler heran gereift. Der Ex-Basler bildet mit Modric das Rückgrat des starken Kroatischen Kollektivs, das neu zum Geheimfavoriten aufgestiegen ist.

In der Klischee-Falle

Galt vor dem Turnier noch Belgien als aussichtsreichster Finalkandidat unter den «Kleinen», ist nun Kroatien in diese Rolle geschlüpft. Allein die Besetzung der Kommandobrücke hat mit Modric und Rakitic absolutes Weltklasse-Format. Aber auch sonst bringt Kroatien fast alles mit, was es für den grossen Coup braucht: einen starken Torhüter (Subasic), lauf- und spielstarke Aussenspieler (Srna, Perisic, Pjaca), einen kaltblütigen Stürmer (Kalinic) und unbeschwerte Talente (Rog, Jedvaj, Kovacic). Wer bei den Kroaten nach einer Schwachstelle sucht, findet diese vielleicht in der Abwehr. Oder in der Emotionalität der Spieler. Sinnbildlich dafür Ivan Perisic. Er tappt dabei voll in die Klischee-Falle. Insbesondere in der Szene nach dem Siegtreffer gegen Spanien, als er das Trikot auszieht und dafür verwarnt wird. Kassiert Perisic im Achtelfinal nochmals eine gelbe Karte, ist er im Viertelfinal (gegen die Schweiz?) gesperrt. Aber was kümmert uns das Morgen, wenn wir im Moment leben? So viel zum Klischee, wie der Balkaner tickt.

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Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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