Schweizer Nationalmannschaft

«Ich spürte deutliche Ablehnung» – Petkovic spricht über seine Entwicklung

Vom Zweifler zum Erfolgstrainer. Vladimir Petkovic (54) sagt: «Ich bin weniger die Zielscheibe als früher.»

Vom Zweifler zum Erfolgstrainer. Vladimir Petkovic (54) sagt: «Ich bin weniger die Zielscheibe als früher.»

Vladimir Petkovic spricht vor den letzten WM-Quali-Spielen der Schweiz über seine Entwicklung als Nationaltrainer

Wann haben Sie gespürt, dass die Schweiz Sie als Nationaltrainer akzeptiert?
Vladimir Petkovic: Vor der EM in Frankreich, während der Vorbereitung im Tessin.

Haben Sie sich verändert?
Ich denke, ich bin im Wesentlichen der Gleiche geblieben. Wir haben aber in den Abläufen gewisse Dinge verändert. Im Umgang mit den Medien beispielsweise. Ich habe mir mehr Zeit für Einzelgespräche mit Journalisten genommen. Damit sie besser erfahren, wer und wie ich bin, was ich denke, worauf ich besonderen Wert lege. Ausserdem kam erleichternd dazu, dass ich mich nicht mehr nur verteidigen musste, weil die guten Resultate halfen. Darauf reifte in der Öffentlichkeit die Erkenntnis, dass wir eine positive Einheit mit einem positiven Teamgeist geworden sind. Das bezieht sich nicht nur auf die 23 Spieler, sondern auch auf jene, die zu Hause sind und den ganzen Mitarbeiterstab.

Ich habe aber schon das Gefühl, dass Sie lockerer, gelassener, zutraulicher geworden sind. Täuscht der Eindruck?
Ich bin weniger die Zielscheibe – das hat sich verändert.

Sie müssen sich seltener in den Schützengraben zurückziehen?
Ja. Am Anfang spürte ich deutliche Ablehnung gegen mich. Da ist es nicht einfach, locker zu bleiben, zu lachen. Wenn man nicht viel Respekt spürt, ist es enorm schwierig, Gelassenheit auszustrahlen. Dabei habe ich am Anfang gesagt: Wenn wir einander mit Respekt begegnen, wird es für alle einfacher. Aber es dauerte eineinhalb Jahre, bis ich diesen Respekt gespürt habe.

Das Spiel in Zürich Ende März 2016 gegen Bosnien-Herzegowina war ein Tiefpunkt. Die Fans sind nicht gekommen…
…Doch sie sind gekommen und haben 90 Minuten gesungen.

Aber nur für das Auswärts-Team. Die Nati hatte sich damals vom Publikum entfremdet, obwohl es hiess, der von uns thematisierte «Balkan-Graben» sei entweder zugeschüttet oder habe gar nie existiert. Haben Sie in dieser Zeit gehadert, gezweifelt?
Nein. Trotz den Niederlagen gegen Irland und Bosnien-Herzegowina war ich überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Denn wir haben schon nach der erfolgreichen EM-Qualifikation begonnen, vieles in die richtige Richtung zu lenken.

«Ich war überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»

«Ich war überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»

Was konkret?
Wir haben viele Diskussionen geführt, in denen ich nichts anderes wollte, als dass alle Probleme auf den Tisch kommen. Ich habe die schonungslose Reflexion provoziert. Alle haben sich geöffnet. Vermeintliche Probleme haben sich als unbedeutend herausgestellt. Diese Gespräche hatten eine positive Wirkung. Und dann kam die unmittelbare EM-Vorbereitung. Erst in Lugano, wo wir als Team näher zusammengerückt sind, uns aber auch gegenüber den Medien und den Fans noch mehr geöffnet haben. Lugano war enorm wichtig für die Entwicklung zu einer verschworenen Einheit. Als wir uns dann in Frankreich auf die EM vorbereiteten, gab ich jedem Spieler und Staff-Mitglied ein Puzzle-Teil in die Hand. Mit der unmissverständlichen Massage: Jeder muss seinen Teil dazu beitragen, dass etwas Grosses entsteht.

Blenden wir zwei Jahre zurück. Damals verhielten sich Stephan Lichtsteiner und Xherdan Shaqiri, das Duo auf der rechten Seite, wie ein zerstrittenes Ehepaar. Heute ähneln die beiden – überspitzt formuliert – zwei frisch Verliebten. Was haben Sie mit den beiden gemacht?
Als ich Nati-Trainer wurde, war mir wichtig, dass alle Spieler am selben Tisch sitzen. Der zweite Schritt: Den rechten Teil des Tisches mit dem linken Teil zusammenzubringen. Es war ein langer Prozess. Die erste Phase verlief eigentlich gut. Weil vieles auf den fussballerischen Bereich, die Spielidee und taktische Varianten fokussiert war. Aber dann wurden Probleme von aussen in die Mannschaft getragen wie Ihr Balkan-Graben. Das hat meine Arbeit nicht auf Anhieb erleichtert, aber auch dazu beigetragen, dass wir noch schneller und stärker zusammenwuchsen.

Haben Sie sich unterdessen mit der Schweiz, mit den Medien und mit den Fussballfans versöhnt?
Ich brauchte keine Versöhnung. Ich habe nur zweimal auf Angriffe reagiert, in dem ich meine Standpunkte unmissverständlich dargelegt habe. In beiden Fällen war nicht ich die Zielscheibe. Wenn der Entwicklungsprozess des Teams gefährdet ist, setze ich mich zur Wehr. Zugegeben, ich agiere heute vielleicht früher. Nach dem Motto: Wehret den Anfängen.

Fürchten Sie sich davor, die gute Ausgangslage in der WM- Qualifikation zu verspielen?
Jetzt sind wir in der negativen Denkweise, das gefällt mir nicht. Wir haben nie gesagt, die Schweiz muss die Qualifikation auf Platz eins abschliessen. Zum Glück stehen wir jetzt so gut da, dass wir theoretisch den ersten Platz verspielen könnten. Aber die ganze Welt würde es als eine grosse Sensation werten, wenn wir Portugal hinter uns liessen.

Nochmals …
… Nein, ich habe keine Angst.

Respekt?
Es tönt vielleicht absurd: Aber entscheidend für die letzten zwei Spiele ist, dass wir nicht zu euphorisch sind, sondern mit kühlem Kopf auftreten und clever agieren. Wir müssen selbstbewusst in die Spiele gehen, aber wir dürfen nicht zu ehrgeizig sein und denken, wir könnten in Portugal gleich auftreten wie gegen Andorra. Wir müssen intelligent spielen und versuchen, unserem Stil, dominant aufzutreten, treu bleiben.

«Ich habe keine Angst.»

«Ich habe keine Angst.»

Es gibt Trainer, die sagen, die Angst vor der Niederlage sei ihre stärkste Triebfeder.
Das gilt für mich nicht. Für mich sind die nächsten drei Punkte die stärkste Motivation.

Sind Sie ein Typ, der sich während der Fahrt durch den Gotthard-Tunnel Gedanken macht, was jetzt alles passieren könnte?
Nein. Ich freue mich auf das, was ich am anderen Ende sehen und erleben darf. Natürlich mache ich mir Gedanken über reale Ereignisse wie das Erdbeben in Mexiko. Aber ich bin nicht der Typ, der sich mit möglichen Katastrophen auseinandersetzt. Ich bin grundsätzlich nicht der Typ, der schwarzmalt.

Haben Sie die Erinnerung an die letzten Monate bei YB, als Sie einen grossen Vorsprung auf Basel verspielt haben, gelöscht?
An den meisten Orten, wo ich gearbeitet habe, dachten die Leute: Nach Petkovic wird es noch besser. Verstehen Sie mich nicht falsch: Aber irgendwie war es schon eine Bestätigung für meine Arbeit, dass YB nach mir nicht wirklich viel erfolgreicher war. In Bern redet man offenbar noch heute gerne über die Zeit, als ich Trainer bei YB war.

Gibt es Spiele, in denen Sie noch unmittelbar vor dem Anpfiff an Ihrer Aufstellung zweifeln?
Ja. Und ich sage Ihnen: Das sind schwierige Momente für einen Trainer. Denn es ist ähnlich wie beim Penaltyschiessen. Wer unmittelbar vor dem Schuss seinen ursprünglichen Plan über den Haufen wirft, nicht mit voller Überzeugung schiesst, läuft Gefahr, dass er verschiesst.

Wie gehen Sie mit solchen Zweifeln um?
Indem ich es mit mir selber ausmache. Und vor allem: indem ich möglichst auf den ursprünglichen, den ersten Plan vertraue. Es ist ähnlich wie beim Gotthard. Airolo rein, Göschenen raus, gradlinig, ohne Umwege.

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Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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