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Im Einsatz für das Reich des Bösen – Markus Cramer und seine russischen Langläufer

Trainer Markus Cramer (links) mit seinem Aushängeschild Sergej Ustjugow.

Der Deutsche Markus Cramer trainiert russische Langläufer, die trotz Doping-Skandal weiter auftrumpfen. Der ehemalige Chef von Dario Cologna sieht in Russlands Sport alles andere als ein Reich des Bösen.

Nur Tage vor Weihnachten hielten russische Behörden die internationale Sportgemeinschaft in Sachen Doping einmal mehr zum Narren. Anstatt wie versprochen der Welt-Antidoping-Agentur Wada die brisanten Daten des Moskauer Labors auszuhändigen, liess man deren Delegation mit lächerlichen Argumenten ins Leere laufen. Nach wie vor fehlen der Wada damit zentrale Beweise für russische Doping-Sünden.

Unter den mehreren hundert Athleten aus Russland, die aufgrund der sogenannten Lims-Datenbank als Betrüger entlarvt werden sollen, befinden sich auch Langläufer. Drei der genannten Namen haben etwas gemeinsam: Alexander Legkow, Sergej Ustjugow und Jewgeni Below werden oder wurden vom deutschen Trainer Markus Cramer betreut.

Wie ein Bombeneinschlag

Der 56-Jährige hat zuvor auch Spuren in der Schweiz hinterlassen, unter anderem als Chef von Dario Cologna. Zu seinen verdächtigten und zeitweise gesperrten russischen Athleten sagt Cramer: «Ich bin zu tausend Prozent überzeugt, dass sie nicht gedopt haben.» Ist der Mann nun erschreckend unwissend, grenzenlos naiv oder will er ganz einfach schamlos charmant sein?

Als Markus Cramer im Sommer 2015 seinen Job in Russland antrat, befanden sich die Langläufer des Zarenreichs scheinbar auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Mit Legkow, Maxim Wylegschanin und Ilja Tschernoussow feierten sie Monate zuvor in Sotschi einen olympischen Dreifach-Triumph über 50 km. Im Herbst 2016 erreichte der Doping-Skandal den russischen Langlauf frontal. «Es war wie ein Bombeneinschlag», sagt Cramer. Sein Schützling Legkow mittendrin.

Keine Begründung erhalten

Ein Jahr später gerieten auch Ustjugow und Below in den Dopingstrudel. Die Expertenkommission des IOC lud sie von den Olympischen Spielen in Südkorea aus. «All das war auch für mich hammerhart. Wenn man gestandene Männer weinen sieht und sie dir hoch und heilig versichern, nichts gemacht zu haben, dann geht das nahe», sagt Cramer. Und er ärgert sich darüber, dass Ustjugow «bis heute keine Begründung erhalten hat, wieso er in Pyeongchang nicht starten durfte. Man hat ihm damit den sportlichen Traum eines jeden Athleten gestohlen.»

Die Hauptdarsteller des Fünfzigers von Sotschi sind allesamt nicht mehr im Weltcup tätig. Obwohl der Dopingskandal plakativ ausgedrückt eine ganze Generation von Athleten weggespült hat, treten die russischen Männer derzeit in der Loipe erneut dominant auf.

Ein unerschöpfliches Reservoir

Mit Ustjugow, der im Gegensatz zu Olympia im Weltcup nie gesperrt war, Alexander Bolschunow, Denis Spitsow und zuletzt Davos-Sieger Below hat sich eine neue Generation als Herausforderer der norwegischen Skikönige etabliert. Und hinter diesen Spitzenathleten drängen Dutzende weiterer Läufer nach vorne. «Man muss sich nur die Ranglisten der FIS-Rennen anschauen, wo auf den ersten sechs Positionen häufig fünf Russen auftauchen», sagt der Schweizer Langlauf-Chef Hippolyt Kempf.

Auch Cramer staunt über das scheinbar unerschöpfliche Reservoir im riesigen Land. An nationalen Wettkämpfen messen sich rund 200 Athleten auf Topniveau. Dabei tauchen immer wieder neue Gesichter aus den verschiedenen Regionalverbänden auf. Was fehlt, ist eine zentral gesteuerte Talentförderung. So ist selbst einer wie Bolschunow, der vierfache Medaillengewinner der Winterspiele von Pyeongchang, nicht durch gezielte Massnahmen, sondern mehr oder weniger zufällig an die Weltspitze vorgerückt.

Kein schlechtes Resultat erlaubt

Unter den verschiedenen Regionalverbänden herrscht ein gnadenloser Wettbewerb. Die Konkurrenzsituation findet auf Stufe Weltcup ihre Fortsetzung. Cramer betreut je sechs Männer und Frauen. Neben ihm sind zwei weitere Weltcuptrainer mit ihren jeweiligen Sechserteams unterwegs. Training und Saisonvorbereitung geschehen weitgehend getrennt und unabhängig voneinander.

Weil es pro Weltcuprennen insgesamt nur sechs Startplätze für die russischen Läufer gibt, kann sich ein Athlet praktisch kein schlechtes Resultat leisten. Cramer nennt das Beispiel von Davos-Sieger Below. Dieser war aufgrund seiner letztjährigen Dopingsperre nicht gesetzt und hatte genau eine Gelegenheit, sich zu präsentieren. «Wäre er nicht unter die ersten zehn gelaufen, dann hätte er vielleicht den ganzen Winter keine Chance mehr erhalten.»

Schweizer Werte in Russland

Wenn Cramers Truppe vor der Saison Leistungstests absolviert, dann basieren diese auf den gleichen Parametern wie jene der Schweizer. Schliesslich hat der Deutsche während seines zweiten Abstechers zu Swiss Ski – von 1995 bis 2002 betreute er in seinem allerersten Auslandseinsatz bereits die Schweizer Frauen – als Cheftrainer zwischen 2007 und 2010 die heute noch gebräuchliche Leistungsdiagnostik in Magglingen eingeführt.

Den Job in Russland bewältigt Cramer von Deutschland aus. Er wohnt mit seiner Familie nach wie vor in seinem Geburtsort Winterberg. Die russischen Athleten werden jeweils für zwei- oder dreiwöchige Trainingsaufenthalte aufgeboten, dazwischen halten sie sich während einer Woche individuell zuhause fit. Cramers Gruppe trainiert meistens in Westeuropa, in der Vorbereitung auf diese Saison etwa auf Mallorca, in Deutschland, Norwegen und in der Schweiz.

«Da wird nichts mehr kommen»

Gesprochen wird in Cramers Team Englisch. Auch über Doping. Dass seine aktuellen Stars jetzt Angst haben, mit den Lims-Daten doch noch als Betrüger aufzufliegen, wäre übertrieben. «Aber natürlich ist es ein Thema.»

Eines, das für Cramer hoffentlich bald abgeschlossen ist. Schliesslich würden seine Athleten mindestens so oft getestet wie alle anderen Weltklasse-Läufer und wären jederzeit für die Kontrolleure greifbar. Der russische Skiverband habe vor Pyeongchang sogar aus dem eigenen Sack 400 000 Dollar in zusätzliche Dopingkontrollen gesteckt. Für ihn ist deshalb klar: «Mit dem, was ich persönlich in den letzten zwei Jahren mitgekriegt habe, bin ich mir sicher, dass da nichts mehr kommen wird.» Zumindest er sieht in Russlands Sport alles andere als ein Reich des Bösen.

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