Interview
SCB-Trainer Hans Kossmann: «Ich war immer ein schlechter Verlierer»

Der kanadisch-schweizerische Doppelbürger Hans Kossmann, 57, ist beim SC Bern seit dem 28. Januar Nachfolger von Meistertrainer Kari Jalonen, 60. 2018 ist er mit den ZSC Lions Meister geworden. Ein Gespräch nicht nur über die Parallelen zum Job in Zürich und Bern.

Klaus Zaugg
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Feuerwehrmann Hans Kossmann in Diensten des SC Bern.

Feuerwehrmann Hans Kossmann in Diensten des SC Bern.

Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Bern, 29. Januar 2020)

Sie haben die ZSC Lions im Dezember 2017 als Nothelfer übernommen und zum Titel geführt. Sehen Sie Parallelen zwischen diesen ZSC Lions und dem SC Bern?

Hans Kossmann: Ja. Ich habe in Zürich und in Bern intakte Mannschaften mit einer Hierarchie und starken Leadern übernommen. Weder in Zürich noch jetzt in Bern war die Mannschaft zerrüttet. Aber die Verunsicherung der Spieler ist vergleichbar.

Aber die ZSC Lions hatten damals mehr Talent?

Ja und nein, die Kadertiefe war grösser, die Belastung war auf mehr Schultern verteilt.

Sie sind auch schon bei Ambri während der Saison eingestiegen. Haben Sie inzwischen eine Gebrauchsanleitung für Nottrainer?

Nein, natürlich nicht. Ich bin in allen Fällen gleich vorgegangen. Ich schaue, wer mein Vorgänger war, und überlege mir, was ich anders machen muss, um gewinnen zu können.

Sie meinen was Sie besser machen können?

Nein, es geht nicht darum, dass ich es besser kann. Ich überlege mir, was ich anders machen kann, was die Spieler vielleicht vermisst haben.

Die Art und Weise, wie Sie arbeiten, hängt also von Ihrem Vorgänger ab?

Zum Teil, aber ich habe meine Linie. Ich berücksichtige bei meiner Arbeit einfach, was zuvor in einem Team war.

Was machen Sie nun anders als Ihr Vorgänger Kari Jalonen?

Wie ich schon sagte, habe ich eine intakte Mannschaft übernommen. Ich versuche, den Spielern Selbstvertrauen zu geben und das Spiel schneller und einfacher zu machen. Den Puck schneller abzuspielen. Er ist immer schneller als der schnellste Spieler. Speed kills.

Sie versuchen sozusagen, den SCB wieder stürmen zu lassen?

Ja, so können wir es sagen. Aber es ist ein schwieriger Prozess. Es ist nicht möglich, in kurzer Zeit Gewohnheiten zu verändern. Deshalb gibt es Leistungsschwankungen. Wir haben beispielsweise in den Partien gegen Lugano und Davos vier Drittel lang kein Tor kassiert, aber dann in Davos im zweiten Drittel gleich drei. Es geht zwei Schritte vorwärts, aber dann wieder drei zurück. Es geht auch darum, die richtige Balance zu finden zwischen Struktur und spielerischen Freiheiten. Das ist schwierig. Und wichtig ist auch, eine Identität zu finden.

Wie kann ein Trainer erfahrenen Spielern wieder mehr Selbstvertrauen geben, damit solche Einzelleistungen gelingen?

Durch Vereinfachung des Spiels und durch persönliche Gespräche. Wir denken, gute Spieler müssten doch in der Lage sein, eine Mannschaft aus einer schwierigen Situation herauszuführen. Dabei wird vergessen, dass Verunsicherung die Leistung eines guten Spielers genauso beeinträchtigt wie die eines Durchschnittsspielers.

Wie gehen Sie vor? Toben Sie?

Nein. Aber ich war schon immer ein schlechter Verlierer und wenn ich sehe, warum wir verloren haben, dann sage ich klar und deutlich, was Sache ist. Aber einfach Toben bringt niemanden weiter. Jeder versucht, seine beste Leistung abzurufen, es fehlt nicht am Willen. Es hilft nicht, wenn ich noch mehr Druck aufsetze und die Spieler am Ende den Stock noch verkrampfter halten. Ich versuche, die Spielfreude und die Leidenschaft zu wecken.

Sie haben ein perfektes Geschäftsmodell entwickelt: Sie geniessen den Sommer und den Herbst, unbelastet von der Verantwortung für ein Team, und nehmen erst um die Jahreswende die Arbeit wieder auf. Das ist wahre Life-Work-Balance.

Ich war froh um die Zeit, die ich in Nordamerika verbringen konnte. Ich war fast 20 Jahre vor allem in der Schweiz, aber ich habe viele Verwandte in Nordamerika, die ich nicht viel gesehen habe. Sie haben recht, die Life-Work-Balance stimmte.

Und wenn Ihr Agent geschickt verhandelt hat, haben Sie so hohe Prämien in Ihren Vertrag eingebaut, dass Sie im Falle einer Playoff-Qualifikation so viel verdienen, wie wenn Sie die ganze Saison als Trainer gearbeitet hätten.

Nein, nein, so ist es nicht.

Gefällt Ihnen der Job als «Feuerwehrtrainer» so gut, dass Sie gar keinen Ganzjahresjob mehr suchen?

Ich schaue, was sich ergibt, und bin offen für alles. Das muss man in diesem Geschäft sein.

Hätten Sie eigentlich nach der letzten Saison auch in Wolfsburg in der DEL weitermachen können?

Ja, das wäre möglich gewesen. Aber ich habe es vorgezogen, den Vertrag nicht zu verlängern.

Weil in Deutschland halt viel weniger Geld zu verdienen ist.

Sagen wir es so: Die Berge sind in Wolfsburg weniger hoch als in der Schweiz und bei den Salären ist es ungefähr gleich. Spass beiseite: Wolfsburg ist ein Team mit einem kleinen Budget, das selbst dann, wenn alles perfekt läuft, höchstens die Playoffs erreichen kann. Das waren für mich keine Perspektiven. Dazu kam, dass ich im Januar 2019 meine Mutter verloren habe.

Zurück zur Gegenwart: Der ausländische Stürmer Jan Mursak ist wegen eines Kopfstosses gesperrt. Ersetzen Sie ihn durch Christian Thomas?

Ja, ich denke schon. Obwohl wir zur Beruhigung des Spiels eigentlich auch Andrew MacDonald gut gebrauchen könnten.