Mentaltraining
«Ich will auch verstehen, was ich lehre»

Der ehemalige Handball-Internationale Mark Schelbert ist das Wagnis eingegangen und hat sich zum Mentaltrainer ausgebildet. Mit der richtigen «Kopfarbeit» könne ein Sportler definitiv mehr aus sich herausholen.

Rainer Sommerhalder
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Mark Schelbert (links) war als Handballer stets eine Leaderfigur, aber nicht immer ein „überlegter“ Spieler.

Mark Schelbert (links) war als Handballer stets eine Leaderfigur, aber nicht immer ein „überlegter“ Spieler.

Alexander Wagner

Muotathaler sind eine spezielle Gattung. Der Mikrokosmos im engen Tal, wo man im Winter während Wochen vergeblich auf einen Sonnenstrahl wartet, hat die Menschen geprägt. Der heimische Dialekt, die kompromisslos direkte Kommunikation und eine charakteristische Originalität machen die Bevölkerung einzigartig. Was für ein Naturereignis muss da erst ein Muotathaler Mentaltrainer sein?

Der Besuch beim ehemaligen Handball-Internationalen Mark Schelbert, der nach dem Abschluss seines Studiums als Sportwissenschaftler (2012) und nach Beendigung seiner Karriere (2014) seit einigen Monaten in Aarau als «Trainer für psychische Leistungsfähigkeit und diplomierter Mentalcoach» arbeitet, enttäuscht nicht. Der bald 30-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund. Seine Aussagen sind erfrischend präzis, seine Meinung oft fadengerade ehrlich und direkt. Athleten, die mit Schelbert zusammenarbeiten, wissen woran sie sind.

Eigene Erfahrung im Sport als Fundament

Der frühere Captain des HSC Suhr Aarau hat sich zum Mentaltrainer ausgebildet. Als Newcomer in der Branche setzt er auf die Sportwissenschaft als Fundament und auf eigene Erfahrungen als Spitzensportler. «Es ist wertvoll, wenn du schon selber an den Punkt gelangt bist, wo du am Anschlag warst», sagt er. Zu seinen Klienten zählen Athleten aus Einzelsportarten, Spieler aus dem Mannschaftssport, aber auch Geschäftsleute von Unternehmen. Was die Namen seiner Kundschaft angeht, bewahrt Schelbert Diskretion. Die Werbung für seine Dienste geschieht über Mund-zu-Mund-Propaganda der Klienten und durch seine Auftritte als Referent.

Weil der Beruf des Mentalcoachs kein geschützter Titel ist, gibt es beinahe so viele Wege dazu wie es Trainer gibt. Also ist grundsätzlich Vorsicht gefragt, wenn man sich auf einen Mentaltrainer einlässt. Auch bei Mark Schelbert? Der Innerschweizer hat Verständnis für eine skeptische Grundhaltung. Er findet sie richtig, denn schliesslich warnt auch er vor schwarzen Schafen unter den Berufskollegen, «die nach einem Wochenendkurs der Kundschaft das Blaue vom Himmel versprechen oder ihren Kunden Probleme erst aufschwatzen». Auch bei Mark Schelbert stand die Skepsis vor «diesem Hokuspokus» am Anfang seines ersten Kontakts mit der Materie.

«Ein völliger Seich war das»

«Als Sportler war ich zuerst ein absoluter Gegner von Mentaltraining», sagt Schelbert bewusst provozierend. Weil er als jugendlicher Handballer zwar ungemein talentiert, aber eben auch ein Hitzkopf war, organisierte sein Stammclub im Muotathal für ihn eine mentale Unterstützung. «Ein völliger Seich war das», sagt er rückblickend, «vor allem, weil ich vollkommen dagegen war».

Erst später in der Karriere realisierte Schelbert, dass er gewisse Dinge im Training zwar perfekt beherrschte, sie im Spiel aber nicht mehr funktionierten. Und dass es nicht die Lösung war, diese Dinge einfach noch mehr zu forcieren. Heute legt er Wert darauf, dank seines wissenschaftlichen Studiums auch «zu verstehen, was ich weitergebe». Wie genau funktioniert das menschliche Gehirn? Die Antworten auf diese Frage bilden die Basis von Schelberts Wirken.Der Mensch nehme eine Million Eindrücke pro Sekunde auf, könne aber nur 10 Eindrücke bewusst verarbeiten. «Also läuft viel unbewusst ab. Begreift man diesen Mechanismus, ist vieles schneller und einfacher lernbar.»

Schelbert war als Handballer ein grosser Kämpfer, der lange mit Herzblut und Ehrgeiz primär seinen Körper für die grossen Herausforderungen im Sport stählte. Heute weiss er, dass «es auch auf die psychische Leistungsfähigkeit ankommt. Je entscheidender der Moment, umso wichtiger ist der Kopf», sagt der Lehrersohn.

Sportler tragen häufig eine Maske

Wichtig ist ihm auch die Körpersprache, mit welcher seine Klienten auftreten. «55 Prozent der Kommunikation geschieht über die Körpersprache. Damit kannst du beim Gegenüber viel bewirken.» Kommt dazu, dass je nach Körperhaltung mehr oder weniger Stresshormone ausgeschüttet werden, was sich natürlich auf die Leistung auswirkt. Das Erkennen dieses Zusammenhangs erweckte in Schelbert auch das Interesse an der Körpersprache, in welcher er sich stetig weiterbildet.

Schelbert sagt, dass Sportler häufig eine Maske tragen und mit dieser die eigene Unsicherheit überspielen. Entscheidend sei, seinen wichtigsten Emotionen Platz zu geben. Dazu gehöre durchaus auch Wut oder Trauer. «Nicht immer hilft positives Denken. Manchmal tut auch fluchen gut», sagt der Muotathaler. Etwas gelte aber in jeder Situation: «Nur, wenn du auch an dich glaubst, wirst du den Mut haben, etwas wirklich zu verändern.» Mark Schelbert hat diese These bei seiner eigenen Berufswahl befolgt.

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