Ihr Markenzeichen, das fröhliche Lachen, verliert Jolanda Neff zwar nicht. Doch als zum wiederholten Male die Frage nach den Medaillenträumen kommt, dürften Gesichtsausdruck und innere Gefühlslage sich ziemlich widersprechen. «Ich bleibe dabei: Mein Ziel ist, gesund an den Start zu gehen. Das ist eine sehr wichtige Sache. Wenn Sie gesehen hätten, was an meinen beiden letzten WMRennen passiert ist, wüssten Sie das auch.»

Natürlich weiss der Radiomann, der nachgehakt hat, dass Neff 2015 «nur» WM-Neunte und dieses Jahr in Nove Mesto Achte wurde, weil sie eben nicht hundertprozentig fit in die Rennen gestartet war. Darum spricht sich nicht von Medaillen. Das Wort bleibt für sie tabu.

Immer wieder Probleme

Es ist zu spüren: Die Rennen rücken näher. Während bei den Männern Nino Schurter demonstrativ Lockerheit zeigt und nicht bloss das «M»-, sondern gleich das «G-Wort» (Gold!) in den Mund nimmt, wirkt Neff angespannter, sobald es um Zielsetzungen geht. Wer mag es der 23-Jährigen auch verübeln?

Die gesundheitlichen Probleme, zuletzt am Rücken, haben der Gesamtweltcupsiegerin von 2015 zuletzt an Grossanlässen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und darum gibt es nur jenen Satz, den sie wiederholt: «Ich will gesund an den Start gehen, danach sehen wir weiter.»

Jolanda Neffs Rolle im Schweizer Biketeam ist speziell. Als Einzige traf sie nicht erst am 9. August in Rio ein, weil sie bereits am ersten Olympia-Wochenende im Strassenrennen startete und dort das erste Diplom für die Schweiz errang. Vom Ausflug aufs Strassenrad hat sie sich schnell erholt. «Natürlich war das Rennen intensiv, aber halt doch kein Bikerennen.»

Ihr letztes Rennen auf gewohntem Gefährt fuhr sie vor der Reise nach Rio in London – und fühlte sich fit. «Ich will im Olympia-Rennen komplett durchziehen können.» Das ist ihr in letzter Zeit aus den genannten gesundheitlichen Problemen nie mehr gelungen.

Ein perfektes Umfeld

Sollte Jolanda Neff auf dem künstlich erstellten Olympiaparcours ohne Waldteil und ohne Wurzeln, dafür mit viel Steinen am Boden, beschwerdefrei an den Start gehen, ist ihr alles zuzutrauen. Sie stellt sich auf ein «einsames» Rennen ein. «Es hat auf der Strecke unzählige technische Hindernisse, fast alle 20  Sekunden eines.» Taktieren mit Windschattenfahren werde damit fast verunmöglicht. «Ich rechne darum eher mit einer Art Einzelzeitfahren, ohne Fahrergruppen.»

Das Drumherum auf jeden Fall stimmt. Im Stöckli-Team findet Jolanda Neff das professionellste Umfeld vor, das sie in ihrer Karriere erlebt hat. Sie zählt auf: «Wir haben zwei Mechaniker, einen Physio, einen Koch, und mit Ralph Näf einen Teammanager. Alles ist abgedeckt.» Früher sei es anders gewesen, erzählt sie mit einem Schmunzeln: «Der Physio kochte, darum gab es immer nur Nudeln.» Und vorher sei ihr Vater für alles da gewesen: «Mein Papi war gleichzeitig Manager, Mechaniker und Koch.»

Auf die familiäre Unterstützung verzichtet Jolanda Neff in Rio nicht. Mutter Doris und Vater Markus reisen extra für den Renntag an: «Das ist mir wichtig. Egal, wie viele Zuschauer an einem Rennen sind, ihre Stimmen höre ich immer.» 

Es stimmt also fast alles, damit Neff heute Abend das «M-Wort» endlich in den Mund nehmen darf.

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Grafik: Elia Diehl

Cartodb: Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro