Lange ist er her, mein letzter WK. Seit der Entlassung aus der Militärdienstpflicht bin ich dem Vaterland nichts mehr schuldig. Sieht man einmal von den Steuern ab. Doch jetzt, im fernen Korea, ist es auf einmal wieder da. Das Gefühl, der Schweiz zu dienen. Und sei es nur beim Streichen des Raclettes für hungrige Gäste. Der Ehrgeiz ist geweckt. Man will es perfekt machen. Schliesslich ist das hier das House of Switzerland.

Sie gehören inzwischen zu den Olympischen Spielen wie der Schmelzkäse auf die Kartoffeln – die Häuser der Nationen. Die USA haben eines, die Kanadier, die Österreicher, die Deutschen natürlich. Eigentlich alle, die etwas auf sich halten. Und wie in jedem anderen Haus hört man von den Machern des House of Switzerland: «Wir sind die Besten!»

Unser Sportredaktor servierte im House of Switzerland und stellte fest: Es gab dort etwas, das fast schon wichtiger war als die verschiedenen Medaillen.

Unser Sportredaktor servierte im House of Switzerland und stellte fest: Es gab dort etwas, das fast schon wichtiger war als die verschiedenen Medaillen.

 Der Videokommentar unseres Sportredaktors Rainer Sommerhalder in Pyeongchang. 

Im Dienst des Fussvolks

Über diesen kleinen Happen Heimat in der weiten Welt zu berichten, gehört zum Pflichtprogramm jedes Olympia-Reporters. Wieso also nicht die Perspektive wechseln und sich für einen Frondienst melden. Wo aber setzt man einen Schreiber mit zwei linken Händen ein? Kaum im Service, da braucht es Schweizer Qualität und keinen, der das Rotweinglas aus Gewohnheit bis zum Rand füllt. Die Lösung heisst Take-away-Chalet und befindet sich auf dem Vorplatz des mächtigen Holzgebäudes. Dort, wo das Public Viewing läuft und das Fussvolk Rast macht.

Gastgeber des Schweizer Hauses ist die dem EDA angegliederte Organisation «Präsenz Schweiz», die sich um die Pflege des Schweizer Erscheinungsbilds im Ausland kümmert. Partner sind zum einen der Sport-Dachverband Swiss Olympic, der im Haus eine Athletenlounge und einen Raum für Pressekonferenzen betreibt. Zum andern die SRG, die seit Sotschi 2014 das eigene Olympia-Studio in den Holzbau integriert hat. Dazu kommen verschiedene Sponsoren und Partner, teils mit eigenen Verkaufsflächen im Hauptgebäude, teils mit Präsentationen in den vorgelagerten Chalets.

In einem solchen Chalet stehe ich nun. Take-away-Chef Andrin stellt mir das Team und den Ablauf vor. Neben diversen Getränken werden drei Menüs angeboten: Raclette, Bratwurst und Rösti mit Pilzrahmsauce. Mein primäres Ziel ist es, dem tüchtigen Küchenpersonal nicht im Weg zu stehen. Ich probiere es mit dem Abstreichen von Raclette, stelle mich aber derart umständlich an, dass dieser Versuch schnell als gescheitert gilt. Kartoffeln vierteln, Essiggurken schneiden oder Silberzwiebeln herrichten gehören auch nicht zu meiner Kernkompetenz. Herrgott, wozu kann man diesen Schreiberling überhaupt gebrauchen!

Die Stimmung in der Hütte ist trotzdem gut. Das Personal versteht seinen Job, arbeitet effizient, verliert aber trotz langen Präsenzzeiten und engen Platzverhältnissen den Sinn für Humor nicht. Sie alle arbeiten für das Londoner Catering-Unternehmen Living Hospitality, das der Schweizer Starkoch Anton Mosimann gegründet hat und das heute von seinen beiden Söhnen Mark und Philipp geleitet wird. Seit 2008 treten sie in verschiedenen Rollen bei Olympia in Erscheinung. Zum einen als offizieller Caterer des IOC, zum andern für den Gastro-Betrieb in diversen Nationenhäusern. Hier in Pyeongchang ist die Mosimann-Truppe unter anderem für die Amerikaner und Kanadier im Einsatz. Insgesamt 120 Leute sind dafür nach Südkorea gereist, davon 32 in der Küche und im Service des House of Switzerland.

Ich wüsste eine Beschäftigung für mich. Die Schweizer Bratwürste so brutzeln, dass sie ein wenig Farbe bekommen. Am liebsten auf offenem Feuer. Aber dunkelbraune Würste sind vom Erscheinungsbild her leider nicht gefragt. Alles kommt dezent daher. Ich distanziere mich gedanklich von diesen blassen Würsten. Ich muss sie ja schliesslich nicht essen. Es ist übrigens verboten, Fleisch nach Südkorea einzuführen. Um trotzdem eine Bratwurst anzubieten, die etwas mit Schweizer Qualität zu tun hat, wurde ein pensionierter Metzger aus der Heimat eingeflogen. Er kombiniert Fleisch und Därme aus Korea mit der Rezeptur aus der Schweiz.

Diese Leute trifft man im House of Switzerland

Diese Leute trifft man im House of Switzerland (19. Februar)

Das House of Switzerland ist in Pyeongchang der Treffpunkt für Schweizer, aber nicht nur. Koreaner, die die Schweiz entdecken wollen oder lieben, schauen auch gerne vorbei. Bei Sonnenschein und Windstille ist die Stimmung gut bis ausgelassen.

Inzwischen habe ich meinen Traumjob gefunden: Glühwein-Ausschenken! Neben der traditionellen Variante gibt es den «Glühwein Korean Style». Gepfeffert mit hochprozentigem «Soju», dem berühmten koreanischen Reisschnaps. Das Getränk verkauft sich bereits am frühen Nachmittag wie geschmiert. Ich wirble hinter der Theke. Meine besten Kunden sind ausgerechnet drei Dopingfahnder der Wada. Sie scheinen an ihrem freien Tag zu testen, ob es für Reisschnaps künftig eine ähnliche Höchstmenge in den Dopingbestimmungen geben sollte wie für das Asthma-Mittel Salbutamol. Spätestens um 16 Uhr würden sie selbst hochgradig positiv getestet.

Das Publikum im House of Switzerland ist international. Neben Schweizern und Einheimischen sieht man viele Nordamerikaner und einige Skandinavier. Selbst Österreicher gehören zur Kundschaft, seit das nicht weit entfernte Austria-House neuerdings Eintritt verlangt. Rund 2000 Besucher zählt man täglich. Der Hit bei den Koreanern ist Käse. Bis Dienstagabend wurden rund 1000 Kilogramm Raclette und 750 Kilogramm Fondue verspeist.

Animation im Heidi-Kostüm

Zum Abschluss zeigt mir Yeju, wie man sich auf dem grossen Platz vor dem Haus sonst noch vergnügen kann. Zuvor animierte sie im Heidi-Kostüm die Besucher zu Selfies. Yeju ist eine von 37 Temporärarbeiterinnen und -arbeitern im Auftrag der Eidgenossenschaft. Sie hat sich nach einem Facebook-Aufruf der Schweizer Botschaft gemeldet. Bedingungen sind gute Englisch-Kenntnisse und das Beherrschen einer unserer Landessprachen. Meine koreanische Begleiterin hat in Genf studiert und spricht besser Französisch als ich.

Die Animateure sind für die Interaktion mit den Gästen verantwortlich, spielen mit ihnen Eishockey, schlagen Nägel ein, tauschen Pins, machen Fotos mit dem Jungfrau-Panorama im Hintergrund oder malen den Besuchern Schweizer Kreuze auf die Wange. Yeju will dies unbedingt auch bei mir machen. Doch irgendwann ist genug. Nachdem sie mich schon beim Nägel-einschlagen und im Eishockey deklassiert hat, sage ich zum ersten Mal an diesem Arbeitstag «Nein».

Welches Fazit ziehe ich von meinem freiwilligen Dienst fürs Vaterland? Erstens: Es hat Spass gemacht, weil ich auf eine motivierte Truppe traf. Zweitens: Koreanische Studenten verkaufen die Schweiz so gut, als hätten sie schon immer dazugehört. Drittens: Das Schweizer Kreuz zählt etwas bei den Gästen. Viele Besucher sind stolz, für einen kurzen Moment Teil dieses Qualitätslabels zu sein. Und sei es nur, indem sie einen Nagel einschlagen.